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Fünf Ringe im Schnee (4) St. Moritz Schwarz ist der Kaviar, weiß ist der Schnee

29.01.2010 ·  St. Moritz, der Olympiagastgeber von 1928 und 1948, ist der Inbegriff von alpenländischem Luxus. Viele Gäste glauben, ihn in den teuren Geschäften zu finden - und wissen gar nicht, dass sie dabei den wahren Luxus verpassen.

Von Jakob Strobel y Serra
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Was wir nicht gemacht haben: Wir haben kein Ozelotmützchen für ein Monatsgehalt, keine Armbanduhr für ein Jahresgehalt und keine Vierzimmerwohnung für ein Lebensgehalt gekauft. Wir haben bei der netten Frau Glattfelder, Delikatessen aller Art seit 1931, keine Fünfhundert-Gramm-Dose kasachisch-aserbeidschanischen Belugakaviar für 5300 Franken mitgenommen und noch nicht einmal den etwas günstigeren Darjeeling-First-Flush-Tee in den japanischen Pyramidenbeuteln aus feinstem, absolut geschmacksfreiem Nylon. Wir haben oben im Bergrestaurant von Reto Mathis auf den kulinarischen Blödsinn eines Hummer-Clubsandwiches zum Preis eines Drei-Gänge-Menüs verzichtet und schweren Herzens auch auf den wie mit dem Schreinerhobel dargereichten weißen Trüffel. Und unten im Dorf haben wir nach langem Zögern vor dem Schaufenster eines Antiquitätengeschäfts doch nicht den korinthischen Bronzehelm aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus für 32000 Franken erstanden und auch nicht den lebensgroßen römischen Marmortorso für 215000 Franken, obwohl er ganz prima vors Gästeklo gepasst hätte. Wir haben nichts von alldem gemacht und trotzdem Riesenspaß gehabt. Was haben wir gemacht? Wir sind Ski gefahren. Das kann man in St. Moritz nämlich auch. Und wie!

St. Moritz ist ein einziges, großes Pelz-und-Porsche-Cayenne-Gucci-Chichi und würde wahrscheinlich wahnsinnig werden, wenn es nur das wäre. Wirklich stolz sind die Oberengadiner auf etwas ganz anderes als auf ihren Ruhmestitel des mondänsten Skiortes aller Zeiten: Sie sind die Wiege des Wintersports und immer die Pioniere gewesen, seit der Hotelier Johannes Badrutt 1864 mit englischen Sommerfrischlern wettete, dass es bei Kälte und Schnee im Engadin noch viel schöner sei als in der warmen Jahreszeit, und triumphal gewann. Der erste Skilift und die erste Skischule der Schweiz, die erste Bobbahn und der erste Bobclub der Welt, das erste Wintersportrennen der Alpen, die ersten Olympischen Winterspiele überhaupt - jedenfalls nach St. Moritzer Geschichtsverständnis -, der erste Ort der Erde, der zweimal Winterolympiagastgeber war, die erste Snowboard-Weltmeisterschaft auf dem Kontinent - das alles kann St. Moritz für sich reklamieren. Und es ist keine tote Geschichte, sondern lebendige Gegenwart, so lebendig wie Nino Bibbia, eine lokale Legende, vielfacher Schweizer Meister im Vierer- und Zweierbob, Olympiasieger 1948 im Skeleton, Obst- und Gemüsehändler im Ruhestand, ein munterer Greis von achtundachtzig Jahren mit Hakennase und bergseeblauen Augen, der sein schütteres Haar keck halblang trägt.

Schluss mit den Tollkühnheiten

Dreißig Jahre lang sei er Wettrennen gefahren, sagt Bibbia, zweihundertneunzehnmal habe er allein im Skeleton gesiegt. Die Spiele von 1928 habe er als Bub verfolgt und 1948 im Zweierbob nur den fünften Platz gemacht, weil sein regulärer Kompagnon ausgefallen sei und er mit einem Hotelgast das Rennen bestritten habe. Als Hochzeitsreise habe er seine Frau im Bob mitgenommen, und zum letzten Mal sei er vor vier Jahren die Olympiabahn heruntergerauscht, doch dann sei dieser dumme Unfall passiert: Seine Frau putzt Fenster, baut sich dazu einen wackligen Turm aus Küchentisch und Küchenschemel - "obwohl ich es ihr verboten habe", grollt Bibbia -, rutscht aus, fällt auf den Gatten, bricht ihm drei Rippen und die Hüfte, der Arzt verbietet dem Hasardeur kategorisch alle Tollkühnheiten mit Bob und Schlitten. Bibbia seufzt, es tue ihm in der Seele weh, wenn er heute tatenlos beim Weltcup zusehen müsse, doch er könne es nicht lassen, verabschiedet sich, springt auf und eilt federnden Schrittes zur Bobbahn.

Sie ist die einzige renntaugliche Natureisbahn der Welt, hätte uns der eilige Nino Bibbia noch erzählen können, wird jeden Winter aus gewässertem Kunstschnee aufgeschüttet und dann mit Schaufeln in Handarbeit modelliert. Anders als bei den Kunsteisbahnen kommt die Kälte von oben, nicht von unten, dadurch ist die Oberfläche besonders glatt und die Bahn so schnell wie kaum eine andere - der Rekord liegt bei sagenhaften 149 Stundenkilometern.

Der allerexklusivste Blutsaugerclub

Von Sagen und Mythen ist die Bobbahn auch sonst umrankt. Im Jahre 1898 gründeten schlittenvernarrte Briten in St. Moritz den ersten aller Bobclubs und sollen die Dorfstraße mit ihren halsbrecherischen Rennen derart unsicher gemacht haben, dass ihnen die Gemeinde das tollkühne Treiben verbot. Daraufhin bauten die Sportfreunde eine Bobbahn und sorgten dank illustrer Vereinspräsidenten immer dafür, dass sie trotz behördlicher Schikanen nicht nur auf, sondern auch neben der Bobbahn ihren Spaß hatten. Seit 1969 steht Gunter Sachs dem Club vor, der hellste Fixstern am Engadiner Prominentenfirmament und Gründer der legendären "Dracula Ghost Riders". Das sei, so raunt man, der exklusivste Club von St. Moritz, keine hundert Mitglieder habe er, die Agnellis gehörten natürlich dazu, die Heinekens, die Warteliste reiche bis ins vierte Jahrtausend, der Rest ist bedeutungsvolles Schweigen.

Wir als Laien stehen etwas ratlos im Blutsaugerclubraum und denken uns: Das ist nicht unsere Welt, wir sind zu unbedeutend, um sie verstehen zu können. Beim exklusivsten Club des exklusivsten Wintersportortes auf dem Erdenrund handelt es sich um ein düsteres Hinterzimmer im Vereinsheim der Bobbrüder, das jedenfalls für uns nicht viel anders aussieht als jeder Jugendclub in der brandenburgischen Provinz: Bar, Tanzfläche, Diskokugel, Halbstarkensprüche ins Holz geritzt - "Tough guys don't dance" - und als Reverenz an den Clubnamen Filmplakate mit dem zähnefletschenden Christopher Lee, ein vertrockneter Knoblauchzopf an der Decke, eine ausgestopfte Fledermaus an der Wand und auf dem Sims eine billige Büste des grinsenden Vlad Dracula. Wir bitten dringend darum, zur nächsten Orgie eingeladen zu werden, um die Welt der Mächtigen und Superreichen ein bisschen besser verstehen zu lernen.

Pisten wie ein oberitalienischer Corso

Dass daraus wohl nichts wird, weil bei den Mächtigen alles in der Familie bleibt, macht uns der Blick vom Dracula-Club auf das benachbarte Olympiastadion klar. Es ist nicht viel mehr als ein langgestreckter Riegel mit Türmchen in Altrosa, war lange eine Ruine und wurde kürzlich von Gunter Sachsens Sohn Rolf gekauft, der es zu seinem Ferienhaus umbaute - Privateigentum, keine Besichtigung, das olympische Erbe wird nicht immer mit den Massen geteilt, auch wenn es eine tragende Säule des St. Moritzer Selbstverständnisses ist und jedem Neuankömmling an den Ortseingängen mit Gedenktafeln ins Bewusstsein gerufen wird. "Wir haben 1928 ja die ersten richtigen Winterspiele ausgerichtet", rückt Martin Berthod, ehemaliges Mitglied der Schweizer Skinationalmannschaft und heute Chef aller Sportveranstaltungen des Ortes, die Geschichte der fünf Ringe mit störrisch-schweizerischer Beharrlichkeit ganz richtig zurecht. Die Wettkämpfe in Chamonix 1924 seien nicht von vornherein als Olympische Spiele vergeben, sondern erst nachträglich dazu deklariert worden - ein Jammer, denn so ist St. Moritz einmal nicht der Pionier gewesen. Trost findet Berthod in der Gewissheit, dass es für den Wintersport und vor allem für den alpinen kaum irgendwo idealere Bedingungen gibt als im Oberengadin. Deshalb habe man nicht nur zweimal Olympia, sondern auch schon viermal die alpine Skiweltmeisterschaft ausgetragen, zuletzt vor sieben Jahren, und 2015 wolle man sie ein fünftes Mal haben, er sitze übrigens im Bewerbungskomitee.

Nach wenigen Minuten auf den Pisten des Hausberges Corviglia kann man nicht anders, als Sportchef Berthod auf ganzer Linie recht zu geben: Hier sehen die Berge so aus, als sei der liebe Gott ein leidenschaftlicher Skifahrer und habe sich in St. Moritz das idealtypische Terrain für sein Hobby geschaffen - mit einem einzigen, winzigen Makel: Ein emblematischer Berg fehlt als Krönung der Kulisse. Das Skigebiet ist weit und offen, riesengroß und mit einer fast schon gespenstischen Perfektion erschlossen. Kein Baum, kein Grat, kein Fels stellt sich den Skifahrern in den Weg, keinen einzigen Meter müssen sie sich mühsam mit Muskelkraft auf allzu flachen Pisten anstoßen, kein Föhn sorgt für Firn. Stattdessen ist es kalt und trocken und sonnig wie in der Sahara hier oben zwischen 1800 und 3300 Meter Höhe, so lieben wir unseren Schnee, knirschend, griffig, körnig. Breit wie Promenaden sind die Pisten und so gepflegt wie der Corso in einer mittelalterlichen oberitalienischen Stadt, denn legendär ist die Pistenpräparierung von St. Moritz. Selbst kurz vor der Dämmerung sind die Abfahrten nicht zerfahren, selbst bei Hochbetrieb stört kein einziges freches Steinchen, nicht der kleinste hässliche Grasfleck die Makellosigkeit des Weiß. Und dass die Lifte in Corviglia auf dem neuesten Stand der technischen Errungenschaft sind, versteht sich von selbst. So tragen fast alle Sessellifte Hauben gegen Kälte und Wind, die sich auch noch oft automatisch öffnen und schließen, um der erlesenen Kundschaft solch lakaienhafte Tätigkeit zu ersparen.

Ein paar Skier für 10000 Franken

So wie nachts alle Katzen grau sind, sind tagsüber alle Skifahrer bunt, gleich ob Millionär oder Bettelmann. Nur den Kennern erschließt sich die Noblesse bei der skifahrerischen Ausstattung, die dezent mit Frau Glattfelders Kaviarsortiment korrespondiert - dreistellige Preise sind hier nur etwas fürs Personal, man will sich ja nicht blamieren. Und so sitzen wir in der Gondel, blicken ringsum auf die silbern glitzernden Skier der Marke Volant, die im Dorf für neckische 3333 Franken das Paar verkauft werden, erspähen sogar ein Exemplar des dreimal so teuren Steinkernskis aus dem Hause des Luxusuhrenherstellers Hublot und denken uns: Wenn die Gondel jetzt abstürzte, wäre der menschliche Verlust unersetzlich - der materielle allerdings beinahe auch. Dünkel regiert indes nicht auf den Pisten, Manieren hat man hier oben, und neureichem Protz begegnet man ganz selten. Die Alpina Hütte ist eine solche Ausnahme, eine Art Sylter Sansibar im Schnee voller Menschen mit etwas zu breitem Grinsen, etwas zu weißen Zähnen, etwas zu großen Sonnenbrillen und viel zu vielen Trüffeln auf den Spaghetti, was wir ihnen am allerwenigsten übelnehmen. Bei anders gelagerter finanzieller Ausstattung würden wir nämlich sofort im Gourmetrestaurant von Reto Mathis das Hirschcarrée mit Engadiner Kräuterkruste, Waldpilzragout und Melonenchutney bestellen und mit Handkuss auf Dosenerbsensuppe samt Fleischrestefleischwurst verzichten. Das ist keine Frage von Dekadenz, sondern von Geschmack.

Wenn die Corviglia für jeden Freund des gepflegten Skifahrens eine Offenbarung ist, kann der Corvatsch auf der anderen Seite des weiten, breiten, keinen Klaustrophobiker verschreckenen Oberengadiner Hochtals nichts anderes als der Garten Eden des Wintersports sein. Also sausen wir hinunter nach St. Moritz, und zwar stilecht wie einst die furchtlosen Helden mit wehenden Zöpfen und Rockschößen auf der Olympiapiste, einer schönen, steilen rabenschwarzen Schlangenlinie, auf der 1928 und 1948 die Abfahrtsrennen stattfanden und sich heutige Rennläufer garantiert den Hals brächen.

Massagesessel im Friseursalon

Dann durchqueren wir noch einmal diesen wundersamen Ort und machen uns unsere Gedanken beim Hinaufschweben auf den Corvatsch - über die Banalisierung des Luxus durch seine massenhafte Multiplikation, über den Verlust all seiner Exklusivität, was vielleicht sogar der Sinn des Ganzen ist, denn so gibt es keinen Nährboden für Neid; über die Pelzparaden in der Fußgängerzone, die diese radikalen Tierschützer-Nackedeis in die Verzweiflung treiben würden, und über die existentielle Frage, ob Zobel und Nerz schlechte Laune machen, denn Pelzträgerinnen lachen seltsamerweise nie; über diesen aberwitzigen Friseur unten in St. Moritz-Bad, bei dem man während des Haarewaschens auf Massagesesseln im Séparée ruht, während des Haareschneidens von Kronleuchtern illuminiert wird und nach Haarverdichtung, Haarverlängerung, Strähnen, Dauerwelle und Styling fünfzehnhundert Franken auf den Tisch legt; und darüber, ob Haarverdichtung glücklich macht; ob Geld glücklich macht - oder gleichgültig.

Dann ist Schluss mit Nachdenken, denn mit einem Ruck sind wir oben; und weinen fast vor Glück: Der Corvatsch ist so spektakulär schön, dass wir das Atmen vergessen, und das liegt nicht an den 3303 Meter Höhe der Gipfelstation, der am höchsten gelegenen der Ostalpen. Sogar das krönende Panorama gibt es hier: Der Blick gleitet hinab ins Tal mit seinen zugefrorenen Seen, die vollkommen ruhig und regungslos daliegen, als seien sie in alle Ewigkeit verzaubert, ein berückender Kontrast der Stille und Kontemplation zur schroffen Dramatik der Berge; und der Blick fliegt hinaus zum Horizont, der wie mit offenen Armen die gesamten Ostalpen umschließt und vor uns, für uns, nur für uns Piz Bernina, Piz Palü, Monte Rosa, Aletschhorn, Matterhorn paradieren lässt.

Kein Kaviar, kein Champagner

Dafür nehmen wir gerne in Kauf, dass die Lifte des Corvatsch nicht ganz mit St. Moritz' maßlosem Motto „Top of the World“ mithalten können. Es gibt viele rachitische Schlepper, sogar Tellerlifte aus dem Paläolithikum des Wintersports rumpeln hier noch vor sich hin, und sehr sympathisch, wenngleich äußerst unsanktmoritzerisch sind die alten Matratzen als Aufprallschutz an den Liftpfeilern. Das ist uns doch ganz und gar egal, denn die Pisten sind noch gepflegter, noch sportlicher, noch anspruchsvoller als in Corviglia, es gibt noch mehr Tiefschnee, noch mehr Geländeabfahrten, noch mehr Varianten über Gletscher und Steilhänge und viel weniger Kaviar und Champagner und Willy Bogner. Und das Beste ist: All das haben wir fast für uns allein, oft eine ganze Piste, einen kompletten Lift, als sei die Winterwelt des Corvatsch nur für uns geschaffen worden vom lieben skifahrenden Gott, der uns hier komplizenhaft zuflüstert, was der wahre Luxus ist: Es ist der Luxus der Einsamkeit des Skifahrers.

Informationen: Schweiz Tourismus, Postfach 160754, 60070 Frankfurt, Telefon: 00800/10020030 (gebührenfrei), Internet: www.MySwitzerland.com.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

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