19.03.2010 · Brian McKeever wollte eigentlich bei Olympia-Geschichte schreiben, wurde jedoch kurz vor dem Start aus dem Team gestrichen. Jetzt gewinnt er Goldmedaillen bei den Paralympics - für ihn nur ein schwacher Trost.
Von Arne Leyenberg, VancouverWenn doch nur der Bruder nicht wäre, er könnte wohl noch schneller laufen. Aber dann dürfte er gar nicht erst starten. So überholte Brian McKeever seinen Bruder Robin nur, um ihm gelegentlich Ruhepausen zu gönnen oder um auf der Zielgeraden noch ein paar Sekunden gutzumachen. Der Gewinn der zweiten Goldmedaille des sehbehinderten Langläufers und Biathleten bei den Paralympischen Winterspielen am Donnerstag war eine Demonstration seiner Stärke. Wo seine Konkurrenten in der Loipe ohne ihre Begleitläufer verloren wären, könnte McKeever auch auf sich alleine gestellt bestehen. Ein doppelter Triumph, der über den Schock jedoch nicht hinweghelfen kann. „Ich bin noch immer enttäuscht, das war eine bittere Erfahrung“, sagte McKeever. „Ich werde nie vergessen, was passiert ist.“
Vor Wochen wollte er am selben Ort Sportgeschichte schreiben und als erster Wintersportler bei den Olympischen und Paralympischen Spielen starten. Kurz vor dem olympischen Rennen über 50 Kilometer wurde er jedoch aus dem kanadischen Team gestrichen. „Ich habe mich gefühlt wie an dem Tag, an dem mir gesagt wurde, dass ich mein Augenlicht verlieren werde“, sagte McKeever. „Aber ich habe es verarbeitet, dass ich blind bin, und ich werde auch diese Erfahrung verarbeiten. Die zwei Goldmedaillen werden mir helfen, nach vorne zu schauen. Ein neuer Tag hat begonnen.“ In vier Jahren will er in Sotschi versuchen, was ihm in seiner Heimat verwehrt blieb. „Ich werde es wieder probieren. Wir haben schon einen Plan“, sagte McKeever.
Im Alter von knapp 20 Jahren war bei ihm die seltene Augenkrankheit Morbus Stargardt diagnostiziert worden. Der genetische Defekt zerstört die Stelle des schärfsten Sehens, die Makula. Dem 30 Jahre alten Kanadier ist ein Sehvermögen von zehn Prozent geblieben. Damit gilt er als blind. Er nimmt seine Umgebung als eine verschwommene Landschaft wahr. In der Loipe orientiert er sich an seinen Gegnern oder Bäumen an der Strecke, die er schemenhaft erkennen kann. Zudem lernt er das Streckenprofil auswendig.
McKeever nutzt sein Restsehvermögen zur Orientierung
Bei seinem ersten Einsatz im Biathlon am vergangenen Samstag ließ er seinen Bruder anhalten, wenn er verschossen hatte. Er wollte die enge, 160 Meter lange Strafrunde nicht auch noch teilen. Der sechs Jahre ältere Robin, der 1998 bei den Olympischen Spielen startete, musste beständig warten. Denn weil McKeever sein Restsehvermögen zur Orientierung nutzt und nicht, wie andere blinde Athleten, sein Gehör, ist er beim Schießen hoffnungslos unterlegen. Die Sportler zielen und treffen mit Hilfe eines Pfeiftons.
Schon vor Beginn der Paralympics war McKeever zum Star, zum Gesicht der Spiele ernannt worden. Ganz Kanada hatte Anteil genommen am Schicksal des verhinderten Helden. Doch nun droht ihm, trotz seiner beiden Siege im Langlauf, ausgerechnet aus dem eigenen Team ernsthafte Konkurrenz. Die Kanadierin Lauren Woolstencroft gewann am Donnerstag ihr drittes Gold. Wagemutig hatte sich Woolstencroft auf zwei Bein- und mit einer Unterarmprothese die Abfahrt von Whistler Creekside hinuntergestürzt - genau die selbe Strecke, auf der vor Wochen selbst nichtbehinderte Athletinnen reihenweise die Kontrolle über ihre Skier verloren hatten.
Woolstencroft läuft Ski seit ihrem vierten Lebensjahr, trotz ihrer angeborenen Behinderungen. Sie ist das kanadische Golden Girl der Paralympics. Aber McKeever hat neben einer paralympischen auch eine olympische Geschichte zu erzählen. Und die wird ihm, sosehr es ihn auch schmerzt, niemand mehr nehmen können.