10.08.2006 · In Indonesien werben islamistische Gruppen Glaubenskrieger für den Libanon an. Hunderte solcher freiwilliger „Dschihadis“ sollen sich inzwischen im ganzen Inselreich gemeldet haben.
Von Jochen Buchsteiner, JakartaEs war ein gespenstisches Spektakel, das die Indonesier unlängst am Bildschirm verfolgen konnten. Kameras zeigten Jugendliche im indonesischen Westkalimantan, die, verhüllt in Palästinensertücher, Kampftechniken vorführten und ihre Bereitschaft bekundeten, in den „Heiligen Krieg“ gegen Israel zu ziehen. Hunderte solcher freiwilliger „Dschihadis“ sollen sich inzwischen im ganzen Inselreich gemeldet haben. Selbst ein Mitglied des Kabinetts von Präsident Susilo Bambang Yudhoyono, Jugend- und Sportminister Adhyaksa Dault, bot sich an, der Hizbullah im fast zehntausend Kilomter entfernten Kriegsgebiet zu helfen. „Ich werde Sie alle persönlich begleiten“, sagte der Minister, als er Anfang des Monats eine Abordnung der radikalen „Indonesischen Verteidigungsfront“ (FPI) in Jakarta empfing - und setzte hinzu: „Ich meine das ernst, kein Spaß.“
Mehrere islamistische Gruppierungen haben inzwischen Rekrutierungszentren eröffnet, unter ihnen auch der „Indonesische Mujaheddin-Rat“ (MMI), der von dem Kleriker Abu Bakar Bashir geleitet wird. Bashir war erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden, nachdem eine Amnestie seine mehrjährige Haftstrafe verkürzt hatte. Obwohl die meisten Sicherheitsexperten glauben, daß er der Kopf hinter der Terrororganisation „Jemaah Islamiah“ und deren Bombenanschlägen in Bali und Jakarta gewesen ist, genügten die Beweise nicht, um ihn lebenslang hinter Gitter zu bringen.
Reisebereite Krieger
Nun reist er wieder durchs Land und predigt. Die Öffentlichkeitsarbeit überläßt er einstweilen seinen Mitarbeitern. Es war der MMI-Führer Irvan Awwas, der am Dschihadi-Rekrutierungszentrum in Yogyakarta mitteilte, wie seine Kämpfer auf den Einsatz im Libanon eingeschworen werden: „Mentale Vorbereitung ist am wichtigsten, denn wenn sie erstmal abgereist sind, müssen sie sich mit der Möglichkeit anfreunden, nicht mehr zurückzukommen und dort zu sterben.“
500 Freiwillige hätten sich allein beim MMI gemeldet, sagt Awwas. Die FPI, die ein Rekrutierungszentrum in Mitteljava geöffnet hat, spricht von 30 reisebereiten Kriegern. Die erst durch das Fernsehen bekannt gewordene Gruppe auf Kalimantan - sie nennt sich „Asean-Muslimjugend“ - schickte angeblich bereits 200 Glaubenskämpfer auf den Weg in den Westen. Ihr Ziel sei es, „jüdische Ziele in den Unterstützerländern anzugreifen“, sagte der Anführer, ein Mann namens Suaib Didu.
„Muslimische Solidarität“
Insbesondere Didus Informationen wird in der indononesischen Presse keine hohe Glaubwürdigkeit beigemessen. Fachleute fragen sich unter anderem, wo die Jugendlichen das Geld für die Reise hernehmen sollen. MMI-Aktivist Awwas beklagte erst Anfang der Woche die schwierige finanzielle Lage in seiner - vergleichsweise gut ausgestatten - Organisation und rechnete vor, daß jeder Glaubenskämpfer mindestestens 1500 Euro für den Kriegsausflug braucht.
Während die Dschihadis Schlagzeilen machen, fragen sich die moderaten Muslime des Landes, warum niemand dem Treiben Einhalt gebietet. Wie immer, wenn es um die „weltweite muslimische Solidarität“ gehe, trauten sich die Politiker nicht, den „blankliegenden Nerv“ zu berühren, kommentierte die „Jakarta Post“. Es sei höchste Zeit, die „Doppelmoral“, die die Muslime so gerne dem Westen vorhalten, auch einmal bei sich selbst zu überprüfen.
Regierung kann die Krieger nicht hindern
Tatsächlich fielen die Reaktionen der Regierung Yudhoyono, die sich gerne als Partner im Antiterrorkrieg präsentiert, fast schon affirmativ aus. Man verstehe die Wut der Indonesier und könne die Bürger nicht daran hindern, von ihrer Reisefreiheit Gebrauch zu machen, sagte Außenminister Hassan Wirajuda. Mehr pflichtschuldig ergänzte Verteidigungsminister Juwono Sudarsono, daß Demonstrationen im Inland genügten und „keine Notwendigkeit für einen Kampf am Ort“ bestehe. Man solle statt dessen der Regierung vertrauen, die Indonesiens Interessen angemessen vertrete, indem sie sich an einer künftigen Friedenstruppe beteiligen werde.
Kein Politiker habe die Angebote der Selbstmordattentäter bislang eindeutig verurteilt, beklagte die „Jakarta Post“ und schloß die Frage an: „Sind Selbstmordanschläge nur im Inland ein Vebrechen, im Ausland dagegen eine Opfergabe, auf die wir stolz sein sollen?“ Am Dienstag fühlte sich die Regierung offenbar bereit, ein erstes Zeichen zu setzen. Der Sprecher der Polizei kündigte an, man werde die Glaubenskrieger nun doch an einer Ausreise hindern. „Ihr Aufbruch in den Nahen Osten wäre eine Verletzung unserer Verfassung, die Indonesien verpflichtet, zum Weltfrieden beitzutragen“, sagte der Sprecher. Offen ließ er allerdings, welche Mittel die Staatsgewalt einsetzen und wie sie die gewaltbereiten Kämpfer von gewöhnlichen Reisenden unterscheiden will.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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