21.03.2010 · Schwerverletzte Soldaten als Nachschub für den paralympischen Sport. Geht der Krieg dort weiter? „Es wäre schlimm, wenn solches Gedankengut propagiert würde.“
Von Arne Leyenberg, WhistlerDie beiden Busse kommen getrennt voneinander an. Am Fuße des Hangs werden sie herausgeschoben, jeweils rund zwei Dutzend Rollstuhlfahrer. „Battle Back“ steht auf den Jacken der einen, „Soldier On“ auf denen der anderen. Aber eines verbindet sie: es ist der Versuch, zum Sport zu finden. Und damit in ein neues Leben. Es sind britische und kanadische Kriegsveteranen, die vom Erlebnis der Paralympischen Winterspiele in Vancouver und Whistler gepackt werden sollen, angesteckt vom paralympischen Feuer. Sie sollen sich ein neues Ziel stecken: beim nächsten Mal dabei zu sein. Zu leben.
„Sport spielt eine bedeutende Rolle bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft“, sagt Jeannine Hansen vom amerikanischen paralympischen Komitee. Sie steht am Zieleinlauf der Abfahrtsstrecke von Whistler Creekside und wartet auf ihre Athleten. Denn die Amerikaner sind schon einen Schritt weiter als die Briten und Kanadier, die die Kriegsversehrten jeden Morgen zum Zuschauen an die Sportstätten fahren. Fünf amerikanische Veteranen haben sich für die Paralympischen Winterspiele von Vancouver qualifizieren können. Lediglich ein britischer Veteran ist dabei, kein kanadischer.
„Kriegsveteranen sind diszipliniert, arbeiten hart, sind leicht zu führen“
Die Programme der Briten und Kanadier zur Gewinnung von Kriegsveteranen für die Paralympics sind gerade erst angelaufen. Das amerikanische „Paralympic Military Program“ existiert dagegen seit langem, 2003 wurde die finanzielle Förderung ausgeweitet. „Es wird toll angenommen, dieses Programm ist sehr kraftvoll“, sagt Jeannine Hansen. Vom Ziel aus funkt sie die Ergebnisse der amerikanischen Sportler durch. Es werden keine Triumphmeldungen. Die Querschnittsgelähmten Heath Calhoun, verwundet durch eine Granatenexplosion beim Einsatz im Irak, und Chris Devlin-Young, verletzt bei einem Flugzeugabsturz mit der amerikanischen Küstenwache, bleiben ohne Medaille.
„Die Kriegsveteranen zeigen hier keine tollen Leistungen. Das wundert mich“, sagt Karl Quade, der deutsche Chef de Mission. Lediglich Andy Soule gewann im Biathlon die Bronzemedaille, die erste in dieser Disziplin für das amerikanische paralympische Team überhaupt. Patrick McDonald, behindert nach einem Unfall im Dienst in Korea, hat mit der amerikanischen Mannschaft im Rollstuhlcurling noch Chancen auf eine Medaille.
„Der Sport bietet die Möglichkeit der Teilhabe am aktiven, selbstbestimmten Leben“
Andy Soule war im Mai 2005 im Rahmen des Einsatzes „Enduring Freedom“ auf Patrouille in Afghanistan, als ein Sprengsatz unter seinem Militärfahrzeug explodierte. Ein Soldat wurde getötet, Soules Beine mussten oberhalb der Knie amputiert werden. Er wurde in Landstuhl operiert und zur Rehabilitation auf den Militärstützpunkt Fort Sam Houston in Texas verlegt. Dort kam er mit dem Sport in Berührung.
„Im Militärkrankenhaus stellen wir den verwundeten Soldaten das Sportprogramm vor, sie können trainieren und wir bringen Athleten zu ihnen, die Ähnliches durchgemacht haben“, sagt Jeannine Hansen. Finanziert wird das Programm, das künftig auf das ganze Land ausgeweitet werden soll, vom amerikanischen Verteidigungsministerium und verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen. Soule begann zunächst Handbike zu fahren, dann wurde er für den Wintersport entdeckt. Fünf Jahre später zählt er zu den besten Behindertensportlern der Welt.
„Kriegsveteranen sind sehr diszipliniert, sie arbeiten hart und sind leicht zu führen“, sagt Steve Raymond, der amerikanische Chef de Mission in Vancouver. „Sie leben, wofür unser Land steht. Sie zeigen, was man erreichen kann, wenn man von einem Rückschlag zurückkommt.“
„Dort sind es Helden, bei uns gibt es diese Kultur nicht“
„Das war einst auch unsere Grundlage“, sagt Friedhelm Julius Beucher, Präsident des deutschen Behindertensportverbandes (DBS). „Kriegsversehrte wollten nach dem Zweiten Weltkrieg den Sport, den sie vor ihrer Verwundung trieben, weiterführen. Also wurden Versehrtensportgemeinschaften gegründet.“ 1948 fand in Stoke Mandeville in England der erste sportliche Wettbewerb für Veteranen des Zweiten Weltkriegs statt.
Aus der Idee des Neurologen Ludwig Guttmann wurden 1960 die ersten Paralympischen Spiele in Rom. „Der Sport bietet die Möglichkeit der Teilhabe am aktiven, selbstbestimmten Leben“, sagt Beucher. „Wer einen Unfall oder eine Amputation erlitten hat, kann bei uns Sport machen. Ich betreibe keine Ursachenforschung, woher die Verletzung stammt.“
Mit Tino Käßner, der bei einem Sprengstoffanschlag in Afghanistan seinen rechten Unterschenkel verlor, strebt ein früherer deutscher Soldat den Start bei den Paralympics in London 2012 an. „Bei deutschen Soldaten sind Verwundungen Einzelfälle, wir brauchen kein Programm“, sagt Chef de Mission Quade. „Wer möchte, kann gerne bei uns mitmachen. Aber wir wollen keine Klientel von Kriegsversehrten anlocken.“ Quade weiß um den Unterschied der gesellschaftlichen Akzeptanz verwundeter amerikanischer und deutscher Soldaten. „Dort sind es Helden, bei uns gibt es diese Kultur nicht. Und das finde ich gut.“
„Es wird eine Generation erzeugt, die im Behindertensport erfolgreich sein kann“
Die Angebote des DBS, Sport zu treiben, gäbe es natürlich auch für Soldaten. „Aber die Bundeswehr müsste auf uns zugehen, nicht wir auf sie.“ Quade rechnet in den nächsten Jahren mit einer zunehmenden Zahl von paralympischen Athleten aus kriegführenden Staaten. „Es wird eine Generation erzeugt, die im Behindertensport erfolgreich sein kann.“ Bosnien etwa ist seit Ende der neunziger Jahre das dominierende Land im Sitzvolleyball.
Quade befürchtet durch Militärprogramme wie „Battle Back“ und „Soldier On“ eine Untergrabung des paralympischen Gedankens. „Es geht hier um den Sport, aber für die Veteranenprogramme scheint es sich um eine Art Ersatzkrieg zu handeln. Der Krieg geht weiter im Sport. Es wäre schlimm, wenn solches Gedankengut propagiert würde.“ Für Sean Rose reicht es am Donnerstag nur zum siebten Platz in der Abfahrt. Der Veteran der Royal Air Force, der seit einem Skiunfall in Garmisch vor zehn Jahren im Rollstuhl sitzt, wird im Ziel von Whistler Creekside dennoch gefeiert wie ein Held. Der frühere Skilehrer fand alleine den Weg zurück auf die Bretter – ohne das britische Programm für Veteranen. Aber auf der Tribüne sitzen die britischen Kriegsversehrten und jubeln ihm zu.