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Magdalena Neuner „Es wird wohl noch heftiger“

21.02.2010 ·  Magdalena Neuner, 23 Jahre, Harfespielerin, strickbegeistert, schafft nahezu alles im ersten Anlauf - auch den Olympiasieg. Sie bleibt dennoch die Ruhe selbst: Der deutsche Biathlon-Star über Titelträume, Mentaltraining und das nächste Rennen am Sonntag.

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Magdalena Neuner aus Wallgau, 23 Jahre alt, Harfespielerin, strickbegeistert, schafft nahezu alles im ersten Anlauf. Bei ihrer ersten WM 2007 gewann sie gleich drei Titel, holte sich ein Jahr später als jüngste Biathletin den Gesamt-Weltcup – und die WM-Titel Nummer vier bis sechs. Jetzt, bei ihren ersten Olympischen Spielen, hat sie Silber im Sprint und dann Gold in der Verfolgung gewonnen. Und noch warten Massenstart (22 Uhr/ live in der ARD und FAZ.NET-Liveticker: Olympia 2010) und Staffel.

Können Sie den Wert der Goldmedaille beschreiben?

Das war ein Kindheitstraum von mir. Ich wollte das schon immer schaffen, Olympiasiegerin zu werden. Mit einem Olympiasieg geht man in die Geschichte ein und wird zur Legende. Es ist etwas ganz anderes als ein Weltmeistertitel.

Welche Gefahren stecken in der Medaille?

Klar weiß ich, dass mit dieser Medaille ein Haufen Arbeit auf mich zukommt und viel Stress. Das hatte ich ja 2007 und 2008 schon, also weiß ich, was mich erwartet. Ich habe mittlerweile Erfahrung und die richtigen Leute, die hinter mir stehen. Deshalb sehe ich keine Gefahren.

In Antholz, bei der Weltmeisterschaft 2007, hat die Lena-Manie angefangen (siehe:Biathlon-WM: Nachwuchsstar Magdalena Neuner siegt im Sprint). Nicht nur des sportlichen Erfolges wegen. Beim Fotografen-Termin an ihrem 20. Geburtstag knackte das Eis des Antholzer Sees gefährlich, so gewaltig war der Medienrummel. Und die Touristen drückten sich die Nasen an den Fensterscheiben des deutschen Mannschaftshotels platt, um ja einen Blick auf das Wunderkind zu werfen. Danach prasselte einiges auf die junge Wallgauerin ein. Termine, Termine, Termine. Aber auch Verträge, Verträge, Verträge – eine neue Dimension in der Vermarktung. Die erste Biathlon-Millionärin, heißt es. Und oft standen Touristen im Garten der Neuners, um mal eben mit „der Lena“ zu plaudern. Oft genug kam die Regeneration zu kurz.

Was unterscheidet Sie von der Lena, die 2007 in Antholz für Furore gesorgt hat?

Ich bin reifer und erwachsener geworden, es sind ja auch ein paar Jahre vergangen. Ich bin jetzt 23, ich habe Höhen und Tiefen hinter mir. Ich weiß mittlerweile, was ich will und was ich nicht will. Damals war alles ganz neu, und ich musste mich erstmal orientieren. Ich denke, dass ich auch unheimlich gewachsen bin an dem Ganzen.

Sind Sie heute besser gerüstet für das Leben nach der Goldmedaille?

Ich glaub’ schon. Damals wusste ich überhaupt nicht, was los ist. Und jetzt stelle ich mir einfach mal vor, dass es noch ein bisschen heftiger wird, als ich es erwarte. Das werde ich in den Griff kriegen.

Welche Schlüsselerlebnisse waren für Ihre Entwicklung wichtig?

Viele. Eigentlich haben sie alle ihren Wert, egal, ob sie gut oder schlecht waren. Es bringt einen weiter, wenn man auch mal Niederlagen einstecken muss. Die fünf Fehler in Antholz waren sicher auch wichtig für mich. Das war der Punkt, wo ich erkannt habe, dass ich auch etwas im mentalen Bereich machen muss. Oder die Krankheiten, aus denen ich die Lehre gezogen habe, dass ich weniger Stress haben muss. Ich habe aus allem etwas gelernt. Ich habe alles ausgeschöpft, damit es bei Olympia optimal läuft.

Antholz, immer wieder Antholz. Im wunderschönen Hochtal auf 1600 Metern Höhe hat Magdalena Neuner ihr sportlich vielleicht dunkelstes Kapitel erlebt, das sie erst später als Trauma einordnete. Es war im Januar 2009, als die Biathletin mit 50 Sekunden Vorsprung in Führung lag. 15 Treffer hatte sie bis dahin mühelos gesetzt. Ein letztes Mal setzte sie das Kleinkalibergewehr an – und schoss fünf Mal daneben. Höchststrafe für einen Biathleten. Ein Nackenschlag, aber auch ein Wendepunkt. Es war das schwächste Jahr für Magdalena Neuner, wenngleich auf hohem Niveau, nachdem sie 2008 in Östersund wieder drei Weltmeistertitel gesammelt hatte, und sie war froh, aus Pyeongchang wenigstens mit Staffelsilber zurückzukommen. Zur Abwechslung war Kati Wilhelm der große Star.

Olympia ist der Höhepunkt Ihrer Karriere. Gab es auch einen Tiefpunkt. Pyeongchang vielleicht?

Bei der WM ist es nicht so toll gelaufen, weil ich immer wieder gesundheitliche Probleme hatte. Das war echt schade. Ich habe trotzdem eine gute Weltcupsaison gemacht letztes Jahr. Aber so ganz krasse Tiefpunkte? Antholz 2009 vielleicht. Man muss sich darauf einstellen, dass es im Sportlerleben immer Rückschläge gibt. Um so schöner ist es, wenn man wieder aus dem Tief draußen ist.

Hier im Olympic Park von Whistler betont Magdalena Neuner immer wieder, wo ihre Ruhe und Selbstsicherheit am Schießstand herkommen. Dass die Angst zu versagen weg sei, dass sie sich auf das Schießen freue. Das Thema mentales Training, mentale Stärke zieht sich durch die Spiele wie ein roter Faden. Es ist die Lehre aus ihren Schießtraumata, nachdem der Versuch, mit Nachhilfeunterricht bei dem Sportschützen Rudi Krenn weiterzukommen, gescheitert war. Weil es kein technisches Problem war, sondern ein mentales.

Wie hoch ist der Anteil des Kopfes an Gold?

Die körperliche Fitness ist natürlich das A und O. Wenn ich die habe, aber merke, mir fehlt die Sicherheit oder das Selbstbewusstsein, dann muss ich daran arbeiten. Läuferisch passt es sowieso super, aber früher habe ich meine Schießleistungen im Training nicht im Wettkampf umsetzen können. Deswegen ist das mentale Training das letzte Quentchen zum Erfolg.

Wenn Ihnen das so wichtig ist, warum machen Sie so ein großes Geheimnis um die Inhalte?

Ich mache kein Geheimnis draus, aber ich möchte nicht einfach ein paar Stichworte sagen. Es steckt unheimlich viel mehr dahinter als nur positives Denken, und ich möchte vermeiden, dass die Leute, die mentales Training belächeln, ihren Senf dazugeben. Ich habe mir aber vorgenommen, nach Olympia auf meiner Homepage ein bisschen genauer zu beschreiben, was ich da mache.

Was bringt Ihnen das mentale Training konkret?

Sicherheit, Selbstvertrauen, die nötige Kraft, den Willen, den Glauben an sich selbst, mit sich selbst im Reinen sein. Es war für mich auch wichtig, mir dieses Ziel zu setzen: dass ich wirklich Olympiasiegerin werden will. Ohne so ein klar formuliertes Ziel geht man hier vielleicht an den Start und sagt: Ich habe doch schon eine ganze Menge erreicht. Ich habe um Gold wirklich gekämpft.

Sie haben das Image als Everybody’s Darling, die Boulevardpresse schreibt von der süßen Gold-Lena, die alle lieben. Inwieweit finden Sie sich da in Ihrem Selbstbild wieder?

Es wird viel geschrieben, aber ich lese ja nicht alles, Gott sei Dank. Ich bin immer noch ich selbst. Und für meine Freunde bin ich das auch. Ich hoffe, dass sich daran auch nichts ändert.

Wird es im Erfolg schwieriger, man selbst zu bleiben?

Nein, warum? Wenn die Gefahr bestanden hätte, dann vielleicht 2007. Aber das habe ich auch einigermaßen gut hingekriegt, und mit der Erfahrung jetzt bin ich so gestärkt. Nein, ich habe so guten Halt, da kann eigentlich nichts passieren.

Das Gespräch führte Claus Dieterle.

Quelle: F.A.Z.
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