11.03.2009 · In Israel hat sich die Regierung zurückgezogen. Viele soziale Aufgaben werden von Stiftungen erfüllt. Manchen geht in der Krise das Geld aus, weil viele Spender Opfer des Anlagebetrügers Madoff sind. Madoff hat durch ein Schneeballsystem Investoren um bis zu 50 Milliarden Dollar gebracht.
Von Hans-Christian Rößler, JerusalemAuf den Straßen wimmelt es von kleinen Königinnen in pinkfarbenen Kostümen, Piraten mit blankem Säbel und Spinnenmännern aus der Comic-Reihe Spiderman. Ausgelassen feiern in Israel die Kinder das jüdische Purim-Fest, das mit seinen Kostümen und Umzügen an den deutschen Karneval erinnert. Zu Purim gehört auch, dass man sich mit Körben voller Süßigkeiten und Gebäck beschenkt. Doch die Stimmung ist dieses Jahr getrübt. „In Zeiten der Finanzkrise sollte man davon absehen, Geld für teure Purim-Geschenke zu verschwenden“, mahnten führende Rabbiner ihre gläubigen Anhänger. Wenn schon, dann sollten besser haltbare und gesunde Lebensmittel in die Körbe gepackt werden.
In den Suppenküchen von Abraham Israel sieht es an diesem Purim-Fest anders aus als noch im vergangenen Jahr. Gut 14.000 bedürftige Israelis versorgt die von dem aus Amerika stammenden Geschäftsmann gegründete Hilfsorganisation „Hazon Yeshaya Humanitarian Network“. Früher wurden an diesem Tag zwei Stücke Hühnerfleisch zu einem Glas Wein ausgegeben, dieses Jahr ist es nur ein Stück. „Immer mehr Leute wenden sich an uns. Um rund ein Drittel hat ihre Zahl zugenommen. Aber wir können sie nicht alle versorgen“, klagt Abraham Israel. Wegen der Wirtschaftskrise sind in Israel schon Tausende von Arbeitsplätzen verlorengegangen. Die Krise trifft aber das Land noch aus einem anderen Grund besonders hart: „Wir sind stark von Spenden aus dem Ausland abhängig, um das zu machen, was eigentlich der Staat tun sollte“, sagt Abraham Israel.
Opfer eines Betrügers
Vor allem aus Amerika kamen jedes Jahr viele Millionen Dollar Unterstützung - es könnte sein, dass es in diesem Jahr nur ein Bruchteil sein wird. Der Grund ist der Skandal um den Anlagebetrüger Bernard Madoff, bei dem viele jüdische Spender in Amerika ihr Geld angelegt hatten. Durch ein Schneeballsystem soll Madoff Investoren um bis zu 50 Milliarden Dollar gebracht haben. Manche haben so ihr ganzes Vermögen verloren, wie die Familie von Stanley Chais aus Kalifornien. Ihre Stiftung unterstützte jedes Jahr jüdische Projekte auf der ganzen Welt, vor allem aber in Israel mit insgesamt 12,5 Millionen Dollar. Nun sei kein Geld mehr da, um weiterzumachen, teilte die Stiftung zum Jahreswechsel mit. Sie schloss ihr Büro in Israel und entließ alle Mitarbeiter.
Auch Israelis hatten Geld bei Madoff angelegt, etwa die Hilfsorganisation „Yad Sarah“. Sie wird wohl weniger Alten, Kranken und Behinderten beistehen können als geplant. Beim Technion, der führenden Technischen Universität des Landes in Haifa, sollen sich die Verluste wegen der Madoff-Geschäfte auf etwa 30 Millionen Dollar belaufen. Zudem erhält die angesehene Forschungseinrichtung deutlich weniger Spenden. Insgesamt fehlen jüdischen Philantropen nach Schätzungen von Fachleuten bis zu eine Milliarde Dollar, die sie normalerweise den unterschiedlichsten Zwecken in aller Welt hätten zugutekommen lassen. In Israel befürchten deshalb viele unabhängige Organisationen Schlimmes, denn auch ihre einheimischen Unterstützer sind wegen der Krise nicht mehr so großzügig. „Es könnte Tausende Stellen betreffen. Einige mussten schon schließen. Und ein Ende der Krise ist noch nicht in Sicht“, sagt etwa der Sprecher des „New Israel Fund“. Der unabhängige Fonds arbeitet mit Gruppen zusammen, die in Israel Gleichstellung, religiöse Vielfalt und jüdisch-arabische Verständigung fördern.
Die Spreu vom Weizen trennen
Hatte in Israel jahrzehntelang der Staat soziale, pädagogische und kulturelle Aktivitäten dominiert, explodierte in den vergangenen Jahren die Zahl der unabhängigen Gruppen und Organisationen. Immer häufiger übernehmen sie auch Aufgaben, von denen sich die Regierung zurückgezogen hatte, zum Beispiel bei der Hilfe für alleinerziehende Mütter, bei der Unterstützung für den weniger entwickelten Süden des Landes, wo viele Menschen auf sie angewiesen sind. Gab es Ende der siebziger Jahre nur etwa tausend regierungsunabhängige Organisationen, sind jetzt nach einer aktuellen Zählung der Ben-Gurion-Universität in Beerscheva rund 25.000 aktiv.
Benjamin Gidron hält die Zahl der unabhängigen Organisationen schlicht für zu hoch; nicht jeder Hilferuf sei ein Anlass zu großer Sorge. Stattdessen bietet die jüngste Krise nach Ansicht des Professors an der Ben-Gurion-Universität eine Chance: Sie werde helfen, die Spreu vom Weizen zu trennen, und zu einem Konsolidierungsprozess führen. An dessen Ende könnten zwar weniger unabhängige Organisationen stehen, die aber dann effektiver und professioneller seien. Damit spielt aber auch Gidron die gegenwärtigen Verluste nicht herunter. Etwa 300 Millionen Dollar weniger könnten jetzt nach Israel gelangen, schätzt er. Das ist ein Fünftel der insgesamt rund 1,5 Milliarden Dollar, mit denen ausländische Spender jedes Jahr Universitäten, Krankenhäuser und andere Organisationen unterstützen.
Wie tief die Krise in Israel empfunden wird, zeigte vergangene Woche ein Vorfall im Norden des Landes. Als sich unter Mitarbeitern einer kleinen Supermarkt-Kette das Gerücht verbreitete, ihr Arbeitgeber stehe vor dem Bankrott, halfen sie sich selbst. Wochenlang hatten sie schon auf ihre Löhne gewartet. Nun holten sie sich an ihrem Arbeitsplatz alles, was nicht niet- und nagelfest war. Sie räumten nicht nur die Regale des Supermarkts aus, sondern nahmen auch die Regale selbst, die Kühlschränke und die Türen mit.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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