20.08.2006 · Israelische Zeitungen wähnen ihr Land schon auf dem Weg „zur nächsten Runde der Kämpfe“. Denn die Waffenruhe im Libanon ist brüchig. UN-Generalsekretär Annan fürchtet, daß wieder offene Kämpfe mit der Hizbullah ausbrechen könnten.
Israel nimmt den Kampf gegen die Hizbullah ungeachtet der im Libanon-Krieg verkündeten Waffenruhe anscheinend weiter in die eigene Hand. Nachdem am Wochenende im Osten Libanons etwa 100 Elitesoldaten mit Fahrzeugen abgesetzt und in neue Schießereien verwickelt wurden, schreibt die israelische Zeitung „Jediot Achronot“ am Sonntag von einem „verdeckten Geheimdienstkrieg“. „Unterwegs zur nächsten Runde der Kämpfe“, schreibt das Konkurrenzblatt „Maariv“.
Nicht nur UN-Generalsekretär Kofi Annan fürchtet um den Fortbestand der Waffenruhe, die bereits brüchig geworden ist. Ein Funke könnte den Krieg nochmals aufflammen lassen. „Wir könnten wieder in einen Krieg stürzen“, sagte der UN-Gesandte Terje Roed-Larsen der libanesischen Tageszeitung „El Nahar“. Deshalb seien Vorkommnisse wie vom Wochenende wenig hilfreich. Annan rief daher die Konfliktparteien im Libanon dazu auf, die UN-Resolution 1701, in der die aktuelle Waffenruhe festgelegt sei, zu achten und jegliche Provokation zu unterlassen.
Waffen für Hizbullah aus Rußland?
Streit über die Frage einer Entwaffnung der Hizbullah ist ohnehin längst programmiert. Israelische Militärs erklären, mit dem Einsatz am Wochenende seien wichtige Erkenntnisse über den Waffennachschub der Hizbullah gewonnen worden. Militärexperten des Landes zeigen mit dem Finger vor allem auf Rußland. Das von Moskau an Syrien gelieferte Kriegsgerät werde - wenn auch ohne direkte Zustimmung Rußlands - der Hizbullah ausgehändigt. Eine israelische Delegation ist schon nach Rußland gefahren, um dort Fotoaufnahmen von Waffen und Transportdokumente als Beweise für Schmuggel vorzulegen. Die Israelis hoffen, daß der russische Präsident Wladimir Putin den Nachschub für die Hizbullah stoppt.
Bei dem nächtlichen Einsatz in dem rund 30 Kilometer von der libanesischen Stadt Baalbek entfernten Dorf Budai wurde nach israelischen Berichten weiteres Material für die Auswertung durch die eigenen Geheimdienste entdeckt. Geschmuggelte Waffen wurden aber nicht gefunden. Israel behält sich Militäreinsätze solcher Art im Libanon solange vor, bis die Grenze zu Syrien angemessen kontrolliert werde.
„Libanesen erlauben Waffentransfer“
Minister aus dem Kabinett von Ehud Olmert legten am Sonntag noch nach. Solange es kein „volles Embargo“ gebe, habe Israel ein Recht zu handeln, meint Tourismusminister Isaak Herzog. Handelsminister Elijahu Ischai sagte: „Die Libanesen sind zu tadeln, weil sie den Waffentransfer erlauben. Wir dürfen die Augen nicht verschließen, wenn Munition aus Iran und Syrien übergeben wird.“ Er fordert ein Ultimatum an den libanesischen Ministerpräsidenten Fuad Siniora. Entweder stoppe Siniora die Waffenlieferungen, oder es werde im Libanon weitere Infrastruktur zerstört.
„Israel muß eine dramatische Entscheidung treffen“, kommentiert die Zeitung „Maariv“. Die Frage sei, ob Israel die Waffenruhe aufkündigen oder sich mit der Aufrüstung der Hizbullah abfinden soll. „Ein Mittelweg, die Waffenruhe anzuerkennen und militärisch zu handeln, als ob sie nicht existiert, ist auf lange Sicht nicht möglich.“
Libanons Armee am Fatima-Tor
Die libanesische Armee richtete am Samstag erstmals eine dauerhafte Stellung unmittelbar an der israelischen Grenze ein. Libanesische Soldaten rückten im Morgengrauen zum sogenannten Fatima-Tor vor, das die südlibanesische Ortschaft Kfar Kila und die nordisraelische Stadt Metulla voneinander trennt. Etwa 15.000 Regierungssoldaten und Tausende UN-Blauhelme sollen in den kommenden Tagen und Wochen die Kontrolle über den Südlibanon übernehmen, aus dem sich das israelische Militär seit Beginn der Waffenruhe zurückzieht. Bislang war der Südlibanon von der Hizbullah-Miliz kontrolliert worden.
Die Hizbullah weitete am Samstag die Verteilung von Geld an libanesische Familien aus, die während des etwa einmonatigen Krieges durch israelische Angriffe obdachlos geworden waren. „Wir haben in Beiruts südlichen Stadtteilen begonnen und gehen jetzt in den Süden des Libanons“, sagte ein Hizbullah-Mitglied. Familien, die ihr Hab und Gut verloren haben, bekämen jeweils rund 12.000 Dollar. Das Geld stamme auch aus Iran.