08.03.2010 · Bei den Olympischen Spielen wurde eifrig getwittert und gebloggt - nur die deutschen Athleten hielten sich auffällig zurück. Selbst eine gute Woche nach der Abschlussfeier werden die virtuellen Visitenkarten kaum gepflegt.
Von Bastian Steineck„Österreich ist eine Rodelnation“, befand ein Kommentator des Fernsehsenders ORF während der Olympischen Spiele. Gemeint war nach dem schwachen Abschneiden der Herren am Whistler Mountain: Österreich ist keine Ski-Nation mehr. Vielleicht tröstet die Nachricht aus dem Nachbarland: Deutschland ist keine Twitter-Nation. Zumindest lässt die Online-Kommunikation der deutschen Athleten in Vancouver diesen Schluss zu.
Die Ausnahme bildete Gold-Rodler Felix Loch: Wer ihm persönlich zu seiner Schussfahrt durch den Eiskanal in Whistler gratulieren wollte, musste lediglich einen Blick auf seine Twitter-Seite werfen. Über den Microblogging-Dienst ließ er zu später Stunde wissen: „Ihr trefft mich jeden Abend im Kufenstüberl in Whistler ;-)“. Und nicht nur ihn: „Leitner und Resch sind grad mit ihren Bronzemedaillen im Kufenstüberl eingetroffen. Tolle Feier ;-)“, legte er wenig später nach. Loch war damit neben dem Nordischen Kombinierer Tino Edelmann der einzige deutsche Olympia-Fahrer, der aus Vancouver respektive Whistler zwitscherte.
„I'm back, baby!“
„Das werden die Twitter-Spiele!“ hatte Bob Condron, der Mediendirektor des US-amerikanischen Olympiateams wenige Tage zuvor prophezeit, nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte: Ja, es durfte getwittert, gebloggt und geschrieben werden. Vergessen waren da die trübseligen Mitteilungen einer Lindsey Vonn, die sich bereits von ihrer virtuellen Fangemeinde verabschiedet hatte. Der Grund für die Verwirrung: Nach den IOC-Richtlinien sind die Eröffnungs- und Schlussfeier sowie Videos, Mitteilungen während laufender Wettkämpfe, journalistische Kolumnen und Informationen über Konkurrenten tabu. Explizit erwünscht seien dagegen persönliche Erlebnisse und das Hochladen von Fotos. Prompt frohlockte Vonn: „I'm back, baby!“
Maria Rieschs Busenfreundin war aber ganz offensichtlich nicht die einzige, die dem Irrtum über die IOC-Auflagen aufgesessen war. Auf der Homepage der Deutschen Tatjana Hüfner, die zu Gold rodelte, teilte das Management mit: „Während der Olympischen Spiele dürfen die Athleten leider nichts schreiben.“ Pünktlich zu ihrem Überraschungserfolg jedoch meldete sich Hüfner selbst zu Wort - und zeigte damit mehr Präsenz als der Großteil der deutschen Olympia-Fahrer.
„Die Vorfreude auf Vancouver ist groß!“
So ist selbst eine Woche nach dem Erlöschen des Olympischen Feuers in Vancouver das erfolgreiche Abschneiden auf der Internetseite der Bobfahrer André Lange und Kevin Kuske kein Thema. Die letzten Erfolge stammen laut der virtuellen Visitenkarte aus der Saison 2008. Biathletin Magdalena Neuner hinkt mit ihrer Homepage ähnlich hinterher. „Endlich geht's auch bei mir los…“, heißt es da voller Vorfreude. Das Ziel ist jedoch keineswegs Vancouver. „Heute bin ich nun auch endlich nach Hochfilzen zum Weltcup gereist“. Seit diesem Rennen im Dezember 2009 ist laut eigener Homepage also recht wenig passiert im Leben der Magdalena Neuner. Nichts zu lesen von drei olympischen Medaillen.
Eisschnellläuferin Anni Friesinger-Postma, die in Vancouver hauptsächlich mit einer unfreiwilligen Rutschpartie auf dem Bauch auffiel, begrüßt Besucher ihrer Homepage: „Die Vorfreude auf Vancouver ist groß!“. Einzig Viktoria Rebensburg, Überraschungssiegerin im Riesenslalom, überraschte mit regelmäßigen Einträge und Detailverliebtheit: „Wir wohnen leider nicht im Dorf, aber in einem schönen Haus mit einem guten Koch, ist sehr gut“.
Olympiasieger im Twittern
Wer weniger wissen will, sollte die Finger besser von den Tasten und insbesondere von den amerikanischen Sportlern lassen: Hier wird der direkte Kontakt zu den Anhängern großgeschrieben. Lindsey Vonn ließ die Welt, in diesem Fall über 50.000 Abonnenten ihres Twitter-Feeds, an ihrer Freude über den Olympiasieg teilhaben: „This is the best day of my life!“ Shorttracker Apolo Ohno zwitscherte nächtens (“My whole crew is asleep in the house... funny that I'm the only one up“). Und auch die gastgebenden Kanadier standen in Sachen Informationsfülle in nichts nach: Skicrosser Drew Goldsack verlieh seiner Ehrfurcht für den Eisgott Ausdruck (“Just rode the elevator with Crosby, no big deal...“) und Alex Harvey aus dem Team der Skilangläufer ärgerte sich über Platz 7 in der Teamverfolung (“Shit happens...“).
Auf dem ersten Platz der Twitter-Rangliste liegt, gemessen an regelmäßigen Lesern, der Superstar der Snowboard-Halfpipe: Shaun White, der Olympiasieger im Twittern, verzeichnet über 150.000 Follower. Nach seinem Auftritt in einer deutschen Fernsehsendung legte er einen Zwischenstopp im Nachbarland ein und offenbarte: „Just wrapping up dinner on top of a mountain in Austria! Schlittenhütte!“ Österreich ist also wenigstens eine Schlittenhüttennation.