20.02.2010 · Stürze in der Eisschlange von Vancouver sind nicht zum Lachen. Gar Weltmeister und Olympiasieger sehen die Gefahr, beim in der Nacht auf Sonntag beginnenden Wettbewerb nicht auf Kufen ins Ziel zu kommen.
Von Anno Hecker, WhistlerManami Hino und Konomi Asazu kichern. Sie sitzen auf der Begrenzung der Bob- und Rodelbahn von Whistler. Den Rücken dem Eis, die Gesichter der wärmenden Sonne zugewandt. Alle paar Minuten donnert ein Zweierbob mit Männerbesatzung vorbei. Schnell drehen die Japanerinnen die Köpfe, schauen der Schussfahrt gespannt hinterher in die Kurve elf hinein. Hier hat mancher Sturz vieler Könner seit der Freigabe der Bahn vor zwei Jahren seinen Lauf genommen. „Fifty-fifty“ heißt die Passage. So gering schätzen sogar Weltmeister und Olympiasieger ihre Chance ein, auf Kufen bis ins Ziel zu kommen.
Das japanische Damenbob-Team nickt: „Yes, fifty-fifty.“ Sie kommen auch an die Reihe. An diesem Samstag beginnt ihr Wettkampf im kleinen Bob mit einem Extratraining. Die Frage nach der Angst, in der schnellsten Kunsteisbahn der Welt eine gute Woche nach dem Tod des georgischen Rodlers nicht über die Runden zu kommen, diskutieren beide auf Japanisch. Sie kommen zu einem einstimmigen Ergebnis: „Wir wissen es nicht.“ Hino kichert.
Nach Lachen ist den Funktionären des Internationalen Bob- und Skeleton-Verbandes (FIBT) vor den um 2 Uhr in der Nacht zum Sonntag mit dem Zweierbob der Männer (live im FAZ.NET-Liveticker: Olympia 2010) beginnenden Wettbewerben nicht zumute. In den ersten 60 Trainingsläufen rutschten elf Bobs auf der Seite ins Ziel. Das „Sliding-Center“ kam wieder ins Gerede. Und so bat der Vizepräsident der FIBT, Paul Pruszynski, Bob-Trainer und -Athleten, nicht weiter Stellung zum tödlichen Unfall des Rodlers zu nehmen. Manche Funktionäre verstanden diesen Hinweis als Maulkorb.
„Wir haben es den Verantwortlichen gesagt, aber es passiert nichts“
Dabei ist alles gesagt. Vernichtende Urteile waren schon vor eineinhalb Jahren gesprochen worden: „Wir wollen ja nicht, dass die ganze Bahn weggebombt wird, aber es sind kleinere Umbauten nötig. Selbst Olympiasieger Lueders ist (in seiner Heimat) durch den Kanal geflogen und hob ab – und das ist richtig gefährlich“, erklärte Medaillenkandidat André Lange - der im Training am Freitag Bestzeit fuhr - im November 2008 und fügte hinzu: „Wir haben es den Verantwortlichen gesagt, aber es passiert nichts.“
Jedenfalls zu wenig. Der von Trainern kritisierte Eisstand an neuralgischen Stellen wurde am Mittwoch vor den ersten Testläufen im kleinen Bob nicht korrigiert. Das Reglement verbietet eine Entschärfung, weil die Trainingsfahrten der Skeletonfahrer abgeschlossen waren. Man hätte ihnen eine weitere Eingewöhnungsfahrt vor ihren Wettkämpfen gewähren müssen. Dafür ließ der Zeitplan keine Lücke.
Die FIBT weiß längst, dass es auch im Zweier-Wettbewerb der Männer bei Tempo 150 und mehr „eng“ (Olympiasieger Christoph Langen) werden kann. An diesem Samstag steigen die Teams mit ihrem besten Material und unter Einsatz aller Kraft in den Wettbewerb ein. Anschieber wie der deutsche Richard Adje glauben an ein besonderes Vertrauensverhältnis zu ihrem Piloten (Thomas Florschütz): „Ich gebe mein Leben in seine Hände.“
„Ich bin schon auf anderen schwierigen Bahnen herunter gekommen“
Das war vielleicht ein unbedachter Satz. Aber auch der monegassische Pilot Patrice Servelle ließ sich nach seinen ersten beiden Trainingsläufen auf eine befremdende Diktion ein: „Wir leben.“ Für erfahrene Zweierbob-Teams, so die Einschätzung vieler Trainer, sei das Risiko beherrschbar. Für andere Bobfahrer aber wünschte sich nicht nur Thomas Schwab, Generalsekretär des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), zur rechten Zeit eine gesunde Selbsterkenntnis.
Wie werden wohl der Serbe Slobodan Matijevic und der 48 Jahre alte Kroate Sola Ivan in der nächsten Woche die noch schwerfälligeren Viererbobs zu Tale bringen? Beide sind in Whistler bislang nie gefahren. Die FIBT erlaubt deshalb Kandidaten, die sich für das Rennen im kleinen Schlitten nicht qualifizieren konnten, acht statt sechs Trainingsfahrten: „Ich“, sagte der deutsche Pilot Karl Angerer, „würde mich das trotzdem nicht trauen.“ Manami Hino macht sich keinen großen Kopf. „Ich bin schon auf anderen schwierigen Bahnen herunter gekommen.“
Wie eine Stuntfrau: über zwanzig Meter auf zwei statt auf vier Kufen
Stimmt. In Altenberg sogar als Stuntfrau: über zwanzig Meter auf zwei statt auf vier Kufen. „Da muss man eine Kerze anzünden“, sagt der Vizepräsident des BSD, Rainer Jakobus. Manami Hino kennt die Röhre von Whistler zwar. Diese Erfahrung und Rang 22 in der Weltcupwertung (von 25) überzeugte ihren Fahrlehrer am Königssee aber nicht, der mutigen Asiatin gleich die Lenkseile zu überlassen. Die seit 1999 im Bobsport engagierte Steuerfrau nahm erst mal hinten Platz. Das war im vergangenen November.
Die FIBT kann als euro-amerikanischer Weltverband jeden gebrauchen, sofern er sich qualifiziert. Japans Bob-Team erfüllt die zuletzt mehrfach vor Sportgerichten diskutierten Qualifikationskriterien. Das gilt auch für die Equipe aus Belgien. Sie ist eine Kreation des staatlichen Fernsehsenders VRT. „Wir wollten wissen, ob man Menschen sozusagen von der Straße zu Olympischen Spielen bringen kann“, sagt der Reporter.
„Im Oktober 2007 hatten sie von Bobfahren keine Ahnung“
Es geht. Elfje Willemsen, einst Speerwerferin, und die frühere Sprinterin Eva Willemarck setzten sich beim Casting durch. Mit sportwissenschaftlicher Unterstützung sausten sie nach Vancouver. Selbst der Filmemacher wundert sich: „Im Oktober 2007 hatten sie von Bobfahren keine Ahnung, geschweige denn mal in einem gesessen.“ Nun fahren sie in Whistler. Ohne Angst, sagt Willemsen, „wir sind vielleicht etwas nervös“. Aber abgesichert durch die Trainingswoche im vergangenen November.
Astrid Loch-Wilkinson und Cecila McIntosh waren damals nicht dabei. Platz zwei in der Gesamtwertung des America’s-Cup ist keine ausreichende sportliche Empfehlung. Wenn doch nie mehr als acht Teams teilnehmen. Dass die Australierinnen dabei sind, verdanken sie einem erfolgreichen Kampf um ihr Startrecht vor dem Internationalen Sportgerichtshofs. Loch-Wilkinson hat zwar bislang nur sechs Fahrten in Whistler gemacht. Aber ihre Lebenseinstellung wird sie kaum von weiteren Versuchen abhalten: „Was dich nicht tötet, macht dich stärker.“
Immer schneller, immer höher, immer hipper, immer flipper
Horst Günther (MarkTwain)
- 20.02.2010, 15:42 Uhr
russisches Roulette
Barbara Bermann (Barbarella-)
- 20.02.2010, 15:55 Uhr
Wenn es doch bloß allein die Eisbahn wäre...
alexander thelen (Alex18654)
- 20.02.2010, 18:06 Uhr