04.02.2010 · Ohne Energie kein Erfolg. Eisschnelllauf-Weltmeisterin Jenny Wolf im Gespräch über Stürze, Muskeln und ihre Oberschenkel. Teil 3 der Interview-Serie vor den Olympischen Winterspielen von Vancouver.
Ohne Energiezufuhr kein Erfolg. Und keine Siege ohne Einschränkugen. Eisschnelllauf-Weltmeisterin Jenny Wolf im Gespräch über Muskeln, Stürze und ihre Oberschenkel.
Sie haben kürzlich Ihren alten Weltrekord über 500 Meter noch einmal auf 37,00 Sekunden verbessert - welche Rolle spielt die Kraft dabei?
Gerade für den Sprint braucht man jede Menge Kraft, um diese unglaubliche Beschleunigung zu erreichen. Man hat nicht viel Zeit, um auf seine Maximalgeschwindigkeit zu kommen, und muss deshalb gleich explosiv starten. Wenn alles gut läuft und ich auf einer Bahn laufe, wo auch Weltrekorde möglich sind, dann erreiche ich schon vor der ersten Kurve beinahe Tempo fünfzig und in der Spitze rund 57 Kilometer in der Stunde. In der Kurve kommt es dann auf statische Kraft an, man muss den optimalen Knie- und Fußwinkel halten, egal, wie viel Qual dies bedeutet.
Wann beginnen die Schmerzen in den Oberschenkeln?
Den Sprint übersteht man gänzlich ohne, auf der längeren Strecke über 1000 Meter leider nicht. Es ist immer so eine Kopfsache. Man bekommt die Schmerzen immer so lange nicht mit, bis man sich überlegt: O Gott, jetzt könnte es wehtun. Bei mir setzt das immer genau nach 600 Metern ein. Wenn das Läuten zur letzten Runde kommt, schießt mit der Schmerz einfach so in die Beine rein. Dann kann man einfach die Winkel nicht mehr halten und läuft technisch nicht mehr sauber. Das ist die erste Phase, danach kann man seine Beine überhaupt nicht mehr kontrollieren, man setzt die Schlittschuhe dann nur noch auf und hofft, dass das Ziel bald erreicht ist.
Ist es ein Trugschluss, dass Eisschnellläufer nur Kraft in den Oberschenkeln benötigen?
Auf jeden Fall. Wenn ich keine Rumpfmuskulatur hätte, dann würde mir all die Kraft in den Beinen überhaupt nicht helfen. Der Oberkörper würde dann auf der Bahn immer nur noch hin und her schwanken.
In den Kurven müssen Sie enge Radien laufen, um den Weg zu verkürzen. Welche Rolle spielt in diesem Moment die Fliehkraft?
Genau das ist oft mein Problem. Nach 300 Metern habe ich meine maximale Geschwindigkeit erreicht, und dann spüre ich schon, wie es mich in der zweiten Kurve nach außen treibt. Dann muss man möglichst tief laufen und sich weit in die Kurve hineinlegen.
Haben Sie in dem Moment keine Angst, dass die Kufen dem Druck dieser Schräglage nicht mehr standhalten könnten?
Nein, Angst darf man keine haben. Aber natürlich kann jeder technische Fehler sofort einen Sturz bedeuten. Auch die Eisqualität kann schon so schlecht sein, dass ein Stück aus der Bahn bricht und man überhaupt keine Chance mehr hat zu reagieren. Es ist wohl jedem von uns schon einmal passiert, dass er in die Bande geflogen ist. Das ist kein Spaß mehr. Beim Weltcup in Berlin sind im letzten Rennen zwei Männer am Ausgang der Kurve mit rund sechzig Kilometern in der Stunde direkt in die Bande geknallt. Darauf kann man dann gar nicht mehr reagieren, man hat keine Chance mehr.
Kommt es denn nur auf die Kraft an, oder wie wichtig ist eine ausgeprägte Technik?
Gerade in meinen Fall sieht man, wie wichtig die Kraft ist. Ich zähle sicher zu den kraftvollsten Läufern im Feld und weiß einfach, dass ich technische Fehler durch meine Power ausgleichen kann. Aber natürlich wäre es ein Vorteil, wenn meine Technik noch besser wäre. Aber die leidet einfach unter dem Krafttraining. Wenn ich im Sommer einmal die Intensität erhöht und noch mehr Muskeln aufgebaut hatte, dann lief es danach auf dem Eis oft gar nicht so gut wie erwartet. Die Bewegungsabläufe waren danach auf einmal ganz anders. Man stößt ab, hat auch einen guten Vortrieb, aber der geht dann gar nicht in die Richtung, wo er hinsoll.
Sie arbeiten unter anderem mit einem Gewichtheber-Trainer zusammen. Wie kann man sich das vorstellen?
Ich mache unter anderem Kniebeugen mit 135 Kilogramm auf den Schultern. Das sind ganz kurze Übungen mit maximal zwei oder drei Wiederholungen. Richtung Vancouver will ich das noch mal verbessern, mein Ziel sind 140 Kilogramm. Wenn ich nicht wüsste, dass mir das etwas auf dem Eis bringt, wäre es wohl nichts für mich. Es ist deutlich zu anstrengend und nervlich belastend, weil man sich keine Fehler erlauben darf. Ich ziehe sanftere Methoden des Sports vor.
Wie ernähren Sie sich?
Ich esse eine Menge Fleisch und Fisch, versuche, viel Eiweiß zu mir zu nehmen. Die Kalorienzufuhr muss stimmen. Wer Energie verbraucht, muss diese dem Körper auch wieder zuführen. Aber ich muss den Tag nicht mit Pasta beginnen, Gott sei Dank!
Während des Wettkampfs tragen Sie hautenge Anzüge - war das mal ein komisches Gefühl, Ihren Körper derart offen zu präsentieren?
Nein, diese Anzüge habe ich ja schon als kleines Kind getragen. Ich weiß noch genau, wie stolz ich in dem Moment war, als ich ihn zum ersten Mal anziehen durfte und nicht mehr in einer Jogginghose laufen musste. Ich habe auch noch nie einen Gedanken daran verschwendet, dass diese Anzüge vielleicht merkwürdig aussehen könnten. Seit einigen Jahren tragen wir neue Anzüge, die sehr eng und maßgeschneidert sind. So soll Druck aufgebaut und die Muskeln unterstützt werden. Die Ermüdung soll nicht so hoch sein, und die Gummi-Elemente im Anzug sollen den Körper in der Laufposition stabilisieren. Ich habe aber eher die Erfahrung gemacht, dass es die Blutzirkulation ein bisschen einschränkt.
Wie profitieren Sie im Alltag von Ihrer Kraft?
Neulich wurde ich in der Kaufhalle darauf angesprochen, warum es mir so leichtfällt, den Getränkekasten auf das Band zu heben. Da habe ich schon gestaunt, dass das anderen Leuten überhaupt auffällt. Aber ich lebe jetzt schon dreißig Jahre in meinem Körper, habe ihn mehr und mehr aufgebaut, und da wäre es schon reichlich komisch, wenn ich immer denken würde: Wow, das ist aber toll, wie stark du bist, Jenny! So denke ich eigentlich nur vor den Wettkämpfen, wenn ich mir mal wieder ein bisschen Optimismus einreden muss.
Gibt es auch Probleme, die Sie aufgrund Ihres Körpers haben?
O ja. Es ist nicht so schön, wenn ich mir eine neue Jeans kaufen muss. Ich bin immer froh, wenn ich noch zwei oder drei davon im Schrank habe. An der Taille sind mir die immer deutlich zu weit, am Oberschenkel viel zu eng. Meistens muss ich damit zum Schneider gehen und sie ändern lassen. Generell kaufe ich eher Männer-Jeans - Hauptsache, sie passen einigermaßen. Am Oberkörper passt mir alles. Darüber wundern sich die Leute oft, weil ich im Fernsehen immer ein bisschen breiter aussehe.
Kennen Sie Ihren Oberschenkelumfang?
Mittlerweile liegt er bei 63 Zentimetern. Ich habe da eine Konkurrenz mit meinem Freund, der weniger Muskeln am Oberschenkel hat. Dabei ist er recht kräftig und stark, aber da kann er nicht mithalten.
Entspricht es Ihrem Schönheitsideal, was der Sport aus Ihrem Körper gemacht hat?
Na ja, nicht unbedingt. Ich bin froh, dass man bei den Leuten, die ihre Karriere beendet haben, sieht, wie die Oberschenkelumfänge wieder zurückgehen. Dass auch der Po nicht mehr ganz so kräftig ist. Auf diese Normalmaße freue ich mich auch schon.
Nun ist klar, dass man Muskeln durch hartes Training, aber auch durch Doping-Mittel aufbauen kann. Wurden Sie mal mit derartigen Verdächtigungen konfrontiert?
Nein, überhaupt nicht.
Verstehen Sie dennoch kritische Nachfragen?
Natürlich verstehe ich das. Es werden ja regelmäßig Sportler positiv getestet. Auch solche, denen man das niemals zugetraut hätte. Wenn sich die Leute aber näher damit beschäftigen, wie ich trainiere, wenn sie sehen, wie ich mich quäle, dann verschwinden diese Verdächtigungen recht schnell.
Sie haben Literatur studiert, den Geist wie den Körper vorangetrieben. Können Sie beides miteinander vergleichen?
Wenn man geistige Kraft aufwendet, dann ist das immer mehr wert als das Stemmen von Gewichten im Kraftraum. Die Einstellung, die Motivation, beide müssen genau so hoch sein, wenn ich mich mit herausfordernder Literatur beschäftige. Wenn Menschen etwas erreichen wollen, egal, auf welchem Gebiet, dann benötigen sie dafür Energie. Aber eines ist auch klar: Wenn ich körperlich ausgezehrt bin, dann tut es mehr weh, als wenn ich nur keine Lust mehr auf hochwissenschaftliche Dinge habe.