18.02.2010 · Völlig unbeeindruckt von der für viele zu schweren Piste rast die Amerikanerin zum Olympiasieg, Maria Riesch belegt mit großem Rückstand Rang acht. Schwere Stürze selbst von Könnern überschatten diese Abfahrt.
Von Anno Hecker, WhistlerTagelang hatte die Skiwelt auf das Duell der Spiele hingefiebert: Lindsey Vonn gegen Maria Riesch, die Hochgeschwindigkeits-Artisten des alpinen Zirkus, Freundinnen neben der Piste, harte Rivalinnen auf den Steilhängen. Man ging sich zuletzt aus dem Weg, blieb in seiner Zone. Und dann? Die Amerikanerin schaute im Ziel gebannt auf den Monitor, als sich die hochgeschätzte Deutsche in die Tiefe stürzte. Und lächelte, als Maria Riesch nach einem mächtigen Schlusssprung beim Abfahrtslauf durchs Ziel schoss: Lindsey Vonn blieb, wo sie vor ihrem Lauf und nach ihrer brillanten Tour mit einer beeindruckenden Bestzeit stand: Ganz oben.
Riesch aber fiel ins Tal. Mehr als zwei Sekunden Rückstand notierten die Zeitenmesser für die Zweitbeste im Abfahrtslauf in dieser Saison. Die Geste der Garmisch-Partenkirchenerin verstärkte den Eindruck unter den Experten: Sie hob die Arme wie fragend, nicht verstehend, was sie so niederschmetternd gebremst hatte. Die Piste, die Unterbrechungen, die Sorge, der Kopf?
Die Olympiaabfahrt namens Franz's-Run zählt wohl zu den härtesten, was man den Frauen je zugemutet hat. Nach den Regenfällen war sie aufgeweicht und buckelig geworden. Die Ski sprangen und hüpften bei Geschwindigkeiten jenseits von 100 Kilometern pro Stunde. Über Nacht hatte zudem der Winter zurückgefunden nach Whistler. Zwar ohne Wolken und Schnee, aber mit Kälte. Die Piste gefror. Und stellte selbst die Könner so heftig vor Probleme, dass das Publikum immer wieder erschauderte.
Stürze verzögerten dass Rennen. Der spektakulärste katapultierte die Bronzemedaillen-Gewinnerin von Turin 2006 und dreifache Weltmeisterin von Are 2007, Anja Pearson, kurz vor dem Ziel beim eigentlich doch entschärften Schlusssprung hoch hinaus in den blauen Himmel. Die Schwedin hielt sich zwar gut in der Luft bei ihrem Satz über 58 (!) Meter. Die Wucht der Landung aber konnte sie nicht halten. Rang zwei vor Augen, flog sie über die Piste, rutschte bäuchlings durchs Ziel. Beim Crash aber hatte sie ein Tor verpasst: Keine Wertung, aber hoffentlich auch keine schwere Verletzung. Der schwedische Cheftrainer Ulf Emilsson berichtete nach der ersten Untersuchung: „Anjas ganzer Körper ist grün und blau, sie hat große Schmerzen, aber es ist nichts gebrochen. Sie ist froh, dass sie noch gehen kann.“ Er sagte aber auch: „Ob sie nochmal starten kann, ist fraglich.“
Riesch: „Ich habe es selbst verbockt“
Die folgende Unterbrechung war die insgesamt vierte für die schon auf ihren Start wartende Maria Riesch. Bis zum Start der Deutschen - später musste die am Knie verletzte Rumänin Edith Miklos mit dem Hubschrauber geborgen werden - war also ein Fünftel der Starterinnen teil überaus heftig von der Piste geschleudert worden. Das kommt auch oben an, am Start und im Oberstübchen der Athletinnen: Die Durchsagen, die Hinweise auf besondere Gefahren im Mittelteil, die Warnung vor dem heftigen Schlussakt, die Gedanken an die Gesundheit. Riesch hatte 2006 an den Spielen in Turin wegen eines Kreuzbandrisses nicht teilnehmen können. Was also riskieren, wenn nicht mal die Paerson es unfallfrei hinunter schafft?
Sie war unmittelbar vor Maria Riesch gestartet. Prompt wirkte die Sause der 25 Jahre alten Bayerin nach der vierten Verzögerung ungewohnt verhalten, nicht ängstlich, aber respektvoll. Riesch sagte nur soviel: „Ich habe es selbst verbockt.“ Auch die zweite deutsche Starterin, gerade zurückgekehrt nach einem Kreuzbandriss, riskierte keinen Abflug. Gina Stechert brauchte für die gut 2800 Meter lange Strecke 2,7 Sekunden mehr als die Olympiasiegerin, belegte aber einen unter diesen Voraussetzungen guten zehnten Platz.
Vonns Demonstration begeisterte und erstaunte die Experten. Mit ihrem Männerski, etwa 17 Zentimeter länger als das Modell von Riesch (2,10 Meter), vor allem aber härter und damit weniger drehfreudig, zog sie fast wie auf Schienen durch die teils sehr schwierigen S-Kuren. Wo ihre Gegnerinnen aus der Linie schossen und im Drift das Tempo verloren, wirkte Vonn unbeeindruckt. „Es war kein perfekter Lauf“, sagte sie allerdings, „ich bin aggressiv gefahren, aber ich habe es doch ganz gut runtergebracht.“
Vonn tat nun nichts mehr weh
Dass sie dazu in der Lage ist, weiß man. Allerdings hatte Vonn vor just einer Woche mit klagender Stimme ihren Start überhaupt in Frage gestellt, die ganze Mission Gold: Weil sie nicht mal den linken Skistiefel anziehen konnte. Eine so genannte Schuh-Rand-Prellung, gemeint ist eine Verletzung am Schienbein, sollte alles in Frage stellen. Vielleicht war der Schmerz Vonns aber auch mit dem Druck gewachsen, unbedingt gewinnen zu müssen. Da wirkt die Story von einer Verletzung wie ein Ventil. Sicher aber tut seit Mittwochmittag Ortszeit, nachdem die Piste alle durchgeprügelt hatte, gar nichts mehr weh - obwohl Tränen rannen.
Bei den Amerikanerinnen, die mit Julia Mancuso auch die Zweitbeste des Tages stellten. Und bei Elisabeth Görgl. Bronze für die Österreicherin, das feierten die Alpin-Historiker wie Gold. Görgls Mutter Traudl Hecher, hatte 1960 in Squaw Valley und 1964 in Innsbruck Rang drei belegt. Mutter und Tochter mit olympischen Medaillen im alpinen Skirennlauf: Das, so die Experten aus der Alpenrepublik, „hats noch nie gegeben“.