Vater Athanasius erzählt mit ruhiger, unaufgeregter Stimme. „Allein im letzten Jahr hat man mich mindestens fünfzehnmal angespuckt. Nicht nur in der Altstadt, sondern auch in der Fußgängerzone auf der Ben-Jehuda-Straße.“ Es seien orthodoxe Juden mit schwarzen Hüten und Schläfenlocken, ein Autofahrer, der extra sein Fenster dafür herunterkurbelte und einmal sogar ein junges Mädchen gewesen, berichtet der aus Texas stammende Franziskaner.
Aber es blieb nicht nur dabei. Auf dem Bildschirm seines Computers zeigt der Mönch Fotos vom Kloster seines Ordens auf dem Zionsberg am Rande der Altstadt von Jerusalem. Auf der Tür des Franziskaner-Konvents steht auf Englisch „Christen raus“, wenige Tage später, kurz vor Weihnachten 2009, hatten Unbekannte denselben Aufruf auf Hebräisch nebenan auf die Mauern der deutschen Dormitio-Abtei gesprayt.
Solche Attacken gehören zum Alltag für Mönche
An der Tür des Saals, in dem nach der Überlieferung Jesus sein letztes Abendmahl hielt, müssen die Mönche morgens immer wieder Urinlachen der vergangenen Nacht aufwischen. Anfang 2009 wurde ein steinernes Kreuz zertrümmert, das das Dach des Gebäudes schmückte.
Solche Attacken gehören schon seit langem zum Alltag für Mönche, Nonnen und Priester in Jerusalem. Doch im vergangenen Herbst war dann eine Grenze überschritten. Zwei 16 Jahre alte armenische Seminaristen setzten sich zur Wehr, als sie ein orthodoxer Jude bespuckte – Armenier waren schon zuvor die einzigen Christen, die nicht einfach die Spucke von ihrer Kleidung wischten und weitergingen, sondern zurückschlugen.
Um ein Haar wären die beiden Seminaristen aus Israel ausgewiesen worden. Kirchenvertreter wandten sich an die israelische Regierung und baten sie, endlich etwas für sie zu tun. „Wenn irgendwo auf der Welt Juden angegriffen werden, ist die israelische Regierung empört, warum zeigt sie nicht Härte, wenn es um unsere Religion geht“, ärgerte sich damals der armenische Erzbischof Nourhan Manougian; ein Kreuz, das er um den Hals hängen hatte, war einmal in einem Handgemenge zu Bruch gegangen, nachdem er bespuckt worden war.
Polizei ermittelt wegen der Wandschmiererei
Das armenische Viertel, in dem er seinen Bischofssitz hat, war bis vor kurzem einer der Schwerpunkte dieser Attacken. Denn durch diesen Teil führt einer der Hauptwege ins jüdische Viertel und an die Klagemauer. Auf den Zionsberg, auf dem die Franziskaner nur wenige hundert Meter entfernt ihr Kloster haben, zieht es viele Juden, weil dort das Grab von König David liegen soll. Zudem befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Mönche eine Jeschiva, eine Tora-Schule. Gegen deren Studenten ermittelte die Polizei schon wegen der Wandschmierereien.
Schwester Theodora wohnt dagegen ein ganzes Stück von den Stadtmauern entfernt. Aber auch im rumänischen Kloster am Rande des Ultraorthodoxen-Viertels Mea Schearim bekommen die Schwestern zu spüren, dass sie nicht willkommen sind. „Am Samstagabend bleiben wir lieber drinnen. Wenn der jüdische Schabbat vorüber ist, werfen sie oft Steine über die Mauer auf unser Kloster“, klagt Schwester Theodora.
Das gehe schon lange so, ohne dass es die Polizei je ganz habe stoppen können. Die israelischen Beamten, die bei Demonstrationen sonst nicht zimperlich sind, taten sich bisher durch ungewöhnliche Zurückhaltung hervor: „Bringt Beweisfotos oder am besten gleich die Täter selbst“, verlangten die Polizisten, erzählt man frustriert nicht nur im armenischen Viertel, obwohl das Polizeihauptquartier für die Altstadt um die Ecke liegt.
Hilfe kam von unerwarteter Seite
Seit einigen Wochen scheint sich jedoch die Lage zu beruhigen. Hilfe kam von unerwarteter Seite: Ausgerechnet die ultraorthodoxe Organisation „Eda Haredit“ wandte sich in gleich zwei Erklärungen an ihre Anhänger und verurteilte Ende Dezember in deutlichen Worten jegliche Attacken auf Christen. „Abgesehen von der Entweihung des Heiligen Namens, ist das wirklich eine sehr schwere Sünde. Eine solche Provokation von Nichtjuden ist von unseren Rabbinern verboten und kann zu tragischen Konsequenzen für die ganze jüdische Gemeinde führen, was der Himmel verhindern möge“, heißt es darin.
Zuvor hatte es schon der aschkenasische Oberrabiner an ähnlich deutlichen Worten nicht mangeln lassen. Aber die Stimme von Eda Haredit hat unter den Ultraorthodoxen, die die Autorität von Staat und Stadtverwaltung eigentlich nicht anerkennen und mit dem neuen säkularen Bürgermeister Nir Barakat seit Monaten auf Kriegsfuß stehen, viel mehr Gewicht.
Als Barakats Mitarbeiter Ende 2009 zu einem Krisentreffen luden, kam auch Schlomo Pappenheim ins Rathaus. „Diesen Vandalismus unterstützt kein Rabbiner auf der ganzen Welt. Das sind alles Lausbuben, die so etwas machen“, sagt der Rabbiner auf Deutsch. Der vor 83 Jahre in Deutschland geborene Pappenheim, der der Führung von Eda Haredit angehört, empfängt Besucher gerne in seinem Studierzimmer am Rande von Mea Schearim, dessen Regale sich unter den vielen schweren Büchern biegen.
Feindschaft nicht gerechtfertigt
Der Glaube an einen dreieinigen Gott ist den Juden nach Ansicht der Rabbiner zwar strengstens verboten, aber dieses Verbot gilt nicht für Nichtjuden, erläutert er. Weder Feindschaft noch irgendwelche Tätlichkeiten gegen Christen, die letztlich auch einer monotheistischen Religion angehörten, hält Pappenheim daher für gerechtfertigt.
Für die Angriffe hat der Rabbiner mit dem vollen weißen Bart eine andere Erklärung: Man wisse ziemlich genau, wer die Täter seien, sagt Pappenheim und erzählt von jungen Juden, die früher Rauschgift genommen und kriminell geworden seien. Sie hätten zwar ihren Glauben wiedergefunden und studierten in Jeschivas die Tora. Aber noch immer hätten sie nicht gelernt, „ihre überschüssigen Energien“ in den Griff zu bekommen. „Letztlich schadet solch aggressives Verhalten uns Orthodoxen ungemein“, befürchtet der Rabbiner.
Diese Sorge war offenbar so groß, dass auch die Radikalen unter den Ultraorthodoxen ihre bisherige Strategie überdachten. Denn seit der säkulare Likud-Politiker Barakat seinen religiösen Vorgänger im Rathaus ablöste, herrschte an den Wochenenden oft regelrecht Krieg auf den Straßen Jerusalems. Hundertschaften von Polizisten gingen gegen demonstrierende Strenggläubige vor, die Steine warfen, Mülltonnen in Brand setzten und die Beamten als „Nazis“ beschimpften.
Gewaltsame Ausschreitungen vor Parkhaus
Als eine Entheiligung des Schabbats empfanden es viele Orthodoxe, dass der neue Bürgermeister es wagte, für die vielen auswärtigen Besucher der Stadt an Schabbat wenigstens ein Parkhaus zu öffnen; alle anderen sind am Samstag, dem Ruhetag religiöser Juden, geschlossen. Jedes Wochenende kam es den Sommer über vor dem Parkhaus zu gewaltsamen Ausschreitungen, die sich später vor eine Fabrik des Chipherstellers Intel verlagerten: Das Unternehmen wollte auch an Schabbat weiterproduzieren.
Nicht hinnehmen wollten es auch die Bewohner von Mea Schearim, dass Staatsbeamte in das Leben einer ultraorthodoxen Familie eingriffen und in dem Viertel eine Mutter festnahmen. Die offenbar psychisch gestörte Frau hatte ihren dreijährigen Sohn fast verhungern lassen. Wieder brannten Barrikaden in Mea Schearim.
Schon damals hatten Mitarbeiter von Hagai Agmon-Snir dabei geholfen, Vertreter der Ultraorthodoxen, der Polizei und der Stadtverwaltung an einen Tisch zu bringen. Die Proteste auf den Straßen ebbten ab. In Israel benötigt man nicht nur Vermittler zwischen Israelis und Palästinensern, sondern auch unter Juden mitten in Jerusalem. Hagai Agmon-Snirs „Jerusalem Inter-Cultural Center“ hatte schon vor einiger Zeit damit begonnen, Kontakte zu den Frommen aufzubauen und eine „Infrastruktur des Vertrauens“, wie es sein Direktor nennt.
Dennoch war er selbst überrascht, wie weit die Ultraorthodoxen von Eda Haredit zu gehen bereit waren, als es darum ging, die Spuckattacken zu beenden: „Bedeutsam war weniger, was die Rabbiner sagten. Aber dass sie sich damit gleich in zwei schriftlichen Erklärungen an ihre eigenen Leute wandten, ist ungewöhnlich.“ Die Stadtverwaltung hatte das interkulturelle Zentrum gebeten, die Gesprächsbereitschaft dieser Ultraorthodoxen auszuloten, die sich mitunter auch pragmatisch zeigen können. „Sie sehen sich dann als Juden, die unter zionistischer Besatzung leben, und die müssen manchmal eben auch mit dem Besatzer reden“, beobachtet Agmon-Snir.
Von Hamburger Mäzen stammt größter Teil des Geldes
Von seinem Schreibtisch in einer alten im arabischen Stil gebauten Villa ist es nur ein Katzensprung auf den Zionsberg und ins armenische Viertel. Unterstützung erhält sein Zentrum von der „Jerusalem Foundation“, die dabei besonders auf Hilfe aus Deutschland bauen kann: Von Jan Philipp Reemtsma, dem Hamburger Literaturwissenschaftler und Mäzen, stammt von diesem Jahr an der größte Teil des Geldes, mit dem das Zentrum nicht nur den Dialog zwischen Juden und Christen, sondern auch zwischen Arabern und Israelis in Gang bringen will.
Die vom früheren Bürgermeister Teddy Kollek vor mehr als 40 Jahren gegründete „Jerusalem Foundation“ fördert verstärkt solche Projekte, die Nachbarn zusammenführt, die sich oft miteinander schwertun. Denn neben den mehr als 150 000 Ultraorthodoxen, mindestens ein Drittel aller jüdischen Einwohner, leben auch mehr als 250 000 Araber in der Stadt, die zu den ärmsten in ganz Israel zählt.
Wer vom interkulturellen Zentrum in diesen Tagen ins armenische Viertel hinübergeht, hört jedoch Ermutigendes. „Es gab großen Druck von höchster Ebene, und der hat Wirkung gezeigt. Seit einem Monat gab es keine Angriffe mehr. Aber wir müssen erst einmal sehen, ob das auch so bleibt“, sagt der armenische Historiker George Hintlian, der noch im November über eine regelrechte Kampagne von Spuckattacken geklagt hatte. Namhafte Rabbiner bis hin zu Vertretern der Zionistischen Weltorganisation sollen sich aus Angst vor einem internationalen Ansehensverlust Israels in den vergangenen Wochen eingeschaltet haben.
Auch der Franziskaner Athanasius hat in letzter Zeit nichts von neuen Spuckereien gehört. Davon verschont waren in der Altstadt bisher muslimische Geistliche. „Bei denen fürchtete man offensichtlich, dass sie ein Messer zücken oder ihnen sofort die muslimischen Ladenbesitzer zu Hilfe kommen könnten“, vermutet ein Händler.
Wie seltsam, das ist ja ganz neu.....
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 22.02.2010, 10:37 Uhr
Ungleiche Maßstäbe
Josef Bujtor (Mramorak)
- 22.02.2010, 11:05 Uhr
