18.02.2010 · Der persönliche Marathon lässt Magdalena Neuner keine Pause, die Olympiasiegerin hat noch drei Medaillen-Möglichkeiten. Auch finanziell tun sich für die Biathlon-Millionärin neue Perspektiven auf - das ist ihr völlig wurscht.
Von Claus Dieterle, WhistlerIhre erste Siegerehrung auf der Medals Plaza in Whistler hat Magdalena Neuner als tief bewegend empfunden. Auch wenn sie damals nach dem Sprint mit dem Silbertreppchen unterhalb der Slowakin Anastasia Kuzmina vorliebnehmen musste. Diesmal, nach dem Verfolgungsrennen, hatten die beiden Biathletinnen die Plätze getauscht, und die Deutsche wartete gespannt auf die emotionale Steigerung. Schließlich war es ihr Gold.
Die Medaille, die sie so sehnlichst gewollt hat, der Traum, der endlich in Erfüllung gegangen ist. „Aber dann habe ich nur da oben gestanden und mich umgeschaut.“ Und sich gewundert, dass keine überwältigenden Gefühle aufkamen, keine Tränen, kein Kloß im Hals. Das war der Moment, in dem Magdalena Neuner begriffen hat, „dass das Gold bei mir im Kopf noch gar nicht angekommen ist“.
In der Hand schon, denn wenig später posierte sie im Deutschen Haus mit dem Goldstück für die Fotografen, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis sie begreift, was es heißt, Olympiasiegerin zu sein. „Vielleicht hilft es ja, wenn ich mir die Goldmedaille unter das Kopfkissen lege“, sagte sie. Aber der persönliche Olympia-Marathon lässt ihr keine Pause, keinen Moment der Muße, um das alles in Ruhe in sich aufzunehmen. Es geht noch eine Weile weiter mit dem Stressprogramm. Sie will es ja nicht anders.
„Jeder Wettkampf hat für mich erste Priorität“
Schon werden, was den Medaillenhunger angeht, Vergleiche mit dem Norweger Ole Einar Björndalen angestellt, der 2002 in Salt Lake City vier Goldmedaillen gewonnen hat. Das könnte Magdalena Neuner in Whistler auch noch erreichen, denn mit 15-Kilometer-Einzelrennen, Massenstartrennen und Staffel tun sich noch drei Möglichkeiten auf. „Jeder Wettkampf bietet eine Chance, jeder hat für mich erste Priorität.“ Vor nicht allzu langer Zeit hätte sich Magdalena Neuner noch ein bisschen vor dem Einzel mit seinen vier Schießeinlagen und seinem harschen Strafminutenkatalog gefürchtet. Jetzt sagt sie: „Ich bin wahnsinnig sicher am Schießstand und top drauf in der Loipe.“ So, als könnte sie nichts mehr erschüttern.
Wie beim Verfolgungsrennen, in dem sie im Duell mit Anastasia Kuzmina vor allem drei Dinge auszeichneten: Ruhe bewahren, sich nicht unter Druck setzen lassen, sein eigenes Rennen machen. Und - viertens - kein Risiko eingehen. Sie hätte sich auf der Zielgerade längst entspannen und den Triumph genießen können, weil von der Slowakin keine Gefahr mehr drohte, aber „ich wollte kein Risiko eingehen“. Bloß nicht Gold noch durch Sorglosigkeit verlieren.
Brachliegende Reserven erschließen
Der Olympiasieg ist eine neue Stufe in der steilen Karriere der Magdalena Neuner, eine Stufe, die die junge Frau aus dem kleinen Örtchen Wallgau in Oberbayern nur erklimmen konnte, weil sie selbst als Persönlichkeit einen großen Schritt gemacht hat. Sie hat sich in jeder Hinsicht weiterentwickelt. Und hier ist der Vergleich mit Björndalen gar nicht so abwegig. Auch der hat sich im Laufe der Zeit von einem Laufwunder in einen kompletten Biathleten verwandelt, auch er hat sehr früh entdeckt, dass man mit mentalem Training noch brachliegende Reserven erschließen kann, auch er hat damit seine Unberechenbarkeit mit dem Gewehr in den Griff bekommen.
Björndalen gewinnt heute seine Rennen meist am Schießstand, selbst wenn er in Whistler bislang noch kein Glück hatte. Magdalena Neuner verliert ihre Rennen nicht mehr am Schießstand, so, wie sie das früher oft genug getan hat. Auch sie hat begriffen, dass es nicht reicht, nur den Körper zu trainieren, dass es nicht reicht, sich die lästige Außenwelt am Schießstand mit gelben Ohrenstöpseln allein vom Leib zu halten. „Ich habe das, Gott sei Dank, früh genug verstanden und sehr viel im mentalen Bereich gearbeitet. Das hat mich extrem weitergebracht.“ Den ewigen Nachfragern gibt sie ihr Geheimnis aber nicht preis. „Zu komplex“, behauptet sie. Es reicht ja auch, zu sagen: „Ich glaube jetzt einfach an mich. Ich bin ausgeglichen, bin zufrieden mit dem, was ich mache, und ich habe meine Ziele. Es ist ganz wichtig, dass man weiß, was man erreichen will.“
Nichts von ihrer unverfälschten Natürlichkeit eingebüßt
Gold, das war ihr großer Traum, und der ist jetzt in Erfüllung gegangen. Sie will ja doch zu den Legenden im Biathlon zählen, und das - glaubt sie zumindest - wird man nur als Olympiasieger. Magdalena Neuner hat nichts von ihrem Charme, von ihrer unverfälschten Natürlichkeit eingebüßt, aber sie ist nicht mehr das unbedarfte Wunderkind, das 2007 bei der Weltmeisterschaft in Antholz mit Tempo- läufen und mehr oder weniger gelungenen Schießeinlagen für Furore sorgte. „Ich bin da einfach so reingeraten und konnte meine drei WM-Titel gar nicht richtig einschätzen“, sagt sie.
Genauso wenig wie den Riesentrubel um sie, der manchmal schon beängstigende Formen angenommen hatte. Aber die Zeiten ändern sich, und mit ihnen der Mensch. Heute steht da eine reife junge Frau, die ihre Erfahrungen gemacht hat, die Höhen und Tiefen durchlebt hat, ihre Lehren daraus gezogen hat und die die Dinge jetzt einfach besser einordnen kann. „Ich erlebe heute alles bewusster.“ Auch wenn das mit dem Olympiasieg noch nicht tiefer gedrungen ist.
„Geld ist nicht mein Motiv“
Genauso wenig wie die Tatsache, was Gold auch finanziell bedeuten könnte. Das ist der Biathlon-Millionärin völlig wurscht - im Moment jedenfalls. „Daran habe ich noch keinen Gedanken verschwendet. Ich bin Biathletin aus Leidenschaft, Geld ist nicht mein Motiv.“ Aber natürlich werden sich jetzt neue Möglichkeiten für sie auftun - vor allem, wenn das so weitergeht. Dann könnte auch die Hierarchie im deutschen Team durcheinander geraten - zumindest die Harmonie.
Da winkt Magdalena Neuner ab: „Meine Position im Team hat sich nicht verändert. Ich habe auch gar nicht den Drang, in der Hierarchie ganz oben zu stehen.“ Wenn es überhaupt eine Leitwölfin gebe, dann Kati Wilhelm. Und die habe ja auch mehr Erfahrung - und dreimal so viel Gold. Manche sagen: noch.