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Im Gefängnis von Beerscheba Über jeder Dusche eine Kamera

07.06.2010 ·  Nach der Kaperung von sechs Schiffen der Gaza-Hilfsflotte landeten Passagiere und Mannschaften im Gefängnis von Beerscheba. Dort hatten die Wärter mit den Häftlingen so ihre Schwierigkeiten. Auszug aus einem Augenzeugenbericht von Mario Damolin.

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Nach zwei Schleusen erreichen wir den Hauptraum des Baus im Erdgeschoss, mehreckig, funktional, leicht überblickbar. Links, abgetrennt, die Abteilung für das Personal, Büroräume, ein Raum mit Fotoanlage, einige Geheimdienstleute – sie sind leicht zu identifizieren – lehnen an der Wand. Linker Hand, weiter vorne dann eine Art kleiner Küchenbereich mit Spülwannen, danach beginnen die Zellen im Erdgeschoss. Ganz rechts, neben dem Eingang, Duschen in offenen Kabinen, über jeder Dusche ist eine Kamera angebracht. An der Wand daneben eine Reihe Münztelefone. Im letzten Drittel dieses unteren Bereichs sind die Sitzflächen für die Gefangenen, jeweils vier an einen Metalltisch geschweißt. Auf einem der Tische prangt der Stempel von TÜV Rheinland. Wir erhalten zwei kleine Stück Seife, drei Päckchen Shampoo, eine Zahnbürste, Zahnpasta, ein Handtuch, eine Plastiktasse und ein Esstablett.

Über eine Treppe kommt man in den ersten Stock mit weiteren Zellen: jeweils vier Betten, ein Tisch mit angeschweißter Sitzfläche, ein Schrank mit vier Abteilungen. Die Toilette hinter einer Tür, die oben und unten Freiraum lässt. Die Spülung macht einen Lärm wie ein Presslufthammer. Schlafraum und Toilette sind mit Überwachungskameras bestückt. Oben an der Wand ein Ventilator, der Kühlung spenden soll. Aus dem vergitterten Fenster sieht man hinter den großflächigen Gefängnisbauten die Wüste Negev.

Zelle 5115 im ersten Stock ist von jetzt an unsere Unterkunft: Insassen sind neben mir Marcello Faraggi, italienischer Journalist aus Brüssel, Bilal Abdul Aziz, Englischlehrer aus Großbritannien, Manolis Matchioulakis, Solarenergie-Fachmann aus Athen. Der Ventilator unserer Zelle funktioniert nicht, aber in einer Ecke steht ein Paket mit allen Einzelteilen. Faraggi hat das Gerät in dreißig Minuten auf die Platte an der Wand montiert. Dass dieser Trakt in aller Eile bereitgestellt wurde, merkt man an dem Putz, der auf dem Zellenboden liegt, den Matratzen, die noch eingeschweißt sind, und dem Vogelkot auf den Geländern – offenbar lagerten die noch vor kurzem im Freien, und keiner hat sie bisher gereinigt.

Zu wenig Essen und Wasser

Im Erdgeschoss werden Wasserflaschen hereingebracht, Nahrungsmittel – Brot, Gurken, Paprika – dann öffnen sich die Türen über einen Zentralmechanismus. Alle kommen heraus, in unserem Trakt sind von rund sechzig Personen mindestens zwölf Medienleute: Filmemacher, schreibende Journalisten, Fotografen aus der Tschechischen Republik, Italien, Frankreich, Irland, Australien, der Türkei, Jordanien. In der starken griechischen Gruppe gibt es zwei Professoren, Gewerkschaftler, Ingenieure, Facharbeiter, einen Studenten aus Zürich und Naim Elghandour, den Schiffskoch der „Eleftheri Mesogeios“, einen gemütlichen Exil-Ägypter mit griechischem Pass. Die Griechen sind laut, offensiv und witzig zugleich – kaum zu bremsen. Die türkische Gruppe stammt hauptsächlich von den Frachtschiffen der IHH, einer türkischen Hilfsorganisation, die in manchen Ländern als radikal-islamistisch eingestuft wird.

Schon am ersten Abend wird klar, dass die Vollzugsmitarbeiter es nicht leicht haben werden. Laut wird nach Rechtsanwälten und Diplomaten gerufen, einige wollen telefonieren – ein Durcheinander sondergleichen. Die israelischen Gefängniswärter schauen erstaunt auf das Chaos. Einer von höherem Rang tritt vor und bittet um Ruhe, dann dürften wir morgen auch telefonieren. Geschrei und Gelächter. Wir seien keine Gefangene, sagt der Israeli, sondern Besucher, ja Gäste, und schon ruft einer aus dem Hintergrund: „One Cappuccino please!“ Die Angelsachsen sind mit Whisky-Bestellungen dabei. Vangelis Pissias ruft: „Ich bin ein politischer Gefangener.“

Die Organisation im Gefängnis ist chaotisch, das Personal nicht geschult, die Ressourcen sind mangelhaft. Gefangene, die Medizin benötigen, werden kaum angehört, es gibt zu wenig (schlechtes) Essen, am Morgen nach der Einlieferung kein Frühstück, es fehlt Wasser. Die Wärter empfehlen, den Durst am Waschbecken zu löschen. Manche schöpfen das Essen mit Tassen aus den großen Behältern und essen mit der Hand, weil Besteck fehlt.

Bei manchen Gefängnisbediensteten spürt man den ansteigenden Adrenalinspiegel. Sie stehen hier nicht Palästinensern gegenüber, sondern selbstbewussten Europäern, die sich nicht einschüchtern lassen und auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen. Auch der Versuch, die Gäste-Gefangenen zum Zweck der Zählung in Reih und Glied aufstellen zu lassen, scheitert kläglich. Alle in die Zellen zurück, heißt es dann, keiner geht, einer der Beamten fängt an zu schreien. Am ersten Morgen wählen wir Sprecher, die unsere Forderungen gegenüber der Gefängnisleitung vertreten sollen. Das Gefängnispersonal reagiert verwirrt. Die Autorität ist hin, das macht sie aggressiver.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Augenzeugenbericht unseres Reporters Mario Damolin über die Tage in israelischer Haft. Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7. Juni. Den ersten Teil des Augenzeugenberichts über die Erstürmung des Schiffes „Eleftheri Mesogeios“ lesen Sie hier: Augenzeugenbericht aus der Gaza-Flotte (Teil 1)

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