02.03.2010 · Die deutsche Bilanz von Vancouver macht die Offiziellen zufrieden. Vielleicht zu zufrieden. Denn offensichtlich haben die deutschen Sportler just in den Sportarten Probleme, die Kindern und Jugendlichen Spaß machen. Entsprechende Sportstätten sind trotzdem nicht geplant.
Von Anno HeckerEs gibt Niederlagen, die zufrieden machen. Den Deutschen ist dieses Kunststück gelungen in Vancouver und Whistler. Jedenfalls schaute die Sportführung fröhlich drein, als sie am Samstag die Bilanz der zweiwöchigen Leistungsmesse präsentierte: Deutschlands Olympiamannschaft hat den vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) erhofften Sieg in der Nationenwertung der Winterspiele von Turin 2006 nicht erfolgreich verteidigen können. Herausgekommen aber ist eine Edelmetallsammlung von beachtlichem Ausmaß. 30 Medaillen, zehn goldene, dreizehn silberne und sieben bronzene, zählte der DOSB.
„Das ist hervorragend“, sagte der Chef de Mission, Bernhard Schwank. „Wir können stolz sein auf dieses Team“, fügte Deutschlands Sportchef Thomas Bach hinzu. 34 Plazierungen von vier bis zehn runden das Bild ab. Laut Schwank liegt die Equipe nur knapp unter dem Ergebnis von Turin. Das scheint angesichts der Mobilmachung in Kanada, der emsigen nordamerikanischen Goldschürfer ein gutes Zeichen oder auch eine Warnung zu sein. Wird nicht leicht überholt, wer stillsteht?
Was man aus so einem Medaillen-Spiegel alles herauslesen kann: Geschichten über den Charakter der Gesellschaft. Deutschland ist eine Wintersportnation, von Technikern mit erstklassigen Schlitten versorgt, von Frauen vergoldet. Und angeführt. Nach dem Kanzleramt haben sie nun auch die Fahne in der Hand. Die Biathletin Magdalena Neuner setzte das Flaggenzeichen der Deutschen zur Abschlussfeier als Symbol für die Weiterentwicklung einer charmanten Offensive. Acht von zehn Goldmedaillen fest in Frauenhand, sechs der zwölf silbernen, vier der sieben bronzenen. Das macht 18 von 27, zwei Drittel. „Da sollten sich die Männer ruhig ein Beispiel nehmen“, sagte Bach.
Die Frage ist aber, wer oder was wem Beine macht. Wahrscheinlich sind es die unvergleichlich günstigen Bedingungen für Frauen in Deutschland, Spitzensport in einer Winterdisziplin betreiben zu können. Beim Durchblättern der Mannschaftsbroschüre stößt man unter der Rubrik Berufsbezeichnung schnell auf die Quelle eines einzigartigen Profitums: Zoll, Polizei, Bundeswehr. Italien (Frauen: 1 Medaille, Männer: 4) und Österreich (6:8) haben ähnliche Fördereinrichtungen, aber auf niedrigerem Niveau. In der Schweiz (1:8) bietet die Armee erst seit 2004 Sportförderstellen an. In den Vereinigten Staaten (12:24) dürfen zwar auch Frauen zur Army. Die Bob-Fahrerin Shauna Rohbock (Sechste in Whistler) aber sollte während der Olympiavorbereitung auf Turin kurzerhand in den Irak abkommandiert werden. Undenkbar in Deutschland, wo die Sportsoldatin eine Sportlerin ist, die Sold bekommt.
Grundlegende Probleme bei allem, was Kindern Spaß macht
Die auffallend schwache Trefferquote deutscher Skijäger ist von der im Vergleich zu den Frauen wesentlich stärkeren Konkurrenz weidlich ausgenutzt worden. Die Besten schießen schneller und treffen mehr. Die Deutschen verpassten diese Entwicklung, so wie beim Damen-Bob der Einfluss enorm athletischer Pilotinnen aus Kanada und den Vereinigten Staaten auf die Leistung unterschätzt wurde.
Diese Schwächen, dazu gehört auch das Desaster im Eisschnelllauf der Männer, sind vielleicht vorübergehend. Grundlegend aber sind die Probleme der Deutschen dort, wo Kinder und Jugendliche große Augen kriegen. Ein neunter Rang sprang in den sechs Freestyle-Wettbewerben heraus, in der Halfpipe Platz zwanzig. Dabei sind diese Sportarten beileibe keine reine Domäne von Kanadiern und Amerikanern. Finnland und Frankreich sind längst im Rennen.
Die Deutschen suchen nach Lösungen, Traditionen aufzubrechen: „Ich glaube, dass wir in diesen Bereichen ein kulturelles Umdenken brauchen. Es ist noch nicht so, dass Jugendliche auf den Pisten Wettkämpfe selbst erfinden und diese integriert werden. Da sind wir Deutsche eher geneigt zu sagen, die sollen erst mal ordentlich Langlauf, bevor sie so verrückte Dinge machen“, sagt Bach. „Wir werden uns auch mit Blick auf die Bewerbung Münchens um die Winterspiele 2018 mehr öffnen müssen.“ Und umschichten. Eine heikle Aufgabe.
Sportstätten für junge Disziplinen? Nicht so schnell
Denn vom Bundesinnenministerium darf sich der Sport in den nächsten Jahren keine wesentliche Steigerung der Zahlungen erwarten. Was auf eine veritablen Kampf hinausläuft: Tradition gegen Moderne. Da haben es die Freestyler und Snowboarder trotz ihres prominenten Fürsprechers im DOSB schwer. Bach warnt zwar davor, den Fortschritt auszublenden: „Wir würden zurückfallen.“ Aber Forderungen nach Sportstätten für die jungen Disziplinen begegnet er reserviert. „Wir sollten uns vom Anspruchsdenken verabschieden.“ Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees vertraut auf die Durchsetzungskraft der Leistung: erst der Erfolg, dann die Belohnung.
Wahrscheinlich ist es aber in kaum einem Land schwieriger, eine junge Sportart zu etablieren. Die Deutschen boten die größte Bandbreite in Kanada: Medaillen in zehn von fünfzehn Sportarten. Dafür arbeitet jeder Verbandsboss in der Heimat ständig an der Machterhaltung. In Inzell wird gerade ein nagelneues Eisschnelllaufzentrum gebaut. In Ruhpolding entsteht ein neuer Biathlon-Komplex für die Weltmeisterschaft 2012. Am Königssee wird die Bobbahn für die WM 2011 modernisiert. Nur eines sucht man in der Wintersportnation vergeblich: eine gescheite Halfpipe.