03.02.2010 · Biathletin Magdalena Neuner über die Beziehung zu ihrer Waffe und die Angst vor dem Fehlschuss. Teil 2 der Interview-Serie vor den Olympischen Winterspielen von Vancouver.
Wer ist Schuld, wenn der Schuss nicht ins Schwarze trifft? Biathletin Magdalena Neuner über die Beziehung zu ihrer Waffe und die Angst vor dem Fehlschuss.
Es gibt Kollegen, die geben ihrem Gewehr einen Namen. Michael Greis nennt es „mein Baby“, Christoph Sumann sagt bisweilen „Henrystutzen“. Wie heißt Ihr Gewehr?
Meine Waffe hat keinen Namen. Aber sie hat schon einen ganz anderen Stellenwert als beispielsweise die Ski. Da hat man 30 Paar im Skisack, mal geht der eine gut, mal der andere, je nach Bedingung. Da hat man nicht so den Bezug. Aber man hat nur eine Waffe.
Kati Wilhelm hat zugegeben, dass sie manchmal mit ihrem Gewehr redet, es auch schon mal lobt. Was sagen Sie Ihrer Waffe?
Jeder hat so seine eigene Art, damit umzugehen. Da lacht man auch nicht drüber. Ich habe eigentlich eine gute Beziehung zu meinem Gewehr, auch wenn ich ihm keinen Namen gebe und nicht mit ihm rede. Und es muss auch leider im Keller schlafen.
Was? Ole Einar Björndalen sagt, bei ihm liegt die Waffe im Schlafzimmer.
Wenn ich kontrolliert würde, bekäme ich da Probleme. Nein, da muss man sehr vorsichtig sein. Es ist gerade in letzter Zeit ein sensibles Thema, wenn man an die Diskussionen nach den Amokläufen an Schulen denkt. Ich habe einen Waffenschrank im Keller, und dort gehört die Waffe auch rein. Im Schlafzimmer hätte ich sie sowieso nicht gern. Das ist eine Schusswaffe, die tödlich sein kann, das muss man sich immer wieder bewusstmachen.
Tut man das?
Das ist natürlich nicht ständig im Kopf, aber es passieren immer wieder mal Unfälle. Vor zwei Jahren hat in Schweden ein Sportler seinen Bruder aus Versehen erschossen. Das sind Vorfälle, wo ich mir sage: Du musst absolut vorsichtig sein. Die Gefahr ist, dass man bei allem, was mit Routine verbunden ist, irgendwann schlampig wird.
Wie kann man das verhindern?
Indem man sich jedes Mal, wenn man die Waffe in die Hand nimmt, bewusstmacht: Vorsicht, die ist gefährlich! Ist sie gesichert? Ist noch Munition drin? Gerade nach dem, was Andrea Henkel bei der WM in Pyeongchang passiert ist (die Thüringerin hatte beim Trockentraining in der Halle aus Versehen noch ein Reservemagazin im Schaft. Eine Kugel daraus durchschlug die Wand und blieb auf der anderen Seite des Ganges in einer Metalltür stecken, ohne jemanden zu verletzen), habe ich das immer im Hinterkopf.
Wann haben Sie das erste Mal ein Gewehr in der Hand gehabt?
Mit neun Jahren, beim Biathlon. Es war ein Luftgewehr. Heute geht das erst mit zehn.
Wo kommt die Faszination für das Schießen her?
Die liegt wohl in der Familie. Mein Onkel und mein Vater haben bei uns im Verein geschossen, mein großer Bruder ist Sportschütze in der Bayernliga. Mein Opa war Jäger, und deswegen hatten wir schon immer Waffen im Haus. Da wächst man als Kind mit auf. Ich habe damals Langlauf gemacht, und als eine Freundin gesagt hat: „Komm doch mal mit zum Biathlon, das ist mit Schießen“, habe ich gedacht: Oh, Schießen, das ist cool. Es hat mich auch sofort fasziniert. Und es ist immer noch so.
Sie haben vor Ihrem Start in die Saison zwei Wochen lang keine Waffe in der Hand gehabt. Weil Sie krank waren und das Gewehr zudem in Östersund, wo der Weltcup-Auftakt ohne Sie stattfand, gelandet ist. Wie hat es sich angefühlt, als Sie wieder trainiert haben?
Im ersten Moment war es schon komisch. So eine Art Fremdkörpergefühl. Sonst hat man das Gewehr jeden Tag in der Hand, es gehört irgendwie zu einem. Man weiß genau, wie es sich anfühlt. Nach zwei Wochen fehlt dieses Gefühl der Vertrautheit ein bisschen. Aber es kommt auch wieder.
Sie hätten mit einer Ersatzwaffe üben können.
Im Prinzip ja, aber davon wird das Gefühl für die eigene Waffe auch nicht besser. Die Gewehre sind individuell maßgeschneidert. Man muss sich damit wohl fühlen. Deswegen tüftelt man auch viel. Ich habe mir dieses Jahr einen neuen Schaft machen lassen. Dafür habe ich extra ein paar Tage in Oberhof beim Waffenmeister Sandro Brislinger verbracht. Jetzt ist alles ein bisschen filigraner, enger, kompakter, so dass ich mehr Gefühl auf die Waffe bringen kann. Jetzt passt alles.
Sie tüfteln also nicht selbst?
Nein, das ist Präzisionsarbeit, und ich fände es merkwürdig, wenn ich jetzt einfach ein bisschen am Schaft rumschnitzen würde. Da wäre der Waffenbauer bestimmt entsetzt. Nein, das lässt man ordentlich machen.
Ist Ihnen schon mal was richtig Ärgerliches mit der Waffe passiert?
Wenn einem ein Schuss rausrutscht, weil man den Abzug eben doch stärker drückt als beabsichtigt. Das ärgert einen. Oder wenn man die Munition im Magazin vergisst oder auf die falschen Scheiben schießt. Ich habe schon mal stehend auf die Liegendscheiben geschossen und musste fünfmal in die Strafrunde, obwohl ich zwei Scheiben getroffen hatte.
Macht man die Waffe manchmal im Affekt für die eigenen Missgeschicke verantwortlich? Führt sie bisweilen so eine Art Eigenleben?
Natürlich weiß man, dass die Waffe nichts dafür kann, wenn man bei Wind nicht richtig reagiert. Aber in der ersten Wut kann es schon mal vorkommen, dass man sie in die Ecke schmeißt. Vor allem wenn man danebenschießt und es sich überhaupt nicht erklären kann. Da denkt man schon: Was machst du hier mit mir?
Was ist der größte Unterschied zwischen Männern und Frauen im Umgang mit dem Gewehr? Die Trefferquote?
Wir Frauen waren in den letzten Jahren sogar die besseren Schützen. Das ist verwunderlich, weil die Männer mehr Kraft haben, die Waffe aber für beide Geschlechter das gleiche Mindestgewicht von dreieinhalb Kilo hat. Da müssten sich die Männer eigentlich leichter tun. Wir trainieren genauso viel, aber vielleicht haben wir generell mehr Ruhe. Das gilt jetzt nicht unbedingt für mich. Wir Frauen sind nicht so die Tüftler, die in Eigenarbeit werkeln wie die Männer. Wir geben die Waffe lieber ab, wenn was verändert werden muss.
Beim Schießen hängt viel von der Ruhe, der inneren Balance ab. Bringt der berühmte Mentaltrainer wirklich etwas?
Definitiv. Ich habe mir letztes Jahr einen Schießtrainer gesucht. Da habe ich erst gesehen, wie gut ich technisch bin. Aber warum treffe ich dann nicht? Weil es bei mir im Kopf oft zu rattern anfängt, wenn ich am Schießstand stehe und Angst habe, dass ich mich im Ziel rechtfertigen muss, wenn es heißt: Die Neuner hat's mal wieder vergeigt. Deswegen habe ich mich mit mentalem Training beschäftigt.
Wie muss man sich das vorstellen?
Ich habe jemanden, der mir Sicherheit gibt. Das sind keine Rituale, wo ich am Start irgendwelche Formeln murmele und ein Tänzchen aufführe. Das sind stundenlange Gespräche und Übungen, bei denen vieles aufgearbeitet wird. Ich habe einige Schießtraumen gehabt, wie zum Beispiel in Antholz. Das setzt sich fest, auch wenn man es verdrängt. Es gibt Momente, in denen man das sofort wieder vor Augen hat. Das muss man aus dem Kopf rauskriegen, indem man eben versucht, diese Erlebnisse aufzuarbeiten und etwas Positives mitzunehmen. Ich hoffe, dass mich das weiterbringt. Aber das ist wie Training. Da kommt der Effekt auch nicht über Nacht.