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Algerien Die Zivilgesellschaft ist am Ende

04.03.2011 ·  Ganz Nordafrika in Aufruhr? Nach neunzehn Jahren wurde in Algerien zwar der Ausnahmezustand aufgehoben, aber das Regime kontrolliert das Land weiter mit harter Hand - und wartet ab, was sich beim Nachbarn tut.

Von Nacim Kheddoucci und Claus Josten
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In einer Szene aus Michelangelo Antonionis Spielfilm „Beruf: Reporter“ sieht man das Bild eines selbstsicheren afrikanischen Diktators in der Kamera des Reporters David Locke. Dann lässt ein 360-Grad-Schwenk die Wahrheit erkennen: Der Diktator ist umgeben von zahlreichen Soldaten und Bodyguards. So wirkt seine Behauptung absurd, die Sicherheit im Land sei vollständig wiederhergestellt. Die Szene spielt im Tschad, gedreht aber wurde sie im Süden Algeriens, einem blinden Fleck auf der Landkarte unserer medialen Welt. Dort wird ein Gutteil unseres Erdöls und Erdgases gewonnen. Europa baut hier außerdem sein Sonnen-Versorgungswerk „Desertec“.

Auch in Algerien schien der Funke Demokratie zu zünden, als kurz nach dem Jahreswechsel eine heftige Jugendrevolte in den Vorstädten von Algier ausbrach, die sich gegen Preissteigerungen richtete. Aber während rundherum die Diktaturen wanken und fallen, scheint „Al Djazair“ - arabisch für „die Inseln“ - erstarrt. Das zweitgrößte afrikanische Land verharrt auch zehn Jahre nach dem Ende der „schwarzen“ neunziger Jahre noch im Schock. Die Algerier werden sich erst nach und nach ihrer Traumata bewusst.

Kein Mensch im Land traut seinem Nächsten

Anders als in Ägypten, Tunesien und Marokko gibt es neben den Ausschreitungen kaum politische Parolen im öffentlichen Raum und keine eigentliche politische Diskussion. Seit neunzehn Jahren herrscht in Algerien der Ausnahmezustand, fahren Autos selbst in den Städten an schwerbewaffneten Polizeiposten vorbei, und kein Mensch im Land traut seinem Nächsten. Für den kommenden Samstag sind nun gleich drei Protestmärsche angesetzt. Ob indes mehr als die zuletzt üblichen zwei- bis dreitausend Teilnehmer kommen? Sie werden von rund 20 000 Polizisten eingekesselt und schwer eingeschüchtert sein, wenn sie sich auf dem Platz des 1. Mai versammeln.

Angefangen hatten die dortigen bescheidenen Proteste mit einer Versammlung zum berberischen Neujahrsfest Yennayer am 12. Februar. Seitdem gab es vereinzelte Zusammenstöße, regelmäßige Verhaftungen, große und kleine Exzesse und Wutausbrüche. In Europa sehen die Bilder so aus, als gäbe es eine Protestwelle. Die Stimmung ist aber seltsam zurückgenommen. Am Ende der Demonstrationen flanieren die meist aus der Provinz herangeschafften Polizisten wie Touristen durch die Hauptstadt, kaufen Souvenirs und Geschenke. Es herrscht alles andere als revolutionäre Anspannung.

Hunderttausende niedergemetzelt

Hauptinitiator der Samstagsmärsche ist der Zusammenschluss für Kultur und Demokratie (RCD). Für vergangenen Freitag hatte die Front der Sozialistischen Kräfte (FFS) erstmals zu einem „Meeting“ aufgerufen. Dieser Begriff soll Diskussion signalisieren und sich von den Protestdemonstrationen unterscheiden. Der FFS stellt die eigentliche Opposition dar, weil er sich unter der Militärjunta nicht kompromittieren ließ. Andere Parteien spielen in Algerien kaum noch eine Rolle. Für die Militärs war und ist es ein Leichtes, die Kräfte im Land gegeneinander auszuspielen.

Im Jahr 1992, zu Beginn der algerischen Terrorjahre, hatte die heutige Protestpartei RCD die Armee zum Eingreifen aufgefordert. Deshalb hat sie mitzuverantworten, was seitdem geschehen ist. Ihr Ziel war damals angeblich die Bekämpfung und Ausschaltung der Islamisten, die die Wahlen von 1989 gewonnen hatten - doch dann wurden Hunderttausende vor allem kleiner Leute niedergemetzelt. Immer hieß es, die Mörder seien „Bärtige“, doch die Massaker geschahen teilweise in Dörfern, in denen das Militär stationiert war und also hätte zuschauen können. Andere Opfer waren Intellektuelle, Künstler, Journalisten - immer wieder freitags, um den Verdacht auf die Islamisten zu lenken.

Bewegende Zeugenaussagen

Am vergangenen Freitag ging Habiba Djahnine zum ersten Mal seit achtzehn Jahren wieder zu einem Treffen der FFS. Die Filmemacherin betreibt ein im Maghreb einmaliges Projekt: einen unabhängigen Dokumentarfilm-Workshop. Er findet in Bejaia in der Kabylei statt. Dort gründete Habiba Djahnine bereits vor zehn Jahren das einzige ernstzunehmende internationale Filmfestival in Algerien, die „Rencontres de Bejaia“. Die Regisseurin ist die Schwester der am 15. Februar 1995 ermordeten Feministin Nabila Djahnine, die bis heute bei jungen Leuten als Symbolfigur für politische Courage gilt.

2003 drehte Habiba Djahnine den Dokumentarfilm „Brief an meine Schwester“, mit bewegenden Zeugenaussagen von Freunden und Menschen aus dem ganzen Land. Ein älterer Bruder hatte im Jahr nach der Ermordung Nabilas den Freitod gewählt, beide Eltern waren kurz nacheinander gestorben. Jetzt hat Habiba Djahnine ihren Film „Vor dem Überschreiten der Linie am Horizont“ vollendet, eine Bestandsaufnahme der algerischen Gesellschaft in diesen Jahren. Er käme rechtzeitig für einen Neubeginn.

Lächerliche Maßnahmen

Das Regime in Algier scheint abwarten zu wollen, wann es mit Gaddafi zu Ende geht. Zum Transport von Söldnern soll Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika dem Verbündeten Gaddafi Flugzeuge nach Libyen geschickt haben. Aber Bouteflika taugt nicht einmal mehr zum Feindbild des Tyrannen, so sehr ist der Zweiundachtzigjährige von der Gnade der Militärs abhängig. Die politische und wirtschaftliche Macht ist in Algerien auf eine ganze Reihe von Generälen verteilt und viel komplizierter auszumachen als in den Nachbarländern.

Die Staatsführung verordnet derweil lächerliche Maßnahmen: hier den Militärdienst für ältere Jahrgänge aussetzen, dort Preissteigerungen dämpfen, auch einmal einen Streik der Apotheker zulassen. Für Ende Februar war eine größere Regierungsumbildung erwartet worden. Stattdessen wurde am Mittwoch vergangener Woche der Ausnahmezustand überraschend aufgehoben. Die Straßensperren sind seither etwas gelockert, aber nicht verschwunden. Die Konzessionen des Regimes haben bisher nicht mehr als symbolische Bedeutung.

Die Doktrin der sanften Übergangsprozesse

Manche meinen, dass sogar die Samstagsmärsche arrangiert sind: als Ventil für den Volkszorn und angebliche Einstimmung auf einen Übergang zur Demokratie. Soll man diese „transition“ wie hier üblich französisch aussprechen oder doch besser englisch? Der Begriff entspricht jedenfalls der neuen amerikanischen Doktrin von sanften Übergangsprozessen. Der Westen will sich nicht mehr wie in Ägypten oder Libyen von den Ereignissen überraschen lassen. Algerien könnte auf diese Weise mittelfristig eine unblutige Entwicklung zur Demokratie erleben, wie sie etwa Chile oder Argentinien in den neunziger Jahren gelungen ist - aber nur als treuer Partner der Vereinigten Staaten und Ressourcenlieferant.

In Antonionis „Beruf: Reporter“ fragt David Locke einen schwarzen Heiler und früheren Kriegsherrn, ob er denn aus seinen Aufenthalten und den Methoden in Europa nichts gelernt habe, und erhält die Antwort: „Deine Frage sagt sehr viel über dich selbst aus!“ Dann wird das Gespräch beendet: „No longer conversation!“ Unfähigkeit, Nichtwissen und Blindheit der westlichen Gesellschaften beim Dialog mit Afrika und der arabischen Welt werden in diesen Tagen sehr deutlich.

Nacim Kheddoucci, Architekt und Filmregisseur, lebt in Algier;

Claus Josten, Kulturberater mit dem Schwerpunkt Machrek und Maghreb, lebt in Köln.

Quelle: F.A.Z.
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