18.07.2006 · Aus Angst vor weiteren israelischen Luftangriffen und einem drohenden Krieg flüchten Hunderte Deutsche aus dem Libanon. Mehrere Evakuierungsflüge sollen sie nach Deutschland bringen. Israel bombardierte weitere Ziele und schloß eine Invasion nicht aus.
Aus Angst vor weiteren israelischen Luftangriffen und einem drohenden Krieg flüchten Hunderte Deutsche aus dem Libanon. Ein Teil von ihnen sollte auf dem Landweg nach Damaskus und von dort noch in der Nacht mit dem Flugzeug nach Deutschland gebracht werden. Laut Auswärtigem Amt machten sich 400 Deutsche und weitere EU-Angehörige in einem Konvoi auf den Weg nach Syrien. Eine weitere Gruppe sollte am Abend an Bord einer französischen Fähre von Beirut nach Zypern reisen.
Israel hat am Dienstag weitere Ziele im Libanon bombardiert und eine groß angelegte Invasion des Nachbarlandes ausdrücklich nicht ausgeschlossen. „Zu diesem Zeitpunkt sehen wir keine Notwendigkeit, massive Bodentruppen im Libanon zu aktivieren. Aber wenn wir sie sehen, dann werden wir es tun. Wir schließen das nicht aus“, sagte der israelische Vize-Militärchef Mosche Kaplinski in einem Hörfunkinterview. Bei den jüngsten Angriffen im Libanon starben elf Menschen.
Mehrere „Evakuierungsflüge geplant“
Die Bundesregierung bemüht sich in Israel und in arabischen Ländern intensiv um eine Deeskalation, sieht sich aber nicht in einer besonderen Vermittlerrolle. Außenminister Frank-Walter Steinmeier bezifferte die Zahl der Deutschen im Libanon auf etwa 2000, die aber nicht alle das Land verlassen wollten.
Seit Freitag sind bereits mehr als 200 Bundesbürger nach Syrien geflüchtet. Israels Luftwaffe bombardiert seit Mittwoch Ziele im Libanon, darunter den Flughafen in Beirut und die Autobahn nach Damaskus. Auslöser war die Entführung zweier Soldaten durch die radikalen Hizbullah-Milizen.
Die Fluggesellschaft LTU wollte am Montag abend einen Airbus von Düsseldorf nach Damaskus schicken. Die Maschine mit 323 Sitzplätzen werde voraussichtlich am Dienstag früh um 2.15 Uhr Ortszeit landen und um 3.30 Uhr nach Düsseldorf zurückfliegen, teilte LTU mit. Auf dem „Evakuierungsflug“ würden auch Gäste anderer Airlines akzeptiert. Für die nächsten Tage sind weitere Flüge geplant.
Bereits am Wochenende hatte die Lufthansa ihre Flugkapazitäten von Zypern nach Deutschland erhöht, um aus dem Libanon geflohene Bundesbürger nach Hause zu bringen. Deutschen Staatsbürgern im Libanon empfiehlt das Auswärtige Amt „engen Kontakt zur deutschen Botschaft zu halten und gegebenenfalls kurzfristig abreisebereit zu sein“. Die deutsche Botschaft in Beirut gibt auf ihrer Homepage (www.beirut.diplo.de) laufend Ausreisemöglichkeiten bekannt.
„Gute Kontakte kein Alleinstellungsmerkmal“
Über die Fluchtwege für europäische Bürger aus dem Libanon wurde Israel informiert. „Wir haben natürlich über das Wochenende Vorsorge getroffen, daß die Reisewege in Israel bekannt sind“, sagte Steinmeier.
Nach Worten des Vize-Regierungssprechers Thomas Steg ist die Bundesregierung intensiv über verschiedene Kanäle um eine Beruhigung der Lage in der Krisenregion bemüht. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe mit Jordaniens König Abdullah telefoniert. Steinmeier sprach mit den Außenministern in Israel, Syrien, Qatar und Ägypten sowie mit Libanons Ministerpräsident Fouad Siniora. Die Bundesregierung verstehe sich als Teil der Bemühungen Europas und der internationalen Gemeinschaft, sagte Steg. „Es wäre nicht angemessen zu sagen, daß Deutschland sich die alleinige Vermittlerrolle anmaßen wolle oder daß es vertretbar wäre, Deutschland eine solche Vermittlerrolle aufzubürden.“ Wegen seiner historischen Verpflichtung habe Deutschland ein „ganz außergewöhnliches Verhältnis“ zu Israel. Zudem habe Deutschland sich in den vergangenen Jahren eine starke Vertrauensposition in der arabischen Welt erworben. „Das bringt für uns die Verpflichtung, die guten Kontakte nach Israel und die angrenzenden arabischen Staaten zu nutzen.“ Das bedeute aber kein „Alleinstellungsmerkmal“.