08.01.2010 · Korruptionsvorwürfe, Wetterchaos, verpasste Chancen: Die Winterspiele von 1998 sind der japanischen Stadt Nagano als zwiespältiges Ereignis in Erinnerung geblieben. Doch auf dem Eis ist die Welt noch immer heil.
Von Volker MehnertJenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland. Der Nacht Tiefe wurde weiß. Die Dampflok hielt an einem Signal." Dieser unvermittelte Auftakt zu Yasunari Kawabatas nobelpreisgekröntem Roman "Yukiguni" gilt als klassische Szene der japanischen Literatur. Sie katapultiert den Protagonisten und den Leser aus dem Getriebe der Metropole Tokio in die von Bergketten abgeriegelte Welt der Japanischen Alpen. Heute fährt keine Dampflokomotive mehr durch den Tunnel, doch wenn der rasende Schnellzug Shinkansen mit dreihundert Stundenkilometern plötzlich aus dem unterirdischen Dunkel ins gebirgige Weiß hinausschießt, ist der Übergang noch abrupter. Exakt siebenundachtzig Minuten braucht er von Tokio bis nach Nagano - niemals mehr, niemals weniger; gestern, heute, morgen, immer pünktlich.
Japanische Präzision dieser Art mag ein Kriterium für die Vergabe der Olympischen Winterspiele 1998 nach Nagano gewesen sein. Man wird sehen, es gab noch andere, wichtigere. Eine naheliegende Wahl war die Stadt aber nicht. Dass sie auf der geographischen Breite von Málaga und Tunis liegt, war kein Hindernis, denn sie befindet sich in einem Hochtal, umgeben von Dreitausendern. Stramme Winter gibt es hier deshalb sehr wohl, und wenn es schneit, dann richtig. Einheimische behaupten, dass in einer Stunde schon mal ein Meter Schnee fallen kann.
Milliardenschwere Projekte
Als die Spiele vergeben wurden, war Nagano tiefste Provinz, abgeschottet vom übrigen Japan durch eine Kette kaum zugänglicher Gebirgszüge. Damals wie heute gab es keinen Flughafen, dafür kurvenreiche Bergstrecken und eine uralte Bahnlinie. In der eng gebauten Stadt schien olympischer Andrang eigentlich undenkbar. Durch Olympia wurde sie auf einmal in die große Welt katapultiert - mit milliardenschweren Projekten wie der Gebirgsautobahn und der Hochgeschwindigkeitsstrecke für den Shinkansen, der Berge nur aus der Tunnelperspektive akzeptiert.
Mitten in diesem olympischen Höhenflug, so scheint es, ist Nagano steckengeblieben zwischen großem Dorf und großer Stadt, eine Mischung aus japanischer Provinz und amerikanischer Vorstadt vor alpiner Kulisse. Nagano zählt heute mehr als dreihunderttausend Einwohner, ist chaotisch aufgebläht, hat eine zusammengewürfelte Architektur und zwei, drei olympische Gebäude-Ufos, die zwischen Wohnblocks und Feldern gelandet sind.
Geschenke für die gute Laune
Nachträglich erwiesen sich manche Zweifel am Olympiazuschlag für Nagano als gar nicht so abwegig. Mit rechten Dingen war es nicht zugegangen bei der Entscheidung. Die maßgeblichen Olympianer ließen sich blenden und in einigen Fällen wohl auch kaufen von Yoshiaki Tsutsumi, einem einflussreichen Geschäftsmann und zeitweise auch Präsident des japanischen Olympischen Komitees. Er besaß Hotels, Golfplätze, Eisenbahnen und ein Baseball-Team und soll 1990 laut Forbes-Liste der reichste Mann der Welt gewesen sein. Sein finanzieller Beitrag zum Bau des Olympischen Museums in Lausanne hat der Bewerbung von Nagano wohl auch nicht geschadet. Dass es dem Magnaten unter anderem um die Förderung seines Skiresorts Shiga Kogen ging, ließen sich Öffentlichkeit und IOC zunächst gefallen. Erst im Laufe der Bewerbung trat Tsutsumi als prominenter Organisator in den Hintergrund, um einen Interessenkonflikt, zumindest vorgeblich, zu vermeiden.
Sein Nachfolger, Soichiro Yoshida, kaum weniger einflussreich, besuchte innerhalb von drei Jahren achtzig Länder und sprach mit jedem einzelnen IOC-Mitglied. Diese wiederum wurden nach Japan eingeflogen und mit Geishas und Geschenken bei Laune gehalten. "Wir haben ihnen die goldene Rutschbahn vom Himmel versprochen", soll Yoshida später gesagt haben. Die Betreuungsausgaben für die hohen Herren wurden penibel aufgelistet. Neunzig dicke Bände darüber verschwanden eines Tages auf mysteriöse Weise.
Wirbelsturm auf der Piste
Erst als 1998 der Korruptionsskandal um die Winterspiele in Salt Lake City die olympischen Schlagzeilen beherrschte, gab ein Mitglied des japanischen Komitees zu: "Ich habe die Akten verbrannt, damit es für die IOC-Mitglieder nicht ungemütlich wird." Da waren natürlich alle öffentlichen Ausgaben längst getätigt, die am Ende dreißigmal so hoch waren wie für die Winterspiele 1994 in Lillehammer.
Sportlich in Erinnerung geblieben ist Olympia durch die chaotischen Wetterverhältnisse, die den Terminplan für die alpinen Wettbewerbe durcheinanderwirbelten; durch Hermann Maiers spektakulären Sturz im Abfahrtslauf, dem er die Goldmedaillen im Super-G und Riesenslalom folgen ließ; durch den tschechischen Eishockeytorwart Dominik Hasek, der im dramatischen Penalty-Schießen gegen Kanada alle fünf Schüsse der Gegner abwehrte und seine Mannschaft danach gegen Russland zum Olympiasieg führte; durch Schorsch Hackls drittes Rodel-Gold in Folge; durch den dramatischen Zweikampf der amerikanischen Teenager Tara Lipinski und Michelle Kwan im Eiskunstlauf und den Dreifach-Triumph der deutschen Damen Claudia Pechstein, Gunda Niemann und Anni Friesinger im Dreitausend-Meter-Rennen des Eisschnelllaufes.
Öffentliche Abbitte
Der Eisschnelllauf war auch die Bühne für ein erregtes japanisches Olympiatheater, das freilich vom internationalen Fernsehpublikum nur am Rande wahrgenommen wurde. Den provokanten Auftakt dazu gab Goro Yoshimura, Gouverneur der Provinz Nagano und Vizepräsident des Organisationskomitees. In seiner Neujahrsansprache 1997 bezeichnete er den Eisschnelllauf als so langweilig wie das Beobachten eines "Wasserkäfers in einem Strudel". Die etwas eigenwillige Metapher kam bei seinen Landsleuten nicht gut an. Als einer der Organisatoren der Spiele, so die empörte Reaktion, hätte er in einer offiziellen Verlautbarung keine abschätzigen Bemerkungen über eine der wichtigsten Olympiadisziplinen machen dürfen. Der Herr hatte sich eine herbe Pflichtverletzung erlaubt, sein Gesicht verloren und musste deshalb öffentlich Abbitte leisten.
Zum Glück lebte er nicht mehr im frühen neunzehnten Jahrhundert, sonst hätte er seine Ehre wohl nur noch durch Harakiri, den rituellen Selbstmord der Samurai, wiederherstellen können. Stattdessen musste er sich einer anderen Buße unterziehen, die darin bestand, während der Spiele an drei Dutzend Rennen teilzunehmen - um sich beim Anblick der kreisenden Wasserkäfer entweder tödlich zu langweilen oder sich angesichts der sportlichen Dramatik eines Besseren belehren zu lassen. Der Mann zeigte sich einsichtig und verkündete sogar kleinlaut, dass Wasserkäfer für ihn bewundernswerte Tierchen seien. Welcher Insektenart der Gouverneur die Damen Pechstein, Niemann und Friesinger schließlich zuordnete und ob er den überwältigenden Dreifacherfolg der deutschen Damen sporthistorisch richtig einordnen konnte, ist nicht überliefert.
Böse Worte
Dafür blamierten den eingeschüchterten Eislaufverächter seine rasenden Landsleute auf Kufen mit ihrer eigenen Medaillenausbeute noch zusätzlich. Denn von den zehn japanischen Medaillen kam die Hälfte aus dem Eislaufrund, darunter die Goldmedaillen von Takafumi Nishitani und Hiroyasu Shimizu, der obendrein noch die erste Goldene für Japan gewann und damit das ganze Land in einen Freudentaumel versetzte. Niemand hatte vorher den ehemaligen Baseballspieler Nishitani auf der Favoritenliste stehen; seine überraschende Qualifikation für das Finale erschien schon als achtbare Leistung. Die bösen Worte des Gouverneurs mögen ihm trotzige Flügel der Zuversicht verliehen haben, denn zu den Finalläufen hatte er schon eine feine Hose und Haargel mitgebracht, um sich für die Siegerzeremonie auf dem Treppchen schick zu machen. Weder vorher noch nachher fiel Nishitani mit bemerkenswerten sportlichen Resultaten auf.
Der Schauplatz der japanischen Heldentaten war die Olympic Memorial Arena, wegen ihrer schwungvoll hintereinandergestellten Bauteile in Form des Buchstabens M auch kurz M-Wave genannt. Die Halle ist zweihundertdreißig Meter lang und hundertsechzig Meter breit und besitzt eines der größten Holzdächer der Welt, hergestellt aus heimischer Lärche. Der Begriff M-Wave ist die Reduktion einer genialen architektonischen Idee auf eine eher simple Formel: Die Konstruktion der Arena soll eigentlich die hintereinandergestaffelten Bergketten der Japanischen Alpen nachahmen, was auch hervorragend gelungen ist. Vor allem an diesigen Wintertagen erscheinen die Gebirgszüge wie eine diffuse Projektion des Gebäudes auf den Hintergrund.
Legendäre Sieger-Schlittschuhe
Noh heute dient die Arena als Eislaufstadion für Rennläufer und das breite Publikum. Nach einer Woche in Japan muss der Innenraum der großen Halle jedem Reisenden als kleines Wunder erscheinen. Man kann nicht glauben, dass in diesem fast überall verstopften und überfüllten Land für irgendeine Aktivität so viel Platz bereitgestellt wird. Auch wenn dort drei Dutzend Rennläufer trainieren, erscheint die Halle gespenstisch leer, das spiegelnde Eis vergrößert den Raum noch zusätzlich. Kein lautes Wort ist zu hören, kein Zuruf der Sportler untereinander, kein ungeduldiger Appell der Trainer. Selbst als plötzlich hundert Schulkinder aus dem unterirdischen Gang auftauchen und zum Unterricht antreten, scheint sich der Raum nicht weiter zu füllen. Die Kinder sind diszipliniert, fast lautlos, und so gehen auch die Ausgabe von Schlittschuhen und Helmen und die gesamte Übungsstunde vonstatten. Als sie am Ende wieder verschwinden, zweifelt man an der Wirklichkeit des Gesehenen. Vielleicht, so denkt man, sind wir wirklich im Innern eines Gebirges, in dem nur eine imaginäre japanische Zauberwelt existiert.
Freizeit ist in Japan für die meisten Menschen ein Fremdwort. Wenn aber der Zutritt zur M-Wave einmal im Monat sonntags kostenlos ist, dann drängen sich Tausende auf dem Eis. Manch einer bringt seine Kinder dann auch ins kleine Olympia-Museum, um ihnen die legendären Sieger-Schlittschuhe von Hiroyasu Shimizu zu zeigen oder am Bildschirm eine virtuelle Fahrt über die Eisbahn zu unternehmen.
Pilger im dunklen Tunnel
Japanische und ausländische Touristen finden selten den Weg dorthin. Wichtigstes Besucherziel in Nagano ist trotz Olympia-Nostalgie der Zenkoji-Tempel. Bis 1890 hieß Nagano Zenkoji, benannt nach der Tempelanlage, die jetzt inmitten der Stadt steht. Damals war Nagano nur eine winzige Ansiedlung vor deren Toren. Das religiöse und kulturelle Zentrum ist vierzehnhundert Jahre alt. Elfmal ist es abgebrannt, zuletzt 1707. Vierzig Gebäude, darunter den drittgrößten Tempel des Landes, umfasst der Komplex. Verschiedene buddhistische Strömungen erkennen ihn als Wallfahrtsort an, deshalb kommen jährlich Millionen von Besuchern.
Im Zenkoji-Tempel wird die erste Buddha-Darstellung verwahrt, die je nach Japan gekommen ist. Im Jahr 552 nach Christus erreichte die Skulpturen-Trias Amida, Kannon und Daiseishi von Korea aus die Insel Honshu. Bilderstürmer warfen sie aber in Osaka in den Fluss, weil sie sie für eine Epidemie verantwortlich machten. Die Statuen wurden von einem gewissen Honda Yoshimitsu gerettet und in seinen Geburtsort in den Japanischen Alpen gebracht. Er soll sie tagsüber auf den Schultern geschleppt haben, sie trugen ihn ihrerseits des Nachts. Die Skulpturen dürfen von menschlichen Blicken inzwischen nicht mehr entweiht werden, nur alle sieben Jahre sind Kopien zu sehen. An Wochenenden bilden sich Schlangen, um einmal in den dunklen Tunnel zu gelangen, der unter dem Heiligtum hindurchführt und den Weg vor den höchsten buddhistischen Richter simuliert, den der Mensch nach seinem Tod zu gehen hat. Wer diesen finalen Schritt des Lebens hier unter dem Tempel schon einmal probeweise vorwegnimmt, rechnet sich dereinst bessere Chancen fürs Paradies aus.
Spartanische Zweiersessellifte
Vom Andrang vor dem Tempel können die Skigebiete rund um Nagano nur träumen. Die hochfliegenden touristischen Erwartungen der Olympiainvestoren haben sich nicht erfüllt, im Gegenteil: Das Interesse der Japaner am Skilaufen ist geradezu eingebrochen. Sogar die Pisten von Happo, auf denen die olympischen Abfahrtsläufe stattfanden, haben in den vergangenen zwölf Jahren einen stetigen Abwärtstrend erfahren.
Obwohl mit der Fertigstellung von Shinkansen und Autobahn die Skigebiete von Tokio aus in drei Stunden zu erreichen sind, ging die Besucherzahl Jahr für Jahr zurück. Wenn nicht ausländische Gäste in die größte Wintersportregion Asiens kämen, sähe es noch trüber aus. Die Skigebiete rund um den Olympiastützpunkt Hakuba haben zwar insgesamt mehr als sechshundert Lifte, gutpräparierte und zum Teil extrem steile Pisten und dazu legendäre Tiefschneeabfahrten, sie sind aber relativ klein, gehören unterschiedlichen Besitzern und haben untereinander keine Verbindung. Die altgediente Gondelbahn von Happo und die spartanischen Zweiersessellifte ohne Sicherheitsbügel waren schon 1998 anachronistisch. Heute erscheinen sie endgültig kurios.
Flüchtiges Ereignis
Dabei hatte die Region in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen großen Boom erlebt. Von Tokio aus wälzten sich Autoschlangen über die kurvenreichen Bergstraßen, man war einen ganzen Tag lang unterwegs, doch das schreckte niemanden ab. Skifahren war eine modische Sportart. Dann begann die große wirtschaftliche Depression in Japan, über die auch der kurzfristige Aufschwung im Zuge der Winterspiele kaum hinwegtäuschen konnte. Zwar war Wintersport noch einmal für kurze Zeit wieder gefragt, doch nach Olympia brach das Interesse abrupt ab.
Fährt man jetzt durch Hakuba, sieht man Gebäude, die seit Jahren leerstehen. Das Hallenbad ist geschlossen und verkommt. Es gibt keine Strategie, wie es weitergehen könnte. Auch der große internationale Sport meidet die Japanischen Alpen. Während vor den Spielen drei Winter lang der Weltcup-Zirkus hier gastierte, ist seither kein großes Rennen mehr gelaufen. Olympia 1998 war ein flüchtiges Ereignis, das dem japanischen Wintersport keine Impulse geben konnte. Die Wasserkäfer, die in den großräumigen Dimensionen der M-Wave von Nagano ihre Runden drehen dürfen, muss man sich dennoch als die glücklichsten aller Japaner vorstellen.
Information: Japanische Fremdenverkehrszentrale (JNTO), Kaiserstraße 11, 60311 Frankfurt, Telefon: 069/20353, Internet: www.jnto.de.