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Libyen Gaddafis Preis für Menschenrechte

05.03.2011 ·  Nicht nur die Diplomatie und die Wirtschaft haben den Diktator hofiert: Auch honorige Literaten taten mit. Der Spanier Juan Goytisolo entzog sich einer Ehrung. Andere kamen, darunter so bekannte Politiker wie Manela und Erdogan.

Von Joseph Croitoru
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Der noch nicht endgültig bewerkstelligte Sturz Gaddafis führt zu Verwerfungen in der arabischen Kulturwelt. Auch die Araber hatten sich bekanntlich irgendwann an die Eskapaden des Revolutionsführers gewöhnt, ihre Kritik an seinem autoritären „Volksmassenstaat“ hielt sich zuletzt in Grenzen. Nun sucht man in den arabischen Medien offenbar das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen, indem man Exilautoren mit Vorwürfen über ihre angebliche frühe Kollaboration mit dem Regime überhäuft. Solchen Anschuldigungen sieht sich jetzt der im Ausland wohl bekannteste libysche Romancier Ibrahim al Koni ausgesetzt. Der der Tuareg-Minderheit angehörende, 1948 in der westlibyschen Oase Ghadames geborene Schriftsteller verließ das Land 1970. Über verschiedene Zwischenstationen im damaligen Ostblock führte ihn sein Weg schließlich in die Schweiz, wo er seit achtzehn Jahren lebt.

Das Bild seiner Tätigkeit im Exil, das sich aus seinen nun zahlreicheren Interviews in der europäischen Presse ergibt, ist irreführend. Al Koni war keineswegs, wie jetzt suggeriert wird, ausschließlich freier Journalist, sondern als Berichterstatter für die staatliche libysche Nachrichtenagentur wie als Presseberater mehrerer libyscher Botschaften, ob im Ostblock oder in der Schweiz, tätig – ein Dissident war er also nicht. Wohl auch aus Rücksicht auf noch in der Heimat lebende Familienangehörige hielt sich der Exilant mit direkter Kritik an Gaddafi stets zurück. Er zog es vor, auf seine zahlreichen Bücher zu verweisen, in denen er die Lage kritisch reflektiert haben will.

Zurückhaltend äußerte sich al Koni denn auch in den ersten Tagen der libyschen Revolution und enttäuschte damit einen Teil seiner Bewunderer, die ihm vorhielten, sich viel zu spät zu Wort gemeldet zu haben. Gegenüber dem qatarischen Sender Al Dschazira wies al Koni den Vorwurf jedoch zurück: Nur wenige Tage vor dem Interview habe er auf einem Kulturfestival im omanischen Maskat das Vorgehen der libyschen Regierung verurteilt und das Publikum zu einer Schweigeminute für die Märtyrer der Revolution aufgefordert.

Goytisolos Absage

Der Romancier muss sich nun aber noch weitere Schelte gefallen lassen. Weshalb, wird er gefragt, habe er in der Jury des 2007 ins Leben gerufenen „Internationalen Gaddafi-Preises für Literatur“ mitgewirkt, wo doch selbst ein Nichtaraber wie der spanische Autor Juan Goytisolo 2009 die Annahme dieser Auszeichnung verweigert hat? Der Vorwurf entbehrt nicht einer gewissen Heuchelei, denn seinerzeit stand keineswegs die Empörung über die Kooperation mit dem Regime im Mittelpunkt. Vielmehr erregte man sich darüber, dass Goytisolo, als Freund der Araber geschätzt, seine Ablehnung, die er damit begründete, Geld von dem „Putschisten“ Gaddafi nicht annehmen zu wollen, nicht dem Preiskomitee mitteilte, sondern damit gleich an die Presse ging.

Zu seiner Verteidigung führt al Koni jetzt an, er habe damals geglaubt, mäßigend wirken zu können, jedoch seien seine guten Absichten missbraucht worden. Denn nach eigenem Bekunden hatte al Koni, der immer wieder sein Heimatland besuchte, 2007 Gaddafi in einem persönlichen Gespräch vorgeschlagen, einen „Arabischen Preis für Literatur“ ins Leben zu rufen; Gaddafis Kulturminister habe anschließend die Annahme dieses Vorschlags bestätigt. Zu seinem Entsetzen sei dann aber der ursprünglich beschlossene Name der Auszeichnung kurzerhand in „Internationaler Gaddafi-Preis für Literatur“ geändert worden, wogegen er vergebens protestierte. Vom Kulturministerium habe er schließlich nur die knappe Mitteilung erhalten, der Name der Auszeichnung sei nun einmal beschlossene Sache. Daraufhin habe er seine Zusage, in der Jury mitzuwirken, zurückgezogen. Wann dies genau geschah, ob vor oder nach Goytisolos medienwirksamer Absage, bleibt allerdings im Dunkeln.

Die Liste der Hofierten

Al Koni ist nicht der einzige arabische Intellektuelle, der jetzt wegen seiner Kontakte zum Gaddafi-Regime in die Kritik geraten ist. Nach dem Fiasko mit Goytisolo hatte man den ägyptischen Literaturkritiker Gaber Asfour, der dem früheren Mubarak-Regime nahestand, als Kandidaten ins Auge gefasst. Asfour hatte, anders als Goytisolo, keinerlei Bedenken und nahm 2010 die mit beachtlichen 150 000 Euro dotierte Auszeichnung, mit der besondere Verdienste um die „Freiheit“ gewürdigt werden, gerne entgegen. Nun hat er, der in der ersten Übergangsregierung Ägyptens kurz als Kulturminister amtierte, erklärt, er verzichte auf den Preis und werde das Geld zurückgeben. Die gewaltsame Unterdrückung sei mit den Werten, die der Preis propagiere, nicht vereinbar.

Mit der Entgegennahme des Preises hatte Asfour allerdings zum Ruhm des Diktators beigetragen, der bei diesem Anlass von seinen Kulturbeamten wieder einmal als großer Förderer von Literatur, Kunst und Freiheit gefeiert wurde. Nachzulesen ist dies auch heute noch auf der Internetseite, die Gaddafis Propagandisten eingerichtet haben und die auch Fotos des freudestrahlenden Laureaten Asfour zeigt.

Mandela kam, und zuletzt auch Erdogan

Der Ägypter ist nicht der Einzige, der sich von Gaddafi hofieren ließ. Seit 1989 gab es Jahr für Jahr auch den „Internationalen Gaddafi-Preis für Menschenrechte“. Die Liste der Geehrten ist lang, den Anfang machte Nelson Mandela, jüngster Preisträger war der türkische Ministerpräsident Erdogan. Auch Ibrahim al Koni findet man dort wieder, er erhielt den Preis 2002. Gemeinsam mit ihm wurden ausgezeichnet der französische Holocaust-Leugner Roger Garaudy und der schweizerische Soziologe Jean Ziegler. Dieser, ein in Tripolis gern gesehener Gast, dem seine Landsleute 2006 vorgeworfen hatten, in der Gründungsphase der Preisjury angehört zu haben, hat dies bestritten.

Die Ehrung durch den „Gaddafi-Preis für Menschenrechte“, den er einst als „Anti-Nobelpreis der Dritten Welt“ begrüßt hatte, nahm er nach eigenem Bekunden nicht entgegen. Gleichwohl taucht sein Name auf einer Liste der preisbezogenen Veranstaltungen auf. Demnach soll Ziegler, neben Roger Garaudy und auch Ibrahim al Koni, Ende September 2002 an einer Tagung in Tripolis teilgenommen haben, die wenige Tage vor der offiziellen Bekanntgabe der Gewinner stattfand. Sie trug den Titel „Muammar al Gaddafi: Schriftsteller und Schöpfer“.

Al Koni hielt, ausweislich des Tagungsprogramms, den Vortrag „Die Dschamahirija: Das Lied der Wahrheit“. Wenn der libysche Schriftsteller heute, wie zuletzt gegenüber Al Dschazira, behauptet, er sei Staatsfeind Nummer eins des Gaddafi-Regimes gewesen, so wird man daran wohl zweifeln dürfen.

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