17.02.2010 · Die gefälschten Pässe, die im Zusammenhang mit dem Mord an Hamas-Führer Mabhuh in Dubai verwendet wurden, bringen einige unbedarfte Auswanderer in plötzliche Schwierigkeiten. Auch Israel und der Chef des Mossads geraten unter Druck.
Von Hans-Christian Rößler und Johannes LeithäuserOr Kashti ist das Lachen noch nicht vergangen. Der Redakteur wachte am Dienstagmorgen auf und fand auf der Titelseite seiner Zeitung sein Bild vor – in der Fotogalerie der elf angeblichen Mörder des Hamas-Führers Mabhuh von Dubai. Danach konnte er sich vor Komplimenten selbst im Supermarkt nicht mehr retten. „Sie haben es diesen Arabern aber gezeigt“, lobte ihn eine Frau am Gemüsestand und klopfte ihm auf die Schulter. Über Nacht hatte der Bildungskorrespondent der Zeitung „Haaretz“ eine wundersame Karriere zum Kommandeur der Agentengruppe gemacht, die in Dubai am 20. Januar den Hamas-Waffenschmuggler Mabhuh getötet haben soll. (Siehe auch: Mord in Zimmer 230) Freunde beschwerten sich scherzend bei ihm, dass er ihnen von seiner Reise nach Dubai nicht wenigstens Zigaretten mitgebracht hatte.
Bei Or Kashti aus Tel Aviv war es nur ein Foto, das die Ermittler in Dubai vorlegten, andere Israelis und Briten entdeckten stattdessen ihren Namen und die Nummer ihres Reisepasses auf den Titelseiten der Zeitungen und waren nicht amüsiert, sondern entsetzt. Gleich sechs Israelis, die aus Großbritannien nach Israel eingewandert sind, fanden sich auf der Liste der Tatverdächtigen wieder, die mittlerweile international zur Fahndung ausgeschrieben sind.
„Als Mörder aufgewacht“
Insgesamt zehn Männer und eine Frau mit europäischen Pässen sucht die Polizei in Dubai im Zusammenhang mit dem Mord an Mabhuh. „Ich bin am Montagabend mit einer Erkältung ins Bett gegangen und am nächsten Morgen als ein Mörder aufgewacht“, klagte zum Beispiel Melvyn Adam Mildiner in der Zeitung „Jerusalem Post“. Der britische Jude war vor neun Jahren aus London in Israel eingewandert. Nun lässt in die Polizei in Dubai über Interpol suchen und er weiß nicht, wie und ob er künftig noch ins Ausland reisen kann. Nach Angaben der Londoner Zeitung „Times“ bestätigte mittlerweile das britische Außenministerium, dass Namen und weitere Angaben aus Pässen britischer Israel-Auswanderer auf der Fahndungsliste der Mörder aus Dubai aufgetaucht seien.
Der britische Premierminister Brown kündigte eine „gründliche Untersuchung“ an. Brown sagte, eine Bewertung des Vorganges könne erst abgegeben werden, wenn alle Erkenntnisse darüber vorlägen, „was genau geschah, wie und warum es geschah“. Der frühere Anführer der oppositionellen Liberaldemokraten, der Abgeordnete Menzies Campbell, wurde deutlicher. Er forderte die britische Regierung auf, sie solle den israelischen Botschafter in London schleunigst ins Außenministerium zitieren. Durch die aktuellen Spekulationen, der israelische Geheimdienst Mossad sei in den Fall verwickelt, habe die israelische Regierung wohl „einiges zu erklären“. Das Londoner Außenministerium teilte bislang nur mit, die fraglichen sechs Pässe seien offenkundig „manipuliert“ worden. Der für den Nahen Osten zuständige Abgeordnete der Konservativen, Swire, verlangte gleichfalls eine „vollständige Aufklärung“ der Vorgänge, ganz gleich, wie viel Wirbel dies in Israel oder den arabischen Ländern verursachen werde.
Bei den drei irischen Pässen, die die Dubaier Ermittler nannten, handelt es sich nach Angaben der Behörden aus Dublin um Fälschungen. Die Bundesregierung teilte mit, den Verlautbarungen der Dubaier Polizei „über die angebliche Involvierung eines deutschen Staatsangehörigen im Zusammenhang mit der Tötung des Hamas-Funktionärs“ werde nachgegangen. Laut israelischen Presseberichten ist auch die Passnummer des einzigen in Dubai genannten deutschen Tatverdächtigen deutschen Behörden nicht bekannt. Die französische Regierung ließ mitteilen, dass der französische Pass eine Fälschung war.
Rücktritt von Mossad-Chef Meir Dagan gefordert
Der israelische Außenminister Lieberman trat den Vorwürfen mit einer vielsagenden Äußerung entgegen. Im Armeerundfunk sagte er, es sei nicht in Ordnung, dass man es für selbstverständlich halte, dass Israel oder der Mossad die Pässe oder Identitäten britischer Bürger benutzt hätten. Erste Zeitungskommentatoren forderten indes am Mittwoch den Rücktritt von Mossad-Chef Meir Dagan. Denn die Sorge wächst, dass Israel nun wegen der Verwendung von Ausweisen aus befreundeten Staaten international Schaden nehmen könnte. Ähnliches hatte es früher schon gegeben und hatte zum Beispiel Beziehungen zu Staaten wie Kanada oder Neuseeland belastet. So waren vor sechs Jahren zwei Mossad-Agenten in Neuseeland zu Haftstrafen verurteilt worden. Sie waren mit kanadischen Pässen eingereist und hatten versucht, sich auf illegale Weise neuseeländische Pässe zu beschaffen.
1997 verübten zwei Mossad-Agenten mit kanadischen Pässen in der jordanischen Hauptstadt Amman einen Giftanschlag auf den Hamas-Führer Khaled Meschaal. Das Attentat schlug fehl, die beiden Männer wurden verhaftet und der damalige (und heutige) Ministerpräsident Netanjahu musste ein Gegengift nach Amman schicken. Im Gegenzug für die Freilassung der beiden Agenten musste Netanjahu zudem Hamas-Gründer Scheich Jassin auf freien Fuß setzen. Meschaal leitet heute im syrischen Exil das Hamas-Politbüro und hat sich als Hardliner hervorgetan, der Israel das Leben schwer macht.
Aber auch der in Dubai getötete Hamas-Waffenschmuggler Mabhuh hatte in den vergangenen Jahren nicht nur mehrere Pässe benutzt. Einmal soll er sich sogar als orthodoxer Jude verkleidet haben. Das war Ende der achtziger Jahre, als er nach Überzeugung der Israelis an der Entführung und Ermordung zweier israelischer Soldaten beteiligt war.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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