Ach, wie ungerecht ist doch das Leben, und wie noch viel ungerechter ist der Sport! Zwei Hundertstelsekunden haben bei der Abfahrt von Whistler dem Amerikaner Bode Miller auf die Silbermedaille gefehlt. Und neun Hundertstel auf Gold. Das ist so unglaublich wenig, dass die olympische Sporthistorie eigentlich auf Millimeterpapier festgehalten werden müsste. An die winzigen Atemzüge, die zwischen einem Sieg und den folgenden Plätzen liegen, müssen sich die Alpinen allerdings von Beginn ihrer Karrieren an gewöhnen. In ihrer Sportart werden Krümel gezählt und Haaresbreiten vermessen. Vielleicht bleiben deshalb die Abfahrer auf dem Siegespodest meist ganz gelassen. Schließlich sausen sie fast an jedem Winterwochenende irgendwo anders zu Tal, über die Flanken des Langkofels, des Hahnenkamms und des Lauberhorns, und sie wissen, was sie können. Ihre Sportart ist gefährlich, sie zerrt an den Nerven der Zuschauer und an den Bändern in ihren Knien. Doch je riskanter das Spiel, desto undurchdringlicher ihre Gesichter.
Im Eiskunstlauf ist das anders. Es scheint, als befände sich die ganze Szene immer wieder am Rande des Nervenzusammenbruchs. Hier sind die Emotionen zu Hause, es wird erst hoffnungsfroh gelächelt, dann automatisch gelächelt und dann verkrampft gelächelt – und später dann irgendwann herzzerreißend geweint.
Es gibt nur wenige Wettbewerbe in einer Saison, darum ist jeder einzelne so bedeutend. Und die Olympischen Winterspiele sind der Gipfel, das Nonplusultra, auf dem man sich vor der Welt produzieren kann wie nirgends sonst, wo man sich an einem einzigen Abend eine Zukunft nach der Sportkarriere verdienen kann. Es geht immer gleich um alles im Showgeschäft auf dem Eis, und wenn die Darsteller nicht so exaltierte Menschen wären, würden sie vielleicht Ski fahren.
Gemeinsam verlieren, gemeinsam gewinnen
Manchmal allerdings scheint es, als hielten die Eiskunstläufer sich selbst nicht mehr aus. Das Trio aus Chemnitz, Ingo Steuer, Aljona Savchenko und in abgemilderter Form Robin Szolkowy, haben sich ihrem Sport so vehement verschrieben, sie richten sich mit jeder Faser ihres Lebens danach aus, dass sie die Leichtigkeit eher auf dem Eis spielen als abseits davon leben können. So kreiseln sie durch ihren Tunnel, beißen dabei die Zähne aufeinander, kämpfen entschlossen gegen alle Drachen, die ihnen begegnen, und sehen am Ende nur noch ein einziges Ziel: besser zu sein als alle anderen. Doch manchmal reichen auch Weltklasse-Talent, Knowhow und Akribie nicht aus, um dieses Ziel zu erreichen, und dann sitzen sie da in ihrer Tränenecke und wissen erst einmal nicht weiter.
So hat Steuer in einer ersten Aufwallung Robin Szolkowy beschuldigt, mit seinem Sturz die Niederlage von Vancouver verursacht zu haben, denn als Niederlage sehen sie es an, die Drittbesten der Welt zu sein. Nach ein paar Minuten gewann Steuer allerdings seine Balance zurück und sagte, er sei der Ansicht, sie hätten alle drei gemeinsam die Goldmedaille verloren. Genauso gut haben sie natürlich auch alle drei gemeinsam die Bronzemedaille gewonnen. Das werden sie noch früh genug erkennen. Manchmal muss man nur einmal eine Nacht darüber schlafen, und schon erscheint das Leben wieder gerecht. Und der Sport auch.
