14.07.2006 · Bei der neuerlichen Provokation Israels weiß die Hizbullah Iran und Syrien hinter sich. Zu einem neuen Libanon-Krieg wird es wohl dennoch nicht kommen. Trotzdem versteht Israel seine Angriffe auf das Nachbarland als Antwort auf einen „kriegerischen Akt“. FAZ.NET-Spezial.
Von Wolfgang Günter LerchZu einem neuen Libanon-Krieg, wie Israel ihn 1982 führte, wird es wohl nicht kommen, doch versteht Jerusalem seinen Einmarsch im nördlichen Nachbarland und seine Angriffe auf Ziele in und bei Beirut als Antwort auf einen „kriegerischen Akt“. Damit ist die Entführung zweier israelischer Soldaten durch die schiitische Hizbullah (“Partei Gottes“) gemeint, die nur wenige Tage auf die Geiselnahme eines Soldaten im Gazastreifen durch die radikalislamische Hamas folgte. Manches spricht dafür, daß diese neuerliche Provokation Israels durch die Hizbullah mit Bedacht geschah, weiß diese Gruppierung doch die Islamische Republik Iran und auch Syrien hinter sich.
Daß Israel die Entführten durch diese Aktion freibekommt, ist wenig wahrscheinlich. Wenn das gelänge, könnte dem doppelten Militärschlag (zuerst Gaza, jetzt Libanon) noch ein Sinn abgewonnen werden. Es sieht jedoch so aus, als entlade sich in erster Linie eine Frustration, die sich seit dem vorigen Sommer aufgestaut hat, als Israel den Gazastreifen vollständig räumte, dafür aber von der anderen Seite nichts bekam. Im Gegenteil: Mehr als siebenhundert Kassam-Raketen gingen auf grenznahe Orte wie Sderot, dann auch auf Aschkelon nieder. Die israelische Öffentlichkeit verlangt sogar ein noch schärferes Vorgehen als das bisherige. Auch das spricht dafür, daß in Israel der Geduldsfaden gerissen ist. Nun wird die sattsam bekannte Stärke demonstriert.
Nachwehen der „Revolution“ im Libanon
Der Einmarsch im Libanon bringt die dortige Regierung in große Schwierigkeiten und beeinträchtigt die Aussichten auf eine weitere positive Entwicklung im Land. Seit dem Februar des vorigen Jahres haben sich im Libanon nämlich Veränderungen ergeben, die nicht nur den Libanesen zugute kamen, sondern auch günstig für Israel waren.
Nach der Ermordung des ehemaligen Ministerpräsidenten Rafiq al Hariri bekam die antisyrische Opposition endlich die Oberhand in Beirut, die syrischen Besatzungstruppen, die seit 1976 im Libanon gewesen waren und sich bei vielen verhaßt gemacht hatten, wurden abgezogen, wie überhaupt der zuvor übermächtige Einfluß von Damaskus auf den Libanon zurückgedrängt werden konnte. Noch heute hat das Regime von Präsident Baschar al Assad mit den politischen Nachwehen dieser „Revolution“ im Libanon zu kämpfen, Machtkämpfe sind ausgebrochen. Auch der Irak-Krieg hat das syrische Regime geschwächt.
Gerechte Gegenwehr?
Man kann der libanesischen Regierung vorwerfen, daß sie die Hizbullah gewähren läßt. Doch angesichts der schillernden Struktur dieser Organisation, die im Parlament sitzt und von vielen, beileibe nicht nur schiitischen Libanesen gewählt oder wenigstens unterstützt wird, ist das nicht gerade einfach. Schon gar nicht einfach ist es, die Hizbullah zu entwaffnen. Das hochgerüstete Israel mit einer der stärksten Armeen der Welt hat es in 39 Jahren der Besatzung und mit zahlreichen Razzien, Vorstößen und Militärschlägen nicht geschafft, die Palästinensergruppen im Gazastreifen und im Westjordanland zu entwaffnen. Die Schiiten stellen im Libanon überdies mit etwa vierzig Prozent der Bevölkerung nicht nur die größte Gruppe unter den Muslimen, sondern die größte konfessionelle Gruppe überhaupt.
Solange die Palästinenser unter den gegenwärtigen, oft entwürdigenden Umständen leben müssen, wird die arabische Umgebung Israels die Angriffe von Organisationen wie der Hizbullah oder Hamas als gerechte Gegenwehr empfinden. Die militärische Stärke Israels kann auch als Teil des Problems angesehen werden. Taktiken wie der Kleinkrieg (“Guerrilla“), hinterhältige und brutale Anschläge eingeschlossen, gegen übermächtige Armeen bildeten sich heraus, als sich in Spanien etwa der Widerstand gegen den unbesiegbar erscheinenden Napoleon erstmals dieser Mittel bediente. Und die außerlegalen Liquidierungen palästinensischer Führer durch Israel bieten den Militanten unter den Palästinensern (und anderen) immer wieder den Vorwand, auch den übelsten, menschenverachtendsten Terror zu „rechtfertigen“.
Politik hat abgedankt
Versagt haben indessen jene arabischen und muslimischen Nachbarn der Palästinenser und Israels, die prinzipiell zu einem Ausgleich mit dem jüdischen Staat bereit wären. Seit dem Fahd-Plan vor vielen Jahren haben die arabischen Staaten keinen Vorschlag mehr gemacht, der geeignet wäre, das israelische General-Mißtrauen zu besänftigen. Sie haben auch nichts getan, um etwa die verbalen Rasereien des iranischen Präsidenten Ahmadineschad in einem weniger bedrohlichen Licht erscheinen zu lassen. Angesichts der vermuteten Absicht Irans, sich auf mittlere Frist doch nuklear aufzurüsten, sind die israelischen Ängste angesichts der Drohungen aus Teheran noch verständlicher als die der übrigen Welt. Die gemäßigten arabischen und muslimischen „Brüder“ der Palästinenser betreiben ihr altes Doppelspiel, indem sie, deren Schicksal beklagend, dieses gleichzeitig zur Wahrung und Erhaltung der eigenen Macht benutzen. Und die Radikalen, allen voran die iranischen Mullahs, haben keinerlei Interesse daran, daß dieser Konflikt unterhalb der von ihnen angestrebten Maximallösung im muslimischen Sinne ein Ende findet.
Die Politik hat im Augenblick abgedankt. Konzepte wie die „Roadmap“ scheinen beiseite gelegt zu sein. Man treibt das alte, grausame Spiel von Schlag und Gegenschlag, wobei Israel die härteren Mittel einsetzen kann. Dabei müßten sich die zum Ausgleich bereiten und auch die dafür zu gewinnenden Kräfte mutig zusammentun, um die Fanatiker zu isolieren. Zur Not auch in unkonventionellen Schritten, die Abstriche von den eigenen Prinzipien erfordern, bei der Hamas wie bei Israel. Doch danach sieht es im Augenblick nicht aus.