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Naher Osten Der Vormarsch der Hamas

13.06.2007 ·  Den Palästinensergebieten droht eine Zweiteilung in „Hamastan“ und „Fatahstan“. Die bewaffneten Kräfte der Fatah sind trotz Überzahl in einem desolaten Zustand, ihr Widerstand gegen die Islamisten ist schwach. Von Hans-Christian Rößler.

Von Hans-Christian Rößler
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Der Demonstrationszug kam nicht weit. Auch die mehreren hundert Demonstranten, die am Mittwoch in Gaza-Stadt ein Ende der Gewalt verlangten, gerieten unter Beschuss. Ein Sechzehnjähriger kam um, 15 Menschen wurden verletzt, wie die palästinensische Nachrichtenagentur Maan meldete. Die ägyptischen Vermittler im Konflikt zwischen Hamas und Fatah hatten zu der Demonstration aufgerufen – ein weiterer hilfloser Versuch, Einfluss auf die Lage im Gazastreifen zu nehmen.

Politischer Druck scheint ohnehin nicht mehr zu wirken. Auf die Ankündigung des Fatah-Zentralkomitees, die Minister der Organisation vorerst aus der Regierung mit der Hamas abzuziehen, reagierte ein Sprecher der Islamisten mit den Worten: „Das hat keine Bedeutung. Wir kümmern uns nicht um solche Erklärungen.“ Schuld an der jüngsten Eskalation seien Mitglieder der bewaffneten Einheiten unter Führung von Präsident Abbas. Ihnen setzt die Hamas eine letzte Frist: Die Sicherheitskräfte und die Mitglieder „der putschistischen Strömung im Inneren der Fatah“ sollen bis Freitagabend ihre Waffen freiwillig abgeben, forderten die Kassam-Brigaden, der militärische Arme der Hamas, am Mittwoch in einer Erklärung. Wer sich dem widersetze, werde „verfolgt“.

Unterstützung aus Iran

Den meist schwarz vermummt auftretenden Hamas-Kämpfern hatten die Bewaffneten der Fatah am Mittwoch nicht mehr viel entgegenzusetzen. Sie erwecken immer stärker den Eindruck, kopflos zu sein. Schon seit Tagen hat sich kein prominenter Fatah-Führer mehr in Gaza sehen lassen: weder Präsident Abbas noch Mohammed Dahlan, sein starker Mann für Sicherheitsfragen. Das hat in Gaza Empörung unter Fatah-Mitgliedern hervorgerufen. Sie fühlten sich von den Politikern und Kommandeuren im Stich gelassen. Viele Einwohner aus Gaza suchen daher ihr Heil in der Flucht. Von langen Autoschlangen, die auf die Ausreise nach Ägypten warten, wird vom Grenzübergang in Rafah berichtet.

Der Widerstand gegen den Vormarsch der Hamas am Mittwoch war nach Korrespondentenberichten nur noch schwach und kam vor allem aus Stützpunkten der Fatah und der Abbas loyalen Sicherheitskräfte im Zentrum von Gaza-Stadt. Norden und Süden, die großen Flüchtlingslager in der Mitte und Teile der strategisch wichtigen Nord-Süd-Straße waren schon unter Kontrolle der Islamisten. Am Mittwoch kündigten sie an, den Amtssitz des Präsidenten im Zentrum von Gaza-Stadt und das Hauptquartier der Abbas direkt unterstehenden nationalen Sicherheitskräfte anzugreifen, die mit etwa 30.000 Mann die größte Truppe bilden; zu ihnen gehören auch ein militärischer Geheimdienst, die Küstenwache und die Eliteeinheit „Force 17“.

Dass die Hamas das wagen kann, zeigt, in welch desolaten Zustand die zu Abbas und der Fatah stehenden Sicherheitskräfte in Gaza sind. Insgesamt unterstehen dem Präsidenten mehr als 70.000 Mann. In der Polizei sind es etwa 30.000, weitere Einheiten bestehen zu einem großen Teil aus Fatah-Mitgliedern. Verfügen kann Abbas auch über die Präsidentengarde. Die knapp 5000 Mann gelten als am besten ausgebildet und wurden finanziell auch von den Vereinigten Staaten unterstützt. Ein Teil dieser mehr als 70.000 Mann befindet sich aber nicht im Gazastreifen, sondern im Westjordanland. Hinzu kommen die Al-Aqsa-Brigaden, die Miliz der Fatah mit mehreren tausend Mitgliedern im Gazastreifen. Demgegenüber nehmen sich die Hamas-Kräfte bescheiden aus: Etwa 6000 Mann sollen ihrer Exekutiveinheit angehören. Nach israelischer und amerikanischer Einschätzung erhalten sie Unterstützung aus Iran. Als hoch motiviert und erfahren bezeichnen Fachleute die 15.000 Mitglieder der Kassam-Brigaden, die sich auch durch Terroranschläge auf israelische Ziele einen Namen gemacht haben.

Zweiteilung der Palästinensergebiete

In Gaza hatten die Islamisten jedoch schon vor dem Beginn der Kämpfe, die seit Monaten immer wieder aufflammen, die Oberhand. Das ließen sie auch Präsident Abbas spüren: Während dieser versuchte, mit Israel über einen Frieden zu verhandeln, entführten sie zum Beispiel vor einem Jahr den israelischen Soldaten Schalit, der noch immer in ihrer Gewalt ist. Und in der im März nach saudischer Vermittlung gebildeten Regierung der nationalen Einheit versteht sich die Hamas nicht als Juniorpartner und will sich Abbas nicht unterordnen, vor allem ihm nicht ihre bewaffneten Einheiten unterstellen

In Gaza könnten sie jetzt bald alleine das Sagen haben und es könnte dort schließlich das „Hamastan“ entstehen, vor dem schon seit dem Beginn des politischen Aufstieg der Hamas immer wieder gewarnt worden ist. Diese Zweiteilung der Palästinensergebiete würde bedeuten, dass das Westjordanland dann – wegen der dort dominierenden Fatah – zum „Fatahstan“ würde – Israel und die internationale Gemeinschaft müssten also mit zweierlei Palästinensern verhandeln.

Einige jüngere Fatah-Mitglieder können dieser Aussicht sogar etwas abgewinnen. Sie hoffen darauf, dass sich ihre Organisation dort endlich von ihrer Niederlage in der Autonomieratswahl erholt, in der sich die Wähler wegen Korruption und Uneinigkeit in den eigenen Reihen von ihr abwandten. Mit einer erfolgreichen Politik im Westjordanland könnten sie sich dann gegenüber dem Chaos im Hamas-kontrollierten Gazastreifen hervortun. Der unabhängige palästinensische Außenminister Abu Amr scheint diese Zuversicht nicht zu teilen. Er warnte am Mittwoch eindringlich davor, dass die Gewalt aus Gaza bald auch das Westjordanland erreichen könnte.

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