13.02.2010 · Nach dem Unfalltod des Georgiers Nodar Kumaritaschwili sind die Rodler in der Nacht vom Damen-Start ins Rennen gegangen. Der ungeheuren Beschleunigung auf der Olympiabahn soll ein Berechnungsfehler des Leipziger Planungsbüros zugrundeliegen.
Von Anno Hecker, WhistlerNach dem Unfalltod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwilii beim Training am Freitag auf der Olympiabahn haben sich auch die deutschen Athleten nach Informationen von FAZ.NET für einen Start ausgesprochen. Am späten Freitagabend bestätigte der Internationale Rodel-Verband (FIL) eine Fortsetzung der Wettbewerbe. Als Konsequenz aus dem tödlichen Unfall tragen die Männer ihren Wettbewerb bei den Olympischen Winterspielen nun vom Damenstart aus. Ein Vorschlag des Generalsekretärs des Bob- und Schlittenverbandes (BSD) für Deutschland, Thomas Schwab, adressiert an die Mitglieder der Technischen Kommission und der Jury, wurde angenommen.
Dadurch wird die Länge der Strecke um rund 200 Meter von 1374 auf 1198 Meter verkürzt und umfasst nur noch 14 statt 16 Kurven. Durch die Änderung soll die Geschwindigkeit reduziert werden. Die Damen und Doppelsitzer sollen entweder von einem abgeflachten Damen-Start oder vom Junioren-Start ins Rennen gehen. In der Nacht zum Samstag wurde die Unfallstelle zudem so gesichert, dass kein Rodler mehr hinausgeschleudert und gegen einen Stahlpfosten geschmettert werden kann wie der 21-jährige Sohn des georgischen Verbandspräsidenten.
Die ersten beiden Rennläufe der Herren sollen am Samstagabend um 17 Uhr Ortszeit gestartet werden. Die beiden Finalläufe folgen am Sonntag. Die Bahn war wegen des tragischen Unglücks beim sechsten Trainingslauf von Polizei und Staatsanwaltschaft gesperrt worden. Noch am späten Freitag-Abend (Ortszeit) dauerten die Untersuchungen an.
Aus den Fernsehaufnahmen geht hervor, dass der 21 Jahre Rodler aufgrund eines Fahrfehlers die Kontrolle über seinen Schlitten verlor. In der letzten Steilwand-Rechtskurve die zum Ziel hinaufführt, fuhr Kumaritaschwili viel zu hoch. Der Überhang der Bahn drückte den Schlitten nach unten, so dass der junge Sportler gegen die rechte Eisrinnenbegrenzung schlug. Die Wucht des Aufpralls bei etwa 140 Kilometern pro Stunde schleuderte ihn vom Schlitten und nach links über die Bande. Der Georgier schlug mit dem Rücken und dem Hinterkopf gegen einen der vielen rechteckigen Stahlposten, die die Bahnüberdachung tragen.
Schutzwände sollen eine zweite Tragödie verhindern
Obwohl innerhalb weniger Sekunden Ärzte zur Stelle waren, konnte der Athlet nicht gerettet werden. Er starb nach offiziellen Angaben im Krankenhaus. Eigentlich sollen die Bahnen so gebaut sein, dass selbst bei Fahrfehlern niemand aus der Rinne katapultiert wird. Da es weder Sturzräume noch Sicherheitszonen, geschweige denn Polsterungen außerhalb der Bahn gibt, rechnet wohl niemand mit Unfällen wie am Freitag geschehen. „Theoretisch ist das so“, sagte Schwab, „aber man darf es sich nicht zu einfach machen. Es kann keine Garantie geben. Das kann leider jedem passieren.“
Damit sich nicht noch eine zweite Tragödie ereignet, ließ das Bahnmanagement an der Unfallstelle Schutzwände installieren. Die Bande war nach Protesten unter anderem von Schwab schon vor einiger Zeit um 30 Zentimeter erhöht worden. Schwab lehnte es ab, das Unglück auf die Bahnkonstruktion zurückzuführen. Er blieb aber bei seiner Haltung vom Herbst 2008: „Die Grundkritik bleibt. Die Bahn ist zu schnell. Ein Rennrodler muss nicht 150 fahren.“ Das Management des „Sliding Centers“ von Whistler begegnete der Kritik stets mit einer Statistik: Drei Prozent Unfälle seien normal.
Seit Jahren auf das hohe Risiko hingewiesen
Hintergrund des Temporauschs ist angeblich eine falsche Berechnung. Die Höchstgeschwindigkeit hatte nur 135 Kilometer betragen sollen. Dem Leipziger Planungsbüro, auch für Cesana verantwortlich, hatte nicht die neuesten Gleitwerte der Kufen von Bob und Rodel sowie die jüngsten aerodynamischen Werte vorgelegen. Für die nächste Olympiabahn in Sotschi 2014 hat die FIL ein Tempolimit von 135 vorgeschrieben. Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, berichtete unter Tränen vom Schicksal eines Mitgliedes „unserer Familie. Jetzt ist der Moment der Trauer, nicht die Zeit, nach den Gründen zu fragen“. Während auf den vielen kleinen Plätzen von Whistler die Eröffnung der Spiele begeistert gefeiert wurde, diskutierte die betroffene Rodelszene abermals die besondere Gefahr des vor zwei Jahren homologierten Eiskanals. Seit den ersten Fahrten hatten Europäer, besonders auch deutsche Trainer und Sportler aus der Bob-, Skeleton- und Rodelszene auf das hohe Risiko, auf haarsträubende Stürze und Verletzungen hingewiesen.
Am Donnerstag hatte der Österreicher Manuel Pfister den Geschwindigkeitsweltrekord auf 154 Kilometer pro Stunde erhöht. Das sind rund 15 bis 20 mehr als auf den meisten anderen Bahnen erzielt werden. Ob Kuramitaschwili wegen der Hochgeschwindigkeit aus Überforderung einen fatalen Fehler machte, wird wohl kaum zu klären sein. Auch auf langsameren Bahnen sind Rodler und Bobfahrer schon über die Begrenzung hinausgeschossen. 2004 starb die Bobpilotin Yvonne Cernota am Königssee bei einem ähnlichen Unfall. Einen Zusammenhang zwischen dem Interesse von Bahnbetreibern an spektakulären Abfahrten und den zahlreichen Stürzen in Whistler aber bestreitet niemand. „Bei so einer hohen Geschwindigkeit hat man viel weniger Zeit zu reagieren“, sagt der deutsche Skeletonpilot Sandro Stielicke.
Ganz unerfahren war Kumaritaschwili nicht
Der jüngste Trend zur Hochgeschwindigkeit, auf der Olympiabahn der Winterspiele von Turin 2006 erlitten Rodler schwere Gehirnerschütterungen und Knochenbrüche, wirkt sich besonders bei schwächeren Athleten aus. Nodar Kumaritaschwili fuhr am Freitag zwei Sekunden langsamer als die Schnellsten. Er war nur als inoffizieller Nachrücker ins olympische Startfeld gerückt. Eigentlich haben nur die besten vierzig der Weltcup-Wertung ein Startrecht. Kumaritaschwili lag auf Rang 44. Er durfte in Whistler antreten, weil starke Nationen wie Deutschland nur drei von fünf erstklassigen Athleten melden dürfen oder ihre Sportler nicht nominieren. Ein Schweizer Rodler musste zuhause bleiben, weil es ihm nur einmal gelungen war, im Weltcup unter die ersten Zehn zu fahren.
Ganz unerfahren war Kumaritaschwili jedoch nicht. Der Sohn des georgischen Rodel-Verbandspräsidenten und Neffe des Trainers, belegte während des Weltcup-Rennens auf der schwierigen Bahn in Cesana Rang 28. Zudem gehörten zu dem guten Dutzend Gestürzter auch Könner. Vor dem Georgier war Armin Zöggeler in der gefürchteten Kurvenkombination 11/12/13 vom Schlitten geworfen worden, aber unverletzt geblieben. Der Italiener ist zweimaliger Olympiasieger und Favorit auf die Goldmedaille.
Fahrlässige Tötung
Georges Dorgan (geoorgge)
- 13.02.2010, 14:28 Uhr
Die Piloten legen 40 m
Max Mahlheim (Akkin)
- 13.02.2010, 18:34 Uhr
Luge sollte verboten werden
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 13.02.2010, 20:15 Uhr
Fahrlässige Tötung
Lutz Grellmann (Lumi1)
- 13.02.2010, 23:42 Uhr
Bei all der Trauer sollte man eines nicht vergessen:
Stefan Schaller (hnosteve)
- 14.02.2010, 13:32 Uhr