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Olympia-Kommentar Rücksichtslose Beschleunigung

14.02.2010 ·  Das Internationale Olympische Komitee, der Rodel-Verband, das Organisationskomitee der Spiele - alle sehr betroffen. Aber verantwortlich für den Tod des 21 Jahre alten Rodlers? Ist er selbst. Das ist die Botschaft von Whistler.

Von Anno Hecker, Whistler
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Sie sind alle sehr betroffen. Das Internationale Olympische Komitee, der Internationale Rodel-Verband (FIL), das Organisationskomitee der Spiele. Aber wer ist eigentlich verantwortlich, wenn ein 21 Jahre alter Sportler während des Trainings tödlich verunglückt? Er selbst. Das ist die Botschaft von Whistler. Ein volljähriger Athlet soll alt genug sein, um zu wissen, dass man bei Tempo 150 im Eiskanal nicht nur mit Kurven, sondern auch mit seinem Leben spielt. Und so hoben alle die Hände: Es ist traurig, sagen sie, aber nicht unsere Schuld.

Es stimmt: Rennrodler fliegen sehr, sehr selten aus einer Kunsteisbahn. Bei mehreren tausend Läufen ist das auch im „Sliding Center“ von Whistler nicht passiert. Bahnbetreiber und Veranstalter konnten mit dieser tragischen Verkettung unglücklicher Umstände also kaum rechnen. Und sie haben recht: Die Bahnkonstruktion, ihre auf Geschwindigkeitsrekorde getrimmte Form, spielte nicht die entscheidende Rolle beim Unfall des Georgiers Nodar Kumaritaschwili. Unglücke dieser Art haben sich auch schon auf deutlich langsameren Bahnen ereignet.

Die Argumentation der FIL darf aber nicht über ein Faktum hinwegtäuschen: Das Risiko, in der Bahn von Whistler zu verunglücken, ist zu hoch. Schon kleine Fehler in schwierigen Passagen sind selbst von den Besten kaum mehr zu korrigieren. Die Folgen können fatal sein. Auch wenn man nicht aus der Bahn katapultiert wird.

Es ist unverkennbar, dass Sportler immer größeren Risiken ausgesetzt werden. Im alpinen Ski-Sport scheint es eine Art Wettbewerb um die spektakulärste Abfahrtspiste bei den Männern zu geben. In der Snowboard-Halfpipe turnen Akrobaten 15 Meter über Grund. Diese Verlockung ist in Sportarten, die kaum im Rampenlicht stehen, noch größer. Verzweifelt kämpfen sie um Aufmerksamkeit. So wirbt man in Whistler stolz mit dem attraktiven Slogan: „Fastest Track of the world“ („Schnellste Strecke der Welt“).

Die Verbände müssen zu ihrem Glück gezwungen werden

Hinter diesen rücksichtslosen Beschleunigungen stecken also kommerzielle Interessen oder wenigstens der Kampf ums Prestige. In beiden Fällen haben Athleten die Kosten zu tragen. Ihr Einfluss aber ist verschwindend gering. Vor zwei Jahren schon haben nicht nur deutsche Olympiateilnehmer und deren Trainer lautstark und prägnant auf die Gefahren in Whistler hingewiesen. Der geforderte Umbau einer Streckenpassage blieb abgesehen von kleineren Korrekturen aus. Angeblich aus finanziellen Gründen. Je näher die Spiele rückten, desto leiser wurden die kritischen Sportler. Mit Geduld sind sie leicht mundtot zu machen.

Denn für das Traumziel Olympia nehmen Athleten sehr hohe Risiken in Kauf. Die Verbände behaupten zwar, ihre „Familienmitglieder“ nach bestem Wissen zu schützen, dennoch müssen sie manchmal zu ihrem Glück gezwungen werden. In Whistler drohte der Bahnchef, den Eiskanal zu schließen, falls die Rodelstrecken für Damen und Herren nicht verkürzt und damit verlangsamt würden. Erst dieser massive Eingriff bewegte ein Gremium des Internationalen Rodel-Verbandes einzulenken. Einsicht sieht anders aus.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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