19.01.2010 · Am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig helfen 64 Wissenschaftler und sieben Millionen Euro jährlich vom Bundesinnenministerium den Sportlern auf die Sprünge - damit Deutschland in olympischen Medaillenspiegeln weit vorn steht.
Von Michael Wittershagen, LeipzigEin Zweckbau im Westen von Leipzig. Die Fassade leuchtet grün, die Wände im Inneren gelb. Arndt Pfützner steht in einem schmucklosen Raum und spricht von einer großartigen Zukunft: Platz eins im Medaillenspiegel bei den Olympischen Spielen in Vancouver im Februar, Platz fünf bei den Sommerspielen 2012 in London, Platz eins 2014 im Winter von Sotschi.
Wenn man so will, dann ist Pfützner einer der Chefplaner dieses nationalen Projekts. 59 Jahre ist er alt, früher war er Biathlet, seit 1990 ist er Professor. Thema seiner Habilitation: „Trainingssystem Skilanglauf“. Seine Erkenntnisse von damals gelten heute umso mehr. „Das System des Leistungsaufbaus wird immer komplexer“, sagt er. „Training aus dem Bauch heraus - das funktioniert nicht mehr.“ Sportlicher Erfolg braucht wissenschaftliche Gewissheit.
Zentrum der Forschungen in Deutschland ist das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig mit Pfützner als seinem Leiter. Rund 1000 Sportler und ihre Trainer werden derzeit unterstützt. Die Besten aus 17 Sommersportarten und sechs Winterdisziplinen. Rund sieben Millionen Euro stellt das Bundesinnenministerium Jahr für Jahr zur Verfügung, um die Arbeit der 64 Wissenschaftler zu finanzieren: Sportmediziner, Ingenieure, Mathematiker, Physiker und Informatiker, die mit Universitäten und den Olympiastützpunkten zusammenarbeiten. Aus dem Konjunkturpaket II gab es noch einmal 1,8 Millionen Euro. „Wenn man international vorne dabei sein will, dann muss man manchmal auch neue Geräte kaufen“, sagt Pfützner. Achtzig, manchmal hundert Tage und mehr verbringen die Wissenschaftler mit den Athleten. Immer auf der Suche nach dem perfekten Training, der perfekten Technik.
Messbare Leistungssteigerungen bei Schmitt
Schon im April 2008 ist Jürgen Wick, der Leiter des Fachbereichs Ausdauer, gemeinsam mit den Bundestrainern nach Vancouver geflogen. Mit einem GPS-Gerät gingen sie auf jene Strecke, wo nun in wenigen Wochen Biathleten, Skilangläufer und Nordische Kombinierer um Medaillen kämpfen werden. Steigungen und Abfahrten wurden digitalisiert - und als wichtige Erkenntnis für die bevorstehenden Olympia-Wettbewerbe mit nach Deutschland genommen. Seither konnten Magdalena Neuner und die anderen in Oberhof, Ruhpolding oder Oberwiesenthal für den Ernstfall trainieren. Auf elektronischen Laufbändern, die mit den Streckenprofilen programmiert worden sind und durch die kippbare Spitze Steigungen von bis zu zwanzig Prozent ermöglichen.
Messbare Leistungssteigerungen gab es nach den Maßnahmen der Wissenschaftler bei Skispringer Martin Schmitt. Ein Formtief quälte ihn in der Saison 2007, bis sich Sören Müller der Problematik annahm. Ein Spezialist auf diesem Gebiet, erst in diesem Jahr promovierte er zum Thema Skisprung. Absprung und Flugverhalten von Schmitt wurden untersucht, im Windkanal in Dresden-Klotzsche suchten sie ebenso nach Lösungen wie auf der Großschanze in Klingenthal. Hochgeschwindigkeitskameras nahmen die Bewegungen auf, am Computer konnten sie in ihre Einzelteile zerlegt und analysiert werden. Die Winkel stimmten nicht, Schmitt ließ zwischen seinem Körper und den Skiern zu viel Abstand, die Vorlage war zu gering, der Luftwiderstand zu groß.
Skispringer, Eiskunstläufer, Skeleton-Fahrer
„Wir wollen den Trainern umfassende Informationen liefern, damit eine objektive Bewertung der Sprünge möglich ist“, sagt Müller. Die veränderten Bewegungsabläufe aber muss der Athlet einschleifen - und wie schwierig das ist, sieht der Zuschauer gerade wieder an den schlechten Ergebnissen von Schmitt. Auch die Skeleton-Fahrer verlangten nach Hilfe beim IAT, sie suchten nach einer neuen schnelleren Starttechnik und schieben ihre Sportgeräte seither nur noch einhändig an. Das deutsche Eiskunstlauf-Paar Aljona Sawchenko und Robin Szolkowy feilte schon vor Jahren an der perfekten Technik für den dreifachen Wurf-Lutz.
Die Verschmelzung zwischen Theorie und Praxis - früher war dies noch ein Streitpunkt zwischen Wissenschaft und dem organisierten Sport, heute aber sagt Pfützner: „Es gibt überhaupt keine Probleme mit den Trainern. Wir sind voll akzeptiert als Teil des Teams.“ Aber eines ist auch klar: „Unsere Mitarbeiter müssen auf Augenhöhe mit den Trainern sprechen. Im Grunde müssen sie deshalb viel mehr wissen.“
Mittelchen für Honecker, Doping für Sportler
Zu Beginn der Arbeit war vieles noch nicht derart harmonisch. Das IAT entstand als Nachfolgeeinrichtung des Forschungsinstituts für Körperkultur und Sport (FKS) der ehemaligen DDR. Eine dunkle Vergangenheit, die auch auf viele Sportfunktionäre in der Bundesrepublik nur allzu anziehend wirkte. Bei der feierlichen Eröffnung des Instituts am 16. März 1992 fehlten andere: Vertreter der Universität Leipzig und des Freistaates Sachsen. Schließlich hatten Beamte der Landesregierung Sachsen nicht einmal ein Jahr zuvor noch Doping-Mittel im Wert von rund einer halben Million Mark gefunden - dabei war der Großteil vorher längst vernichtet worden.
Das FKS als Giftküche, die den Athleten Medaillen und Weltruhm ermöglichte. Sogar Erich Honecker, der Staatsratsvorsitzende der DDR, überzeugte sich 1977 vor Ort von den Fortschritten der Arbeit im Wunderlabor. Seine Leibärztin war derart fasziniert, dass sie fragte, ob es nicht auch ein Mittelchen gebe, das den ersten Mann im Arbeiter-und-Bauern-Staat ein wenig beflügele.
„Wir sind nicht mehr allein“
Nun hat jeder Mitarbeiter am IAT einen entscheidenden Passus in seinem Vertrag: das Bekenntnis zu einem humanen und manipulationsfreien Leistungssport. Dass dies indes nicht immer vor Manipulationen schützt, zeigt der Fall Lothar Heinrich. Der ehemalige Mannschaftsarzt des Radrennstalls T-Mobile wurde im April 2006 zum Leiter der Sportmedizin am IAT ernannt; seinerzeit wusste man noch nicht, dass Heinrich unbemerkt schon jahrelang Blut-Doping organisiert und praktiziert hatte. Diesen Weg meint Pfützner nun nicht mehr, wenn er sagt: „Wir wollen unseren Sportlern internationale Chancengleichheit gewährleisten.“ Nicht immer können die Wissenschaftler allerdings dabei helfen. „Curling ist so eine Sache. Da haben wir keine Tradition in Deutschland“, sagt Pfützner. „Das wüsste ich wirklich nicht, was wir machen könnten.“
Längst haben andere Nationen in die wissenschaftliche Unterstützung ihrer Leistungssportler investiert. Vergleichbare Institute gibt es etwa in Tokio, Canberra oder Paris. „Wir sind nicht mehr allein“, sagt Pfützner, und es klingt wie ein Weckruf. Schon in acht Wochen sind die Winterspiele von Vancouver beendet, dann geht die nächste Vorbereitungsphase los: auf die Olympischen Sommerspiele 2012 in London.