21.02.2006 · Ist wirklich Dänemark das Ziel der Demonstrationen in Beirut? Oder ist es die libanesische Gesellschaft? Wie Syrien radikale Islamisten benutzt, um den inneren Frieden im Libanon zu stören.
Von Rainer Hermann, TripolisDie Etage der dänischen Vertretung hat die Ausschreitungen unbeschadet überstanden. Dabei ist der Schaden, den die Randalierer hinterlassen haben, beträchtlich. Auf bis zu 40 Millionen Dollar werden die Kosten der Instandsetzung des Beiruter Gebäudes geschätzt, in dem zwei Stockwerke, in denen Banken und Firmen ihre Büros hatten, ausbrannten. Auch das Treppenhaus und die Fahrstühle fielen den Flammen zum Opfer. Es sei ein „schwarzer Sonntag“ gewesen, sagt Scheich Samir Kamal ad Din, der Prediger der historischen Moschee Al Attar in der Altstadt von Tripolis. Die Ausschreitungen hätten gezeigt, in welche „gefährliche Enge“ der sunnitische Islam geraten sei.
Zu der Demonstration hatte der Mufti Libanons, der sunnitische Scheich Qabbani, auf Betreiben dänischer Muslime aufgerufen, die mit den Mohammed-Karikaturen aus der „Jyllands-Posten“ im Gepäck eigens dafür in die libanesische Hauptstadt gefahren waren. Qabbani wollte eine friedliche Demonstration, konnte aber nicht verhindern, daß Radikale das Kommando übernahmen, daß sie Brandsätze auf ein Gebäude warfen - und danach die nahe gelegene Kirche Mar Maroun im Beiruter Stadtviertel Aschrafiyye angriffen. Die Übergriffe auf die Kirche beschäftigen den Libanon seither weit mehr als der Angriff auf das dänische Konsulat.
Auf die libanesische Gesellschaft gezielt
„Diese Demonstration hatte nicht Dänemark zum Ziel, sondern die Gesellschaft des Libanon mit ihrem fragilen inneren Frieden“, sagt Misbah Ahdab, Parlamentsabgeordneter aus Tripolis, der Hochburg der sunnitischen Muslime im Libanon. Gewiß gebe es auch im Libanon viele Muslime, die Angst davor hätten, daß sich im Westen der Antisemitismus, der im Dritten Reich seine zerstörerische Gewalt entfesselt habe, in eine „Islamophobie“ fortentwickle, sagt der junge Abgeordnete. Es seien aber nicht diese Muslime gewesen, die die Ausschreitungen des „schwarzen Sonntags“ provoziert hatten. „Wie in anderen Ländern haben interessierte Kreise die Demonstration instrumentalisiert und gezielt Öl ins Feuer gegossen“, beklagt Ahdab.
Für viele Libanesen kamen die Ausschreitungen nicht überraschend. Auch nicht für Antoine Constantine, der von seinem Büro aus den Zug der Vandalen nachzeichnet. Nur einen Tag vorher hatte eine Demonstration in der syrischen Hauptstadt Damaskus den Ton vorgegeben, sagt der Politikwissenschaftler. Zudem habe der militärische Geheimdienst der libanesischen Regierung rechtzeitig Erkenntnisse zugeleitet, daß radikale Gruppen den Demonstrationszug der 20000 infiltrieren wollten. Die Regierung habe indes keine Maßnahmen angeordnet, um die Gewalttäter in Schach zu halten. Die schiitische Hizbullah zog wenige Stunden vor der Demonstration ihre Teilnahme zurück, und die Dschamaa al Islamiyya, der libanesische Arm der sunnitischen Muslimbrüder, scherte aus dem Demonstrationszug aus, als die Ausschreitungen begannen.
„Spiel mit den Demonstrationen“
Der Politiker Nadim Salem führt die Nachlässigkeit der Regierung auf das „Spiel mit den Demonstrationen“ im Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten zurück. Wenige Tage vor dem schiitischen Aschura-Fest habe die Regierung des sunnitischen Ministerpräsidenten Siniora zeigen wollen, daß sie den Schiiten der prosyrischen Hizbullah und Amal nicht die Straße überlassen habe, sagt Salem, der die griechisch-katholischen Christen fast drei Jahrzehnte im Parlament vertreten hatte. Ferner habe die Regierung ihre Anhänger für die große Demonstration am 14. Februar, dem ersten Jahrestag der Ermordung des früheren Ministerpräsidenten Hariri, aufwärmen wollen. Daher habe sie keine Anweisungen gegeben, die Demonstranten zu mäßigen oder gar den Demonstrationszug zu stoppen.
Die Nachlässigkeit rächte sich. Gruppen, die aus Damaskus gesteuert werden, ergriffen die Chance. Die Wirkung der Serie von Attentaten gegen prominente Syrien-Kritiker schien sich abzunutzen. Da kam jenen, denen an einer Destabilisierung des Libanon gelegen ist, diese Gelegenheit recht. Der Angriff auf die Kirche im Beiruter Christenviertel enthielt nach der Einschätzung Constantines zwei Botschaften: Die libanesischen Christen sollten sich vom sunnitischen Mob angegriffen fühlen, und sie sollten glauben, lediglich Syrien könne gegenüber den Islamisten ihre Sicherheit gewährleisten. Von überall her wurden die gewalttätigen Demonstranten herangeschafft: Radikale aus den Palästinenserlagern bei Saida und in Naama, sunnitisch-extremistische Salafiten aus Tripolis, Staatenlose aus der Bekaa-Ebene, Mitglieder der Ahbasch-Sekte aus Beirut. Ein Drittel der fast 500 Verhafteten waren Syrer und Palästinenser. Syrien stattet die Palästinenser in den Lagern, etwa aus den Reihen der linkssäkularen „Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommando“ (PFLP-GC), mit Waffen aus.
Drei extremistische Gruppen
Bei den extremistischen Islamisten greift Damaskus im Libanon auf drei Gruppen zurück. Zwei von ihnen haben in Tripolis ihren Sitz: Die kleine „Harakat al Tawhid al islami“ (Bewegung des islamischen Glaubens an den einen Gott) unterstützt mit ihrem Führer Bilal Schaaban offen die Regime Syriens und Irans. Einflußreicher ist die „Dschamiyya al salafiyya fi Lubnan“, die „salafitische Gesellschaft im Libanon“. Ihr Führer Dai al Islam Schahal habe wenige Tage vor der Demonstration ein Rechtsgutachten (Fatwa) erlassen, in der er seine Anhänger zu einem „Beutezug“ (ghazwa) im christlichen Stadtviertel Aschrafiyye nach dem Vorbild der Beutezüge des Propheten aufgerufen habe, sagt Ahmad al Ayyubi, Kenner der islamistischen Szene seiner Heimatstadt Tripolis.
Ihre Anhänger fänden die Salafiten in den ärmsten Stadtteilen von Tripolis, vor allem in Tabbana und Qubba, erklärt Ayyubi, der Direktor des „Libanesischen Informations- und Studienzentrums“. In Tabbana lebten 50000 Einwohner, für sie gebe es gerade eine Schule. Ändere sich daran nichts, werde das Viertel bald „Bin- Ladin-Land“ sein, fürchtet Ayyubi, der ehemals Vorstandsmitglied der Dschamaa al islamiyya gewesen ist und heute an der Gründung einer islamischen Partei nach dem Vorbild der AKP der Türkei arbeitet.
Syrien habe auf die Gruppe der Salafiten Einfluß gewonnen, indem es in den Gefängnissen führende Vertreter an sich binden konnte. Gerade in den Jahren der syrischen Besatzung verbreiteten die Prediger der Salafiten ihren Haß ungehindert. Syrien unterstütze die Gruppen mit Geldern und auch mit Waffen, sagt Ayyubi. In den Bergen oberhalb von Tripolis, in den Dschebal al Danniye, unterhielten sie ihre Lager.
Als dritte islamistische Gruppe in syrischen Diensten identifiziert Ayyubi die Ahbasch, eine Sekte des sunnitischen Islam. Bekannt wurde sie, als im ersten Bericht des deutschen UN-Ermittlers Mehlis Mitglieder der Ahbasch im Umfeld der mutmaßlichen Täter auftauchten. Zu den Ahbasch soll auch ein ranghoher Beamter im libanesischen Präsidialamt gehören. Ihr Gründer, Al Habaschi, war wegen Anstiftung zum Bürgerkrieg zunächst aus seiner Heimat Äthiopien und dann aus Damaskus, wo er einige Jahre im Exil gelebt hatte, ausgewiesen worden. Dann ließen ihn die syrischen Geheimdienste - gegen den Widerstand des sunnitischen Muftis im Libanon - in Beirut ansiedeln. Dort leitete er im Burdsch Abi Haidar nahe dem Stadtviertel Barbir seine „Gesellschaft für wohltätige islamische Projekte“.
Al Qaidas Gedankengut in Tripolis
Anhänger fand der Zwietracht säende „Äthiopier“ Habaschi, nach dem sich die Sekte auch nach seiner Ermordung 1995 benennt, vor allem in den Palästinenserlagern und in völlig verarmten sunnitischen Regionen. Syrien habe die Ahbasch eingesetzt, um die libanesischen Sunniten zu spalten und zu radikalisieren, sagt Ayyubi. Die Mitglieder ihres Sicherheitsapparats, die eng mit den syrischen Sicherheitsdiensten zusammengearbeitet hätten, seien schwarz gekleidet und vermummt sowie mit langen Messern bewaffnet. Einige Dutzend hatten am „schwarzen Sonntag“ entscheidenden Anteil, um den Demonstrationszug entgleisen zu lassen. In den vergangenen Jahren hatten sie wiederholt die Kritiker Syriens im Libanon herausgefordert.
In Tripolis hatte es zwei Tage vor den Ausschreitungen in Beirut schon eine kleine Kundgebung gegen die Karikaturen mit 5000 Demonstranten gegeben. Sie verlief friedlich, obwohl einige derer, die später in Beirut gesichtet wurden, für Bin Ladin und Zarqawi skandiert hatten. Mit Sorge beobachtet Scheich Kamal ad Din, daß das Gedankengut von Al Qaida in einigen Vierteln von Tripolis Fuß faßt. Im Irak waren unter den Selbstmordattentätern Libanesen aus Tripolis und der Bekaa-Ebene gewesen. Der gemäßigte Scheich, der zu den Kandidaten für das Amt des Mufti in Tripolis zählt, mag sich gar nicht vorstellen, was geschehen könnte, sollten diese - ausgestattet mit einer entsprechenden Fatwa - zu Selbstmordattentaten in libanesische Kirchen aufbrechen. Immerhin sind schon dreizehn mutmaßliche Mitglieder von Al Qaida im Libanon unter dem Verdacht verhaftet worden, Anschläge gegen westliche Botschaften geplant zu haben. Bekannt wurden zudem Pläne von Al Qaida zur Ermordung schiitischer Geistlicher.
Ayyubi wirft Syrien politische Wühlarbeit vor, deren Ziel es sei, den sunnitischen Islam als extremistisch erscheinen zu lassen. Die Christen, so sei das Kalkül, sollten wieder Zuflucht bei Syrien suchen und Damaskus im Libanon damit wieder eine Rolle verschaffen. Viele Beispiele dafür zählt er aus seiner täglichen Arbeit auf, wie Syrien versucht hat, den Dialog gemäßigter Sunniten und Christen zu verhindern. Als allgemein bekannt gilt im Libanon, daß sich das alawitisch-schiitische Regime Syriens vor dem Dreieck der sunnitischen Städte - Tripolis im Libanon, Hama und Homs in Syrien - fürchtet; und wie Syrien stets versucht hat, mittels radikaler Gruppen diese sunnitischen Hochburgen zu diskreditieren. Die Rolle, die diese Gruppen bei den Ausschreitungen in Beirut spielten, stellt nun aber ihre Auftraggeber in fahles Licht.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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