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Fünf Ringe im Schnee (3): Lillehammer Das Freudenfest der zankenden Eigenbrötler

22.01.2010 ·  Lillehammer 1994 - das waren die besten Olympischen Winterspiele aller Zeiten. Vor allem die Langlaufwettbe- werbe wurden zu einer rauschenden Party. Heute ist man auf den Loipen mit sich und der Welt ganz allein.

Von Alex Westhoff
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Als alle in Hochstimmung auseinandergegangen waren, sagte Aase Kleveland, die damalige norwegische Kulturministerin, verwundert, aber glücklich: "So sind wir Norweger doch eigentlich gar nicht!" Eine Nation war sechzehn olympische Tage lang über sich hinausgewachsen, hatte mit ihrer Begeisterung und Fairness ein rauschhaftes Wintermärchen auf ihrem Boden wahr werden lassen und viel über sich gelernt, ähnlich wie die Deutschen während ihres persönlichen Sommermärchens 2006. Danach konnten die Norweger erschöpft und beruhigt wieder zurückkehren zu einer "Ansammlung sich zankender Eigenbrötler", wie Aase Kleveland feststellte.

Lillehammer 1994: Das Städtchen hundertachtzig Kilometer nördlich von Oslo steht für die alte Winterspielezeit. Es hat nur sechsundzwanzigtausend Einwohner, ist keine Metropolregion wie Turin oder Vancouver, die danach zum Zuge gekommen sind, und hat seinen Gästen damals trotzdem ein haltbares olympisches Gemeinschaftsgefühl gespendet. "The best Olympic Winter Games ever", sagte Juan Antonio Samaranch bei der Schlussfeier - eigentlich ein olympisches Pauschalurteil des Spaniers, das er während seiner Regentschaft an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees jedem Gastgeber zuteilwerden ließ. Aber auf Lillehammer, da gab es keinen Widerspruch, passte es. Und es gilt bis heute.

Goldwerter Vorteil für Norwegen

Für Erling Jevne waren es Heimspiele. Er sitzt auf der Eckbank in seiner Küche. Es ist der einzige beheizte Raum in seinem Bauernhaus aus rostroten Holzplanken. Der uralte Ofen rumpelt dumpf, als ob er Bescheid sagen wolle, dass er auch noch da ist. "Es herrschte eine phantastische Atmosphäre", sagt Jevne bedächtig und denkt sich sechzehn Jahre zurück. Die Langlaufwettbewerbe waren ein einziges Fest des Wintersports. "Langlauf ist tief in unseren norwegischen Herzen", sagt er und klopft sich auf die Brust mit seiner mächtigen Hand, die nicht so recht zu der drahtigen Athletengestalt passen will. "Man sagt, dass wir Norweger mit Skiern an den Füßen geboren werden. Das stimmt aber nicht." Das sei bei ihm nicht so gewesen und auch bei seinen Kindern nicht. Spätestens mit drei Jahren würden dem Nachwuchs dann allerdings die Langlauflatten untergeschnallt - und bis ans Lebensende kaum mehr abgeschnallt. Die Winter sind lang hier oben.

Der damals siebenundzwanzigjährige Jevne qualifizierte sich im bärenstarken norwegischen Team in Lillehammer für das Rennen über fünfzig Kilometer, die Königsdisziplin. Mehr als hunderttausend Zuschauer standen dicht an dicht rings um den 16,7 Kilometer langen, schweren Rundkurs, den die Athleten dreimal bewältigen mussten. Die Langlaufgladiatoren fuhren wie auf einer Klangmatte, von beiden Seiten der Loipe befeuert von der enthusiastischen Menge, ummantelt von ihrer Leidenschaft. Das war ein goldwerter Vorteil für die norwegischen Athleten in fast allen Rennen. Erling Jevne, geboren zehn Kilometer nördlich von Lillehammer in Øyer, lief ein großes Rennen: Platz fünf. Die Spiele in Lillehammer seien für ihn etwas zu früh gekommen, sagt er und ignoriert die Katze, die mit einem Satz auf seinem Schoß gelandet ist. Seine große Zeit sollte noch kommen. Drei Jahre später holte der Norweger die Silbermedaille über fünfzig Kilometer bei der Weltmeisterschaft in Trondheim und auch ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in Nagano über dreißig Kilometer, dazu jeweils Gold mit der Staffel. Erfolge in den nordischen Disziplinen sind der beste Weg, berühmt zu werden in dem Viermillionenvolk.

Sechstausend Kilometer in der Loipe

Draußen vor dem Fenster des Hauses, das die Jevne in der dreizehnten Generation bewohnen, herrscht Olympia-Wetter: reichlich Schnee, strahlend blauer Himmel, klirrend kalt. Am Tag der Eröffnungsfeier hörte es auf zu schneien, und das Wetter hielt bis zum Ende. Es wurde selten wärmer als minus zwanzig Grad. Die Menschen aus Lillehammer erzählen heute noch vergnügt, was sie alles übereinander anzogen, um einen Tag an der Skischanze, im Langlauf- und Biathlonstadion oder an der Bobbahn durchzustehen. Zig Paar Wollsocken übereinander zum Beispiel, so dass viele Frauen mit ihren Füßen nur noch in die Stiefel ihrer Männer, Brüder oder Väter hineinpassten. Als Erling Jevne vor die Tür tritt, um nach den Schafen und Schweinen im Stall zu sehen - das tat er auch während seiner Aktivenzeit -, trägt er nur eine dünne Jacke über dem sehnigen Oberkörper. Und auf dem Kopf die Mütze aus alten Tagen mit aufgenähter norwegischer Flagge und Sponsorenaufdruck, als er noch sechstausend Kilometer pro Jahr in der Loipe zurücklegte. "Ein herrlicher Tag heute zum Skifahren", sagt er und deutet Richtung Berge, Richtung Hafjelltoppen. Wenn die Norweger von "Skifahren" sprechen, meinen sie Langlauf.

Es ist ein Winterwunderland, das sich da oberhalb des Hafjell Alpinsenter, in dem 1994 die meisten Alpinskiwettbewerbe stattfanden, vor den eigenen Langlaufskiern ausbreitet. Und es ist zum Jauchzen, wenn die Stöcke zum ersten Mal eintauchen und der Ski durch die Spur schnurrt. Nichts trübt oder stört den Fernblick, alles fügt sich harmonisch zusammen wie ein fehlerlos bewältigtes Puzzle, sanft geht es auf und ab, da ist nichts Kantiges, Zackiges, Schroffes, Felsiges. Die Tannen wachsen hier nicht in den Himmel, sie halten Maß unter der Schneedecke von Oktober bis April. Wie schockgefroren, schweigend, nicht ächzend unter der weißen Last, wartend auf den Frühling, der ihnen ihr weißes Gewand abnehmen wird für ein paar Monate, so säumen sie die Loipen, die bis zum Horizont gehen - und noch viel weiter. Unfassbare eintausend Kilometer Loipen bietet die Region Lillehammer. Langlauf total!

Tolle Spiele, schwere Fehler

In dieser weiten Loipenwelt trifft man gefühlt alle halbe Stunde einen Gleichgesinnten. Das Land ist ein Raumwunder! Kaum ein Mensch weit und breit. In den Wintersportzentren der Alpen ähneln die Loipen oft einer Ameisenstraße. Und hier - niemand. Und das bei diesem Schnee. Und diesem Licht. Am Nachmittag rührt der Himmel ohne Unterlass Farben an: Dem eisigen Violett wird ein zartes Rosa beigemischt, das sich zu einem kräftigen Pink auswächst, gestapelt und geschichtet wird und in einem feurigen Finale diesen wunderbaren Langlauftag in die Geschichte entlässt.

Lillehammers Tourismusmanager sind selbstkritisch. Haben sie das olympische Erbe nicht gut verwaltet? Sie bezichtigen sich selbst, der Welt nicht richtig erklärt zu haben, wie winterschön es bei ihnen sein kann, auch ohne Olympische Spiele. Und dass Lillehammer von Hamburg aus genauso gut erreichbar ist wie die Schweiz oder Österreich, dass man von Frankfurt in weniger als zwei Stunden nach Oslo fliegt und von dort nur noch eine zweistündige Zugfahrt dranhängen muss, dass man genauso in puristischen Holzhütten in den Bergen wohnen kann wie in komfortablen Hotels. Von den anderthalb Millionen Gästen im Jahr kommen nur zwanzig Prozent aus dem Ausland. Das soll sich ändern. Im Jahr 2020, hat man sich vorgenommen, sollen es zwei Millionen ausländische Gäste sein. "Wir haben Fehler gemacht nach den tollen Spielen 1994", sagt Ove Gjesdal, Manager des Olympiaparks. "Wir hätten mehr aus ihnen machen müssen, hätten die fünf olympischen Ringe noch mehr nutzen müssen." Denn jede Studie zeige: Die fünf Ringe sind bis heute Lillehammers stärkstes Argument.

Immer wieder Lillehammer

Die spannendsten Wettkämpfe, die schönsten Sportanlagen, das pünktlichste Programm, das herrlichste Wetter, das beste Publikum: Die Rezensenten der sechzehntägigen Aufführung im olympischen Amphitheater zu Lillehammer überschlugen sich mit Superlativen - und zogen weiter. "Alle vier Jahre Lillehammer!" Der damals verbreitet vorgetragene Wunsch nach einem Abonnement der Stadt auf die Spiele war ein nett gemeinter Gefühlsausbruch, der die Gastgeber stolz machte. Sechzehn Jahre später sind die Erinnerungen der Welt naturgemäß verblasst und überlagert. Symbolisch dafür steht der Fackelträger, der auf der gegenüberliegenden Seite des Tals weithin sichtbar in den Wald geschnitten wurde und nun fast bis zur Unkenntlichkeit ausgefranst ist - naturgemäß.

In Lillehammer selbst sind die sechzehn tollen Tage vor sechzehn Jahren noch immer präsent. Die Augen der Menschen leuchten noch immer, wenn sie von 1994 erzählen, die fünf olympischen Ringe sind allerorten zu sehen in der Stadt, und natürlich sind die Sportanlagen monumentale Erinnerungsstücke; zum Beispiel die Bobbahn, die sich in sechzehn Kurven den Hunderfossen-Berg hinunter windet. Sie ist und bleibt unrentabel, seitdem in ihrem Schatten kein olympisches Edelmetall mehr verliehen wird. Die Norweger fahren halt nicht Schlitten, sondern Ski. Oder Håkons Hall, die bauchige Eishockeyhalle mit Platz für mehr als zehntausend Zuschauer unweit der so häufig fotografierten Fußgängerstraße Storgata mit den bunten Holzfassaden. Beim Blick über diese schmale Ladenstraße ist es unfassbar, wie dieses Städtchen den olympischen Andrang bewältigen konnte, ohne zu platzen. Vor zwei Jahren fand in Håkons Hall die Handball-Europameisterschaft statt, aber eine Eisfläche hat es hier drinnen seit 1999 nicht mehr gegeben. Hallenfüllende Veranstaltungen kennt die Kleinstadt Lillehammer so gut wie nicht. So wirkt die Halle wie ein großes, leeres, zugiges, begehbares olympisches Denkmal. Eine olympische Erinnerung mit hohem Nutzwert sind dagegen das Vikingskipet, die hölzerne Eisschnelllaufhalle in Form eines umgekippten Wikingerschiffs, und die Skischanzen. Die Sportanlagen sind zwar nicht mehr auf dem neuesten technischen Stand, ein unschlagbarer Standortvorteil ist aber der frühe Schnee. Weil man in der Olympiaregion Lillehammer schon im Oktober auf echtem Eis und Schnee üben kann, bereiten sich viele Weltcupteams dort auf die neue Saison vor.

Die Rebellion der müden Schenkel

Am meisten aber profitieren die Langläufer vom frühen, langen Schnee, auch wenn sie manchmal leiden müssen, etwa in den Loipen von Sjusjøen zwanzig Autominuten nordöstlich von Lillehammer. Sie können ein zäher Gegner sein, wenn giftige Anstiege ins Bein fahren, die Doppelspur hinter jeder Biegung verspricht, wieder in ebenes Terrain zu münden - und es doch immer weiter bergan geht. Die famosen Fernblicke über dieses von der schmalbrüstigen Wintersonne bestrahlte Land, das sich seit der Schöpfungsgeschichte nicht viel verändert haben kann, unterdrücken die Rebellion der müden Schenkel. Dieses Land passt sich an; Melancholie und Triumph, Sanftmut und Abenteuergeist, es spiegelt alles, erträgt alles, hört niemals auf. Wie mag es erst sein, wenn die Rentiere zu Tausenden über die Berge kommen auf ihrem frühlingshaften Weg gen Süden. Oder wenn sechzehntausend Langläufer über den Grat gleiten, wie Perlen auf eine Schnur aufgezogen. Einmal im Jahr, im März, ist es soweit. Das 54 Kilometer lange Birkebeiner-Rennen auf der Birkebeiner-Loipe ist das größte Winterereignis in der Region Lillehammer. In wenigen Minuten nach der Freischaltung wird die Website mit dem Anmeldeformular von Teilnehmern überschwemmt. Erling Jevne ist der unbestrittene Birkebeiner-König. Er gewann dort von 1994 bis 2001 siebenmal.

Es gluckert leise im umgeschnallten Brustbeutel aus einer Art Anorakstoff, den hier fast alle Langläufer tragen und der zugleich eine Thermoskanne ist. Ein Fach bietet Platz für Müsliriegel und Skiwachs, der Rest ist Speicher für ein warmes Getränk. Noch nie hat ein dünner Früchtetee so nektargleich geschmeckt. Ein Zaubertrank für die spröden Lippen und den kalten Leib. Sogar die Zaubertrankfarbe stimmt mit jener aus den Asterix-Comics überein.

Information: Norwegisches Fremdenverkehrsamt, ABC-Straße 19, 20354 Hamburg, Telefon: 0180/ 5001548 (0,14 Euro pro Minute), E-Mail: germany@innovationnorway.no, Internet: visitnorway.de.

Quelle: F.A.Z.
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