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Bodenoffensive in Gaza Kämpfe hinter einer Wand aus Rauch

04.01.2009 ·  Zwei Tage nach dem Beginn der Bodenoffensive im Gazastreifen hat die israelische Armee in der Nacht zum Montag ihre Angriffe auf die radikal-islamische Hamas fortgesetzt. Von Kriegsbegeisterung ist in Israel weiterhin nichts zu spüren.

Von Hans-Christian Rößler
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Das dumpfe Donnern der Explosionen, das am Sonntag unablässig aus dem Gazasteifen nach Israel hinüberhallte, passte zur gedämpften Tonlage, die Politiker und Kommentatoren wählten. Ministerpräsident Ehud Olmert wandte sich in seiner ersten Rede nach dem Beginn des Einmarsches an die Mütter der Soldaten: Wäre nicht alles Erdenkliche getan worden, damit sie wieder sicher nach Hause zurückkehren, hätte er der Bodenoffensive nicht zugestimmt, versicherte er ihnen.

Von Kriegsbegeisterung war am Sonntag auch auf den Titelseiten der auflagenstärksten Zeitungen nichts zu spüren. Israel hat den Einmarsch begonnen, wie jemand, „der ein kaltes Bad nimmt: Die Erwartungen sind niedrig, die Sorgen sind groß“, kommentiert etwa „Jediot Ahronot“. Israel wolle keinen „neuen Nahen Osten“ schaffen, sondern Sicherheit für seine Bürger. Die Zeitung „Maariv“ hält den Krieg für mehr als gerechtfertigt, ermahnt aber die Regierung und Generäle: „Wir müssen uns zurückhalten. Wir müssen Verantwortung zeigen.“

Gaza - eine Geisterstadt

Was aber am ersten Tag des Einmarsches in Gaza wirklich geschah, konnten in den ersten Stunden Israelis und Palästinenser nur in groben Zügen erfahren. Das lag nicht nur aus der Wand aus Rauch und Staub, den die israelische Armee schon seit Freitag gezielt aufwirbelte, um der Hamas keine Anhaltspunkte dafür zu geben, wo sie angreifen wollte. Der israelische Militärzensor ließ bis Sonntagabend nur spärliche Informationen über das Kampfgeschehen an die Öffentlichkeit gelangen. Ausländische Journalisten konnten weiter nur aus der Ferne beobachten, was in Gaza vor sich geht. Und selbst die Hamas-Führer, die Israel zwar finster damit drohen ließen, den Gazastreifen in einen „Friedhof für seine Soldaten“ zu verwandeln, wagen sich aus ihren Verstecken kaum noch in die Nähe von Kameras und Mikrofonen. Am Sonntag zerstörten die israelischen Streitkräfte zudem in Gaza-Stadt die Studios des von Al-Aqsa-TV, des letzten der Hamas nahestehenden Senders.

Den Einwohnern von Gaza blieb in der Nacht des Einmarsches nur ihre batteriebetriebenen Radiogeräte, nachdem die Stromversorgung komplett unterbrochen und Gaza zu einer Geisterstadt geworden war. Aber schon am Samstagmorgen waren sie auf Flugblättern, die israelische Flugzeuge abwarfen, darauf eingestimmt worden, dass ihnen eine weitere Eskalation bevorstand: Sie sollten am Abend in ihren Häusern bleiben. Wer dann noch auf der Straße sei, werde als möglicher Hamas-Unterstützer angegriffen. Verzweifelt berichteten jedoch Menschen aus Gaza am Telefon, dass sie nach den seit Tagen andauernden Luftangriffen nicht mehr wüssten, wo sie sich in Sicherheit bringen sollten. Schutzräume wie in Israel gibt es nicht und die meisten einfachen Häuser haben keinen Keller.

„Verständnis und Unterstützung“ für Israel

Der Vormarsch der Bodentruppen und die ersten Angriffe auf Raketenstellungen ist aber nach israelischen Presseberichten nur das „Eröffnungskapitel“ einer Offensive, die mehrere Phasen haben könnte. Derzeit kommen nur stehende Truppen zum Einsatz, auch wenn am Wochenende noch einmal mehrere tausend Reservisten einberufen wurden. Als Ziel für die ersten Tage wird genannt, die Hamas schwer zu treffen und in einen Schockzustand zu versetzen. Gelinge das nicht, würde demnach die zweite Phase beginnen: Massiv verstärkt durch Reserveeinheiten könnten dann große Teile des Gazastreifens besetzt werden. Israelische Militärs und Politiker hoffen aber darauf, dass es dazu gar nicht mehr kommen muss.

Am Sonntag waren bei der Offensive drei Schwerpunkte zu erkennen: Zunächst mussten die Soldaten einen drei Kilometer breiten Streifen an der Grenze überwinden, den die Hamas für einen solchen Angriff befestigt hatte - mit verminten Straßen und Gebäuden sowie vielen Sprengfallen. Zugleich gibt es offiziell unbestätigte Berichte, dass die israelische Armee versuche, den Gazastreifen in mehrere Teile zu teilen und Gaza-Stadt zu isolieren. Mit dieser Vorgehensweise, die immer wieder vor dem israelischen Rückzug vor drei Jahren verwendet wurde, hofft man, die Bewegungsfreiheit der Hamas-Kämpfer weiter einzuschränken - was jedoch auch für Rettungsfahrzeuge und Hilfslieferungen gilt. Zudem geht die Armee besonders im Norden weiter gegen Abschussorte - und einrichtungen für Raketen vor.

Der Vorstoß der Bodentruppen bedeutet jedoch nicht, dass damit die internationalen Bemühungen um eine Waffenruhe gescheitert sind. „Sogar unsere besten Freunde sind besorgt, aber die große Mehrheit unter ihnen zeigen Verständnis und Unterstützung“, sagte Ministerpräsident Olmert am Sonntag. Als wohltuend empfand man in Israel, dass die neue tschechische EU-Ratspräsidentschaft am Samstag die Bodenoffensive als gerechtfertigt bezeichnete. Und selbst von moderaten arabischen Regierungen sah sich Israel offenbar darin bestärkt, gegen die Hamas mit größter Härte vorzugehen. Israel solle alles tun, damit Hamas-Führer Hanija „zu keinem zweiten Nasrallah“ werde, zitierte etwa die Zeitung „Haaretz“ solche Stimmen; gemeint ist damit der libanesische Hizbullah-Führer, den Israel im Krieg vor zwei Jahren militärisch nicht in die Knie hatte zwingen können und den viele in der arabischen Welt deshalb als Held verehren.

Krieg soll Beziehung zu Washington nicht belasten

Nach dem Ende der Weihnachts- und Neujahrsfeiertage verstärkten sich am Wochenende die diplomatischen Bemühungen um eine Waffenruhe. Noch am Sonntag wird der EU-Außenbeauftragte Solana und Mitglieder der derzeitigen Troika erwartet. Am Montag soll der französische Staatspräsident Sarkozy folgen. Aber auch die amerikanische Regierung, Russland, die Türkei, Ägypten, Saudi-Arabien und Jordanien haben sich eingeschaltet und ihre Hilfe angeboten.

Zuletzt habe sich die Hamas für den Vorschlag einer auf 48 Stunden begrenzten Waffenruhe begeistern können, für den vor allem Frankreich geworben hatte, hieß es. Doch Israel ist das mittlerweile zu wenig: Die Regierung will sich sicher sein, dass nicht nur die Raketenangriffe der Hamas aufhören, sondern auch deren Versorgung mit neuen Waffen und Munition durch Schmuggeltunnel an der ägyptischen Grenze. Deren effektive Kontrolle ist Israel ebenfalls ein besonderes Anliegen. Wie der geforderte „internationale Mechanismus“ dafür aussehen soll, ist aber noch nicht klar.

Klarheit besteht aber zumindest über einen Termin, den sich israelische Politiker und Militärplaner im Kalender angestrichen haben. Verteidigungsminister Barak weist zwar darauf hin, dass es in Gaza „nicht schnell gehen wird“. Aber schon am 20. Januar tritt der neue amerikanische Präsident Obama sein Amt an. Die feierliche Inauguration in Washington und den Anfang der Beziehungen zu dem neuen Demokraten im Weißen Haus will man in Israel nicht durch einen Krieg belastet sehen.

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