Home
http://www.faz.net/-g8b-14ypf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Fünf Ringe im Schnee (2): Innsbruck Das Himmelreich der stolzen Adler aus Tirol

16.01.2010 ·  Zweimal war Innsbruck Gastgeber der Olympischen Spiele und avancierte so zur Wintersporthauptstadt der Alpen. Hier wurden viele Heldengeschichten geschrieben - nicht zuletzt über Skispringer.

Von Georg Weindl
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Es ist noch gar nicht so lange her, da war das Skispringen in den Alpen ein Volkssport. Vor allem in Tirol hatte fast jedes Dorf seine eigene Schanze, und jeder ambitionierte Skifahrer wagte sich mit seinen Abfahrtslatten über die Kante und segelte mit flatternden Knickerbockerhosen talwärts. So hat auch die Karriere von Ernst Vettori begonnen. Der drahtige Mittvierziger stammt aus einem Nachbarort von Innsbruck, dominierte viele Jahre lang den Weltcup und krönte seine Karriere mit dem Sieg bei der Vierschanzentournee 1986/87 und olympischem Gold 1992 in Albertville auf der Normalschanze. Heute steht Vettori in Diensten des Österreichischen Skiverbandes und erinnert sich halb wehmütig, halb mit Grausen an die Zeit, als die jungen Burschen mit Lederschuhen und gelockerten Kabelzugbindungen über selbstgebaute Schanzen sprangen. Die Kabel wurden einfach aus den Halteösen befreit, damit die Fersen beim Absprung nach oben gehen konnte.

Doch die Zeiten sollten sich bald ändern. Die Schanzen wurden größer, die Sprünge gingen immer weiter, das Skispringen wurde professioneller, spektakulärer, elitärer. Und die Tiroler besaßen mit der Innsbrucker Bergiselschanze die alles überragende Sportstätte in dieser Disziplin, die bei den beiden Olympischen Winterspielen eine Hauptrolle spielen sollte. Im Jahr 1964 dominierten noch die Skandinavier das Skispringen, doch schon zwölf Jahre später, als Innsbruck unverhofft wegen der Absage von Denver ein weiteres Mal die Spiele ausrichtete, setzten sich die Gastgeber groß in Szene. Das Skispringen war damals ein Zweikampf zwischen Österreich und der DDR. Auf der Großschanze gab es einen Doppelsieg für die österreichischen Heroen Karl Schnabl und Toni Innauer, auf der Normalschanze revanchierten sich die Konkurrenten aus der DDR mit Gold und Silber für Hans-Georg Aschenbach und Henry Glass. Mit den beiden Winterspielen begründete Innsbruck seinen Ruf als Springermetropole auf der internationalen Bühne. Die Bergiselschanze, die hoch über dem Zentrum thront, wurde zum Wahrzeichen der Stadt und das Skispringen endgültig zum Teil der Tiroler Volksseele.

Epizentrum der Tiroler Befindlichkeit

Einige der weltbesten Skispringer – wie Andreas Kofler, der Sieger der diesjährigen Vierschanzentournee – kommen heute aus Tirol. Sie werden gerne als Tiroler Adler bezeichnet in Anspielung auf das Wappentier des Bundeslandes, dessen hochverehrter Freiheitskämpfer Andreas Hofer als Einziger der Sprungschanze Konkurrenz machen darf. Sein gigantisches Heldendenkmal steht gleich neben der Schanze auf dem Bergisel, dem Tiroler Berg schlechthin, der eher ein Hügel ist im Vergleich zu den vielen Dreitausendern in der Nachbarschaft, dafür aber das Epizentrum der Tiroler Befindlichkeit. In bester Panoramalage über dem Zentrum von Innsbruck, der Tiroler Landeshauptstadt, gruppieren sich um das Hofer-Denkmal das alte und neue Kaiserjägermuseum, das Kasino der Kaiserjäger und ein historischer Schießstand aus dem Jahr 1820. Hier am Bergisel hatte Hofer 1809 seine größten Schlachten gegen Bayern und Franzosen gefochten, drei der vier Auseinandersetzungen gewann er, ehe er in die Flucht geschlagen, kurz darauf von einem Südtiroler Bauer verraten und schließlich in Mantua hingerichtet wurde.

Auf dem Bergisel treffen sich Tiroler Geschichte und Gegenwart, Nostalgie und Fortschrittsglauben. Wie einen Kontrapunkt zum historisierenden Hofer-Kult hat die britisch-irakische Architektin Zaha Hadid den 2002 eröffneten Neubau der Bergiselschanze als kühne Metapher des modernen Innsbruck gestaltet, als Gegenstück zum Goldenen Dachl, das zwar auch weltberühmt sein mag, aber als Simnbild für die Ambitionen der hundertzwanzigtausend Einwohner zählenden Stadt nicht mehr taugt. Da macht die Schanze mit ihrem steil aufragenden Turm, dem kunstvoll geschwungenen Überbau und der kühn abfallenden Rampe schon mehr her. Sie überragt die Stadt und stellt sich auch den Blicken der vorbeieilenden Reisenden auf der Inntalautobahn unübersehbar in den Weg.

Teure Boutiquen und Trachtengeschäfte

Die Bergiselschanze ist das Symbol einer Stadt, die früh zu internationalen Ehren kam und deren Entwicklung bemerkenswerte Analogien zum Siegeszug ihrer Skispringer aufweist. Mit den beiden Olympischen Spielen wurde Innsbruck weltberühmt, und so wie die Schanze immer größer, wie das Skispringen immer mehr zum internationalen Medienereignis wurde, so avancierte Innsbruck zur Großstadt mit einer Mischung aus Bodenständigkeit und dezentem multikulturellen Flair. Der Tourismus spielt eine wichtige Rolle, aber er dominiert nicht.

Zwischen den engen Gassen der Altstadt und dem Prachtboulevard der Maria-Theresien-Straße bleibt genug Platz für den selbstbewussten Auftritt der Innsbrucker. Diese Stadt, daran lässt sie keinen Zweifel, besitzt Wohlstand und Stil, Traditionsbewusstsein und Trendaffinität. Teure Boutiquen haben hier genauso ihren Platz wie Kunsthandwerkläden und Trachtengeschäfte. Und man schmückt sich gerne mit den Namen weltberühmter Architekten wie Zaha Hadid, die neben der Schanze am Bergisel auch die Stationen der neuen Hungerburgbahn entworfen hat. Als die Bahn 2006 eröffnet wurde, sangen Hunderte von Innsbruckern am Hofgarten gemeinsam die Tiroler Hymne „In Mantua zu Bande“, ein inbrünstiges Andreas-Hofer-Gedenklied, was den Festakt eher wie einen Nationalfeiertag aussehen ließ.

Hier duzt man sich

Und es wird fleißig weiter gebaut. Vor wenigen Wochen wurde in der Maria-Theresien-Straße als Mischung aus Lifestyle und Wintersport mit Cocktailbar und Gourmetküche die „Star Lounge“ der einst legendären Tiroler Skimarke Kneissl eröffnet, die heute im Besitz eines arabischen Scheichs ist. Einige Schritte entfernt wird im Frühjahr der Neubau des Traditionskaufhauses Tyrol in Betrieb genommen werden. Vor hundert Jahren war es das erste moderne Kaufhaus und größter Arbeitgeber in der Stadt. Nun soll es eine Art Wiederauferstehung mitsamt Lichtatrium feiern.

Innsbruck ist typisch für Tirol und doch wieder anders. Unübersehbar ist überall in der Stadt das Tiroler Selbstbewusstsein, aber auch der familiär anmutende Umgang untereinander. Hier duzt man sich fast ohne Rücksicht auf Rang und sozialen Stand und pflegt auch im Geschäftsleben eine eher hemdsärmelige Art, ohne jedoch jemals seinen ökonomischen Vorteil zu vergessen. Andererseits ist Innsbruck viel zu stolz, um sich in einer hemmungslos marktschreierischen Form zu vermarkten wie das Ötztal oder Zillertal. Das hat man hier nicht nötig, schließlich besitzt man nicht nur acht Skigebiete in den Bergen ringsum, sondern auch eine Universität und einen internationalen Flughafen – aber eben auch die Bergiselschanze, auf die man nicht minder stolz ist.

Der Traum vom Fliegen

Begonnen hat alles mit einer ersten primitiven Schanze auf der Ferrariwiese, auf der Andreas Hofer 1809 gegen Bayern und Franzosen gekämpft hatte. Eine größere Naturschanze baute man 1927 etwas weiter oben auf dem Bergisel für das erste offizielle Springen. Der Sieger brachte einen Satz von fast fünfzig Metern zustande. Die Sprünge wurden weiter, das Interesse der Zuschauer stieg. Im Jahr 1933 wurde die Schanze erweitert, die Springer erreichten jetzt Weiten von mehr als siebzig Metern. „Skispringen“, sagt Ernst Vettori, „begeisterte die Zuschauer, weil es für damalige Verhältnisse den Traum vom Fliegen wahr werden ließ. In Amerika traten Skispringer sogar im Zirkus auf.“ Lange hielt die neue Schanze am Bergisel nicht, 1942 krachte die Holzkonstruktion des Turmes während einer Besichtigung zusammen und riss vier Mitglieder einer Fußballmannschaft in den Tod. Der Popularität des Skispringens hat das nicht geschadet. Nach dem Krieg wurde sofort mit dem Bau einer neuen Schanze begonnen, 1949 war sie fertig. In den fünfziger Jahren wurden die Wettkämpfe am Bergisel international, 1953 rief man dann die Vierschanzentournee ins Leben.

Die Veranstaltungen wurden größer, und die Schanze wuchs mit. Für die Olympischen Winterspiele 1964 und 1976 erweiterte man die Anlage jeweils. Beim olympischen Springen auf der Großschanze 1976 zählte man sechzigtausend Zuschauer – einen solchen Menschenauflauf hat sonst nur Papst Johannes PaulII. bei seinem Auftritt am Bergisel verursacht. Die Schanze wandelte sich im Laufe der Zeit vom reinen Wettkampfort zu dem, was man heute „Eventlocation“ nennt. Das war eine wirtschaftliche Notwendigkeit, weil die Vierschanzentournee als einziger sportlicher Höhepunkt keine tragfähige Basis für eine solche Anlage sein konnte. Parallel zum Skispringen etablierte sich mit dem Snowboard-Fest Air & Style eine neue Art von Wettkampf am Innsbrucker Hausberg. Eine ihrer schwärzesten Stunden erlebte die Schanze 1999: Bei einer Massenpanik starben fünf Besucher – und allen war in diesem Moment klar, dass die Anlage den modernen Anforderungen von Großereignissen nicht mehr gewachsen war.

Blick auf die Arena der Alpengipfel

Seit 2002 präsentiert sich die Schanze nun eleganter, moderner und komfortabler denn je. Während die Springer früher zu Fuß Richtung Startrampe stapften, bringt sie heute ein Lift in die Höhe. Oben gibt es ein Restaurant mit spektakulärer Aussicht auf das Zentrum von Innsbruck und die Arena der Alpengipfel. Heute ist die Schanze eine touristische Sehenswürdigkeit, die hundertvierzigtausend Besucher pro Jahr anzieht und alle, die hier oben hoch über der Hauptstadt der Alpen stehen, schaudernd den Traum vom Fliegen träumen lässt.

Informationen: Tirol Werbung, Maria-Theresien-Straße 55, A-6010 Innsbruck, Telefon: 0043/512/ 53200, E-Mail: info@tirol.at, Internet: www.tirolwerbung.at.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Ergebnisse, Tabellen und Statistik