22.08.2006 · In Israel nimmt die Kritik von Soldaten an ihren Kommandeuren dramatisch zu. Manche fordern sogar den Rücktritt der Regierung. Rabbiner sehen die „christliche Moral“ als Ursache der militärischen Fehler.
Von Jörg Bremer, JerusalemMit der Heimkehr der israelischen Soldaten aus dem Libanon nimmt in Israel die Kritik an ihren Kommandeuren dramatisch zu. Manche fordern sogar den Rücktritt der Regierung. Ministerpräsident Olmert will eine „schnell und effizient“ arbeitende Regierungskommission, um die Leistung der Armee in dem Krieg zu beurteilen. Andere fordern eine Staatsuntersuchung unter einem Oberrichter, um die Regierung selbst zu prüfen. Eine von Verteidigungsminister Peretz eingesetzte Untersuchung durch sein Ministerium wurde schon eingestellt.
Nach der Faktenlage hat die israelische Armee den „zweiten Libanon-Krieg“ nicht verloren. Aber die hochgesetzten Erwartungen in Israel wurden enttäuscht. Weil der Verbündete der Hizbullah, Iran, vielleicht bald eine Atombombe haben und die gesamte Region in Flammen setzen könnte, fordern nun viele in Israel einen schnellen Strategie- und Führungswechsel. Es ist unklar, inwieweit die an Dramatisierung interessierte israelische Presse die derzeitige Vertrauenskrise anheizt. Doch während bei der Kritik der Soldaten wegen ihrer oft demütigenden Einsätze gegen Palästinenser an Kontrollpunkten und in den besetzten Orten Generale und Minister meist zusammenhielten, kommt jetzt die Kritik von allen Rängen.
„Kriegsziel nie klar definiert“
In einem offenen Brief in verschiedenen Zeitungen kritisierten Mannschaften und Offiziere einer Reservisten-Brigade die „Führungsschwäche“ der Befehlshaber: „Ihre Unentschlossenheit zeigte sich als Passivität, bei nicht ausgeführten Operationsplänen und gestrichenen Kampfaufträgen.“ Das Kriegsziel sei „nie klar definiert gewesen und sogar während der Kampfhandlungen geändert worden“. Der Brief der „Speerspitzen“-Brigade ist eine neue Herausforderung an die Führung: Sie seien als Soldaten dem Mobilisierungsaufruf mit der Bereitschaft gefolgt, „für die gerechte Sache des Schutzes der Bürger Israels das Leben zu riskieren“.
Nun stelle sich das bedrückende Gefühl ein, „daß in den Rängen über uns nichts als unzureichende Vorbereitung, Unernsthaftigkeit, Mangel an Voraussicht und Unfähigkeit zu rationalen Entscheidungen vorherrschen. Das führt zur Frage: Wurden wir für nichts und wieder nichts mobilisiert?“ Der Brief endet mit der Forderung nach einer „gründlichen und substantiellen Untersuchung“ durch eine „staatliche Kommission“. Nur mit ihr könne „die Vertrauenskrise zwischen uns Kämpfern und den höheren Rängen“ beseitigt werden.
„Sünde der Arroganz“
Das sieht der frühere Mossad-Direktor Schavit anders. In der Zeitung „Maariv“ schreibt er: Wegen der iranischen Gefahr „kann sich der Staat Israel diesen Luxus nicht leisten. Wir dürfen nicht Jahr um Jahr im Morast steckenbleiben, bis er trocknet.“ Wenn die Ergebnisse einer staatlichen Kommission veröffentlicht würden, werde sich niemand mehr daran erinnern, worum es eigentlich ging. Das wisse er aus eigener Erfahrung mit der „Agranat-Kommission“ nach dem Yom-Kippur-Krieg 1973. Der Vater der israelischen Friedensbewegung,Uri Avnery, äußerte sich in „Maariv“ ähnlich. Auch die „Kahan-Kommission“ nach dem Libanon-Krieg 1982 habe die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Solche Gremien untersuchten „politikkonform“ und suchten nicht nach politischen Alternativen.
Erhebliche Selbstkritik an seiner eigenen militärischen Leistung übte der scheidende Kommandeur der Infanterie- und Fallschirmspringer-Truppe Yossi Hyman. Auf seinen Schultern laste schwere Verantwortung, sagte er bei seiner Abschiedsfeier. „Ich habe es nicht geschafft, die Infanterie besser auf den gegenwärtigen Krieg vorzubereiten, die aktive wie die Reserve-Truppe. Ich konnte die Ermattung der aktiven Züge und Kompanien nicht verhindern, der Fähigkeit der Kommandeure, alle zur Verfügung stehenden Instrumente der Kriegsführung zu nutzen.“ Brigadegeneral Hyman lobte die Truppe, warf aber sich und der Führung „die Sünde der Arroganz“ vor. Sein bisheriger Vorgesetzter, Generalmajor Gantz, sagte dagegen, es sei nun nicht die Zeit, zurück zu blicken, man müsse nach vorne schreiten.
Druck auf Olmert
Generalstabschef Halutz mußte sich die Vorwürfe bei einem Treffen mit Soldaten in Givat Olga anhören: „Generalstabschef, meine Soldaten vertrauen ihren höheren Kommandeuren nicht länger“, wurde ein Bataillonskommandeur in „Yediot Ahronot“ zitiert. Es habe zudem im jüngsten Krieg an Ausrüstung gefehlt, selbst an Nachschub mit Essen und Wasser. „Soldaten ohne Wasser waren gezwungen, viele Kilometer im Zustand der Dehydrierung zurückzulegen, um verletzte Soldaten zu retten“, sagte der eine Offizier. Der andere klagte: „Wie soll man 2006 einen Krieg mit den Aufklärungsmitteln von 2002 gewinnen?“
Zwei Reservisten wollen nun so lange vor dem Amt von Ministerpräsident Olmert sitzenbleiben, bis der zurücktritt. Einige Dutzend schlossen sich der Forderung an, genauso wie die Zeitung „Yediot Ahronot“: Olmert und Peretz hätten das Vertrauen der Nation verspielt und trügen das Kainsmal auf der Stirn. „Es gibt keine andere Wahl, als die Regierung zu ersetzen.“ Vertreter des amerikanischen Rabbinerrats (RCA) wollen dagegen für den nächsten Krieg wieder stärker jüdische Einstellungen wachrufen: „Unsere traditionelle Sensibilität sagt uns, daß es nicht richtig ist, das Leben unserer Soldaten zu riskieren, um zivile Tote auf der anderen Seite zu minimieren.“
Das faßt Rabbi Drori aus Kirijat Schemona nach einem Zitat in der „Jerusalem Post“ konkreter: Er warf der Armee vor, die „christliche Moral“ angenommen zu haben: „Antisemiten verlangen, daß wir die christliche Moral nutzen, während unsere Feinde wie Barbaren handeln.“ Rabbi Lior vom Siedlerrat findet gar: „Alle Arten christlicher Moral schwächen den Geist unserer Armee und unserer Nation und kosten das Leben unserer Soldaten und Bürger.“
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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