Es sollte ein großes Fest werden. Eine Armada fahnengeschmückter Fischer-Boote sollte die „Solidaritätsflotte“ am Montag draußen auf dem Meer in Empfang nehmen und in den Hafen von Gaza-Stadt geleiten. Die türkische Hilfsorganisation IHH hatte für sie zuvor das Hafenbecken ausgebaggert und den Pier verschönert. Doch die Fahrt der sechs Schiffe endete in der Nacht zum Montag schon viele Kilometer weiter nördlich noch in internationalen Gewässern. Statt der Feier in Gaza mit Hamas-Prominenz und Hunderten von Luftballons kam es im Morgengrauen zu einem Blutbad auf Hoher See.
Die israelische Regierung hatte schon seit Tagen keinen Zweifel daran gelassen, dass sie die Flotte vor ihrer Ankunft in Gaza stoppen werde. Am Sonntagnachmittag waren trotzdem sechs - statt der geplanten acht - Schiffe vor Zypern aufgebrochen. Spätestens nach 18 Stunden wollten sie in Gaza sein. Zwei Schiffe, die „Challenger II“ und das irische Frachtschiff „Rachel Corrie“ blieben wegen technischer Schwierigkeiten zurück; sie sollten in einer „zweiten Welle“ folgen. Die auffällige Häufung von Pannen am Wochenende hatte zu Spekulationen Anlass gegeben, es könnte Sabotage im Spiel gewesen sein. Dennoch waren es am Ende mehr als 700 Aktivisten, die sich auf den Weg machten. Auch etwa ein halbes Dutzend Deutsche waren dabei, zu denen zwei Bundesabgeordnete der Partei „Die Linke“ gehören. Einer der Deutschen ist der Journalist Mario Damolin, ein Berichterstatter der F.A.Z.
Protest gegen die völkerrechtswidrige Seeblockade
Gegen 23 Uhr nahm die israelische Marine zum ersten Mal Kontakt zu dem Schiffskonvoi auf. Mindestens drei ihrer Schiffe seien ihnen zu dieser Zeit gefolgt, berichteten Aktivisten. Zudem habe ein kaum hörbares Flugzeug damit begonnen, über ihnen zu kreisen. Die Militäroperation „Sky Winds“ begann, doch aus dem Wind wurde erst am frühen Morgen ein richtiger Sturm. Die „Solidaritätsflotte“ hatte allem Anschein nicht damit gerechnet, dass sie so früh und noch weit von Gaza entfernt in internationalen Gewässern auf die israelischen Soldaten stoßen würde.
„Gaza ist militärisches Sperrgebiet. Sollten Sie dort eindringen, werden wir Sie dafür verantwortlich machen. Sie können Ihre (Hilfs-)Güter durch uns übergeben lassen“, soll der Funkspruch nach israelischen Presseberichten gelautet haben, mit dem die Streitkräfte die Flotte zum Kurswechsel aufforderten. Eines des Schiffe habe darauf geantwortet: „Wir fahren weiter.“ Das israelische Angebot, die 10.000 Tonnen an Hilfsmaterial im Hafen von Aschdod zu entladen und auf dem Landweg nach Gaza zu bringen, hatten die Organisatoren der Flotte schon vor Tagen abgelehnt. Ägypten hatte angeboten, notfalls die Güter im Hafen von El Arisch zu löschen und auf dem Landweg nach Gaza zu transportieren.
Doch die Aktivisten wollten nicht nur den Menschen helfen, sondern mit ihrer Fahrt gegen die aus ihrer Sicht völkerrechtswidrige Seeblockade protestieren: Sie wollte sie durchbrechen und der israelischen Abriegelung Gazas ein Ende setzen. „Beendet die Belagerung“, „Befreit Gaza“ heißen nicht ohne Grund einige der beteiligten Organisationen. Die israelische Regierung sprach daher den Organisatoren der Flotte von Anfang an humanitäre Motive ab: In Gaza herrsche keine Not, und die Menschen seien ausreichend versorgt, lautete die oft wiederholte Begründung. Als eine „Armada von Hass und Gewalt“, die eine Terrororganisation unterstütze, bezeichnete am Montag der stellvertretende Außenminister Danny Ajalon die Flotte. „Die Absicht der Organisatoren war gewaltsam, ihre Methode war gewaltsam und leider auch das Ergebnis.“ Wäre der Flotte der Durchbruch nach Gaza gelungen, wäre ein „Korridor für Terroristen und Waffen“ entstanden.
„Es wurde auch scharf geschossen“
Was vor Sonnenaufgang im Mittelmeer geschah, blieb am Montag widersprüchlich. Israelische Militärs beharrten gegenüber der Presse darauf, dass die Soldaten die Anweisung hatten, nur dann Gewalt anzuwenden, wenn ihr Leben in Gefahr sei. Einen anderen Eindruck erweckte eine der letzten Meldungen, die die Organisation „Free Gaza“, am Montagmorgen noch von unterwegs verbreitete: „Im Dunkel der Nacht seilten sich Soldaten eines Spezialkommandos auf das türkische Passagierschiff ,Mavi Marmara' ab und begannen zu schießen, sobald sie an Deck waren. Sie schossen direkt in die schlafende Menschenmenge.“ Die Ankunft vermummter israelischer Soldaten war auch auf türkischen und arabischen Fernsehaufnahmen zu sehen, die auch Verletzte zeigten. Geräusche, die wie Schüsse klangen, waren im Hintergrund zu hören.
Da jedoch kurz darauf sämtliche Funk- und Satellitenverbindungen zu den Schiffen abbrachen und die Soldaten deren Passagiere in Gewahrsam nahmen, gab es am Montag nur israelische Darstellungen der Ereignisse. „Sie schlugen mit Metallstäben und Messern auf uns ein. Es wurde auch scharf geschossen“, berichtete ein ungenannter israelischer Kommandosoldat einem Reporter, nachdem der Militärzensor seine Aussage freigegeben hatte. Einem Soldaten sei sein Gewehr entrissen worden. Etwa dreißig arabisch sprechende Männer hätten die Soldaten angegriffen. Das Marinekommando teilte mit, man habe zwei Aktivisten mit den Pistolen israelischer Soldaten festgenommen. Da die Magazine der Waffen leer waren, hätten sie offenbar auf israelische Soldaten geschossen, sagte ein Militärsprecher.
Journalisten, welche die Marine-Soldaten begleiteten, wurde eine Kiste mit Schleudern und Metallkugeln gezeigt, die die mutmaßlichen Gewalttäter auf dem Schiff bereitgelegt haben sollen. Schusswaffen waren jedoch nicht dabei. Nur bei der Erstürmung des türkischen Schiffs „Mavi Marmara“ kam es offenbar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, wie sie die israelischen Kommandeure nach Einschätzung von Ron Ben Jischai, dem Militärkorrespondenten der Zeitung „Jediot Ahronot“, nicht erwartet hatten: Das Militär habe mit politischen Aktivisten gerechnet, wie bei den Protesten an der israelischen Sperranlage im Westjordanland, denen man notfalls mit Stinkbomben Herr werden könne. Erst nachdem die prügelnde Menge einem Soldaten seine Handfeuerwaffe entrissen und ihn fast zehn Meter in die Tiefe gestoßen habe, sei der Schusswaffengebrauch erlaubt worden.
In Alarmbereitschaft
Klar war am Montag nur, dass 15 der mehr als 700 Menschen an Bord der Schiffe den Morgen nicht überlebt hatten; angeblich waren die meisten von ihnen türkische Staatsangehörige. Unter den mehr als dreißig Verletzten waren auch sieben israelische Soldaten. Bis zum Abend brachte die Marine alle Schiffe nach Aschdod. Statt in Gaza kamen später die ersten Passagiere im nicht so weit entfernten Gefängnis von Beerscheba an. Noch vor wenigen Tagen hatte die israelische Regierung in Aussicht gestellt, dass die Aktivisten auf Staatskosten sofort nach Hause fliegen könnten, wenn sie am Hafen eine entsprechende Erklärung unterzeichnen.
In Israel fürchtete man, dass sich der Sturm noch nicht gelegt hat. Die Regierung versetzte die Sicherheitskräfte in höchste Alarmbereitschaft. Besonders im arabischen Ostteil Jerusalems und im Norden des Landes, wo die große arabische Minderheit lebt, befürchtete man Ausschreitungen. Denn anfänglich kursierten Gerüchte, Scheich Raed Salah, der Anführer der Islamisten, der auf einem der Schiffe war, sei getötet worden. Später stellte sich heraus, dass er offenbar nur leicht verletzt auf dem Weg nach Aschdod war. Für diesen Dienstag riefen arabische Politiker zu einem „Generalstreik auf“, während die israelische Regierung ihre Bürger vor Reisen in die Türkei warnte.
Das Grundproblem ist der vermutl. "schleichenden Völkermord" in Palästina!
Miracolo De Sica (DeSica)
- 31.05.2010, 22:01 Uhr
"Feindliche Kämpfer"?!
Hans Meier (HansMeier555)
- 31.05.2010, 22:13 Uhr
Hamas-Prominenz und Hunderte von Luftballons - wie RÜHREND!
Sylvia Fox (SylviaFox)
- 31.05.2010, 22:18 Uhr
Mehr Schiffe
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 31.05.2010, 22:19 Uhr
Jawoll, Herr Miracolo De Sica (DeSica)
Volker Stramm (volkerstramm)
- 31.05.2010, 22:42 Uhr
