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Österreich Land der Gerüchte

 ·  In Vancouver ist Österreichs Medaillenbilanz bislang bescheiden. Austrias Sport benötigt nach dem Doping-Schaden von Turin aber auch fern der Sportstätten ein neues Image. Doch die „Freunderlwirtschaft“ scheint noch nicht überwunden.

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Sage bloß niemand, dass das ein einfacher Job wäre als Chef de Mission bei Olympia. Das habe doch nichts mit Repräsentieren zu tun, mit Spazierengehen, sagt Hans Holdhaus: „Das ist beinharte Arbeit.“ Er führt in dieser Funktion die österreichische Mannschaft, und Holdhaus glaubt betonen zu müssen: „Ich mache das freiwillig.“ Er war gebeten worden, diese Aufgabe zu übernehmen, es gibt ja nicht mehr viele Funktionäre im österreichischen Sport, die über ein entsprechendes organisatorisches Geschick verfügen. „Es war niemand da“, sagt Holdhaus sogar.

Also sprang er ein, obwohl er doch gar kein Amt ausübt im Nationalen Olympischen Komitee Österreichs (ÖOC). Das ist gerade umgekrempelt worden, notgedrungen, mancher Posten ist noch unbesetzt. Bei einem Neuanfang, sagt Holdhaus, Direktor eines Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung in Wien, gingen eben auch Ressourcen verloren. Jetzt soll schnell ein frisches Netz geknüpft werden, mit Personen, die Knowhow besitzen und Verbindungen zu den wichtigen Gremien des internationalen Sports, „um einigermaßen fit zu sein bis London“. Das klingt so, als würde Österreich sich bei den Winterspielen in Kanada noch durchwursteln müssen.

Wieder mit der Vergangenheit konfrontiert

Aber es geht natürlich um viel mehr für Österreich, dessen Ruf als Sportnation angekratzt ist seit dem Skandal um unerlaubte Blutbehandlungen bei Olympia vor vier Jahren in Turin (siehe auch: Jacques Rogge: „Mayer ist der Mann, der Doping organisiert“). Austria braucht mehr als nur neue Spitzenkräfte wie Karl Stoss, der nun als Nachfolger von Leo Wallner dem ÖOC vorsteht. Der österreichische Sport benötigt nach dem „fürchterlichen Schaden“ von Turin, so der Anti-Doping-Experte Holdhaus, ein neues Image, er möchte tiefgreifende Korrekturen an seinem Erscheinungsbild vornehmen.

Wenn das nur im Handumdrehen gelänge. Vor den Spielen erst sind die Österreicher wieder mit der Vergangenheit konfrontiert worden durch die Ankündigung des mit einem Olympiabann belegten Trainers Walter Mayer, möglicherweise als Privatmann nach Vancouver zu reisen - wo er bislang indes noch nicht gesichtet wurde (siehe auch: Österreichs Olympiateam: Walter Mayer will auf Reisen gehen). Das sei eine Provokation sondergleichen, sagt Holdhaus. Er vermutet, dass der angeblich mittellose Mayer, der erstmals 2002 in Salt Lake City im Zusammenhang mit unlauteren Methoden aufgefallen war, von Kräften unterstützt werde, „die bewusst Unfrieden provozieren wollen“.

Holdhaus ist ein sehr vielseitiger Mann

So kommt Österreich nicht wirklich zur Ruhe, und Holdhaus selbst ist zuletzt immer wieder zum Ziel von Attacken geworden. Da wurde zum Beispiel kolportiert, dass sein Name im Bericht der Sonderkommission Doping in Wien, die sich mit den Machenschaften von Humanplasma (siehe: Doping in Österreich: Überall böses Blut) beschäftigte, auftauche. „Mich gibt’s dort definitiv nicht“, sagt er, und überhaupt sei es absolut absurd, „mich in irgendeine Doping-Ecke zu stellen“. Holdhaus bezeichnet sich als einen leidenschaftlichen Doping-Bekämpfer, er gehört auch der Ethikkommission der Nationalen Anti-Doping-Agentur Österreichs an.

Holdhaus findet, dass Neid bei den Angriffen gegen ihn eine wesentliche Rolle spiele. Grundsätzlich sei Österreich ein Land, in dem „sehr gern“ Gerüchte produziert würden, „ohne wirklich in die Tiefe zu gehen“. Holdhaus ist ein sehr vielseitiger Mann, im österreichischen Sport scheint er stark verwurzelt zu sein. Er hat etwa den Vorsitz in einer Gruppe, die über die Vergabe von Fördergeldern entscheidet.

Stoss setzt die Freunderlwirtschaft im Kleinen fort

Dieses Programm, das unter dem Titel „Team Rot-Weiß-Rot“ firmiert, hat der neue Sportminister Norbert Darabos initiiert, dabei werden jährlich mehr als drei Millionen Euro verteilt. Soeben wurde in der Zeitung „Kurier“ der Vorwurf gegen Holdhaus erhoben, in dieser Angelegenheit im Alleingang zu handeln. Außerdem soll er früher über ein Tiroler Reisebüro, an dem er beteiligt war, Geschäfte mit dem ÖOC gemacht haben. Holdhaus gibt sich über solche Geschichten entrüstet, sie seien „weit weg von Ethik und Moral“.

Aber im ÖOC, das in eine arge Schieflage geraten war, soll ja nun eine neue Klarheit geschaffen werden – auch wenn Stoss, im Kleinen wenigstens, die Freunderlwirtschaft im österreichischen Sport fortsetzt. So leitet ein Cousin von ihm das österreichische Haus in Whistler. Generell aber plant Stoss Reformen, um das ÖOC wieder auf Kurs zu bringen. „Es gibt Altlasten. Die müssen sauber und transparent aufgearbeitet werden.“

Schröcksnadel ist ins ÖOC zurückgekehrt

Es handelt sich um undurchsichtige Geldflüsse und um verschwundene finanzielle Unterlagen und darum, mit der Ära des früheren ÖOC-Generalsekretärs Heinz Jungwirth endgültig abzuschließen, nicht zuletzt mit Hilfe der Staatsanwaltschaft. „Ich habe ein funktionierendes Team“, sagt Stoss, „das ÖOC ist ein galoppierendes Pferd.“ Ein Ersatz für Jungwirth ist aber noch nicht gefunden, er kann vermutlich erst im März präsentiert werden.

Dafür ist inzwischen einer der mächtigsten Männer im österreichischen Sport, „Ski-Napoleon“ Peter Schröcksnadel, in das ÖOC zurückgekehrt – er fungiert jetzt wieder als Vizepräsident. Nach Olympia in Turin hatte er dieses Feld räumen müssen, der Chef des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) hatte die Folgen der Razzia bei österreichischen Biathleten und Langläufern nicht einschätzen können und eine unrühmliche Figur in der Affäre abgegeben. Damals hatte er beschwichtigend gesagt: „Austria is too small to make good doping.“

Aber ohne den umtriebigen Schröcksnadel mag Stoss beim Umbruch des ÖOC offensichtlich nicht auskommen – auch wenn Schröcksnadel in Italien wegen „Begünstigung von Doping“ der Prozess gemacht wird. Stoss preist den „neuen Schulterschluss“ zwischen ÖOC und ÖSV, und auch Holdhaus hat sich mit dem ÖSV-Boss, der einst auf heftige Kritik von Holdhaus mit einer Klagedrohung reagiert hatte, wieder versöhnt.

Kein Vertrauen in die Objektivität ausländischer Medien

Angeblich nämlich verschärfte der ÖSV den Kampf gegen Doping, er richtete dafür eine Datenbank mit den Blutwerten seiner Sportler ein. „Das ist die Zukunft“, sagt Holdhaus. Gegenwärtig jedoch möchte Schröcksnadel sich zum Thema Doping nicht mehr äußern, weil es, so ließ er über einen Sprecher ausrichten, kein Vertrauen in die Objektivität ausländischer Medien in Bezug auf die Causa Turin gebe.

Holdhaus ist überzeugt, dass Turin sich nicht wiederholen werde. „Das schließe ich aus.“ Er steht auch zu den österreichischen Betreuern, „die sind absolut sauber.“ Allerdings existiert, wie Holdhaus erzählt, ein „Notfallplan“, sollte doch ein Doping-Befund im österreichischen Team bekannt werden. Holdhaus jedoch behauptet, dieses Papier gar nicht im Detail zu kennen. „Ich interessiere mich nicht dafür. Ich gehe nicht davon aus, dass da ein Verrückter rumrennt.“ Und wenn doch? „Das wäre tödlich. Es gibt keinen anderen Begriff dafür.“

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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