09.02.2006 · Bei einem Treffen in Washington haben der amerikanische Präsident und Jordaniens König Abdullah an die Regierungen der islamischen Welt appelliert, die Gewalt zu stoppen. Proteste, die zu Todesopfern führten, seien nicht akzeptabel.
König Abdullah von Jordanien und der amerikanische Präsident George W. Bush haben im Karikaturenstreit zu einem Ende der Gewalt aufgerufen. Proteste, die zu Todesopfern und Zerstörung führten, seien nicht akzeptabel, sagte der jordanische Monarch bei einem Gespräch mit Bush am Mittwoch im Weißen Haus in Washington.
Zugleich müsse unabhängig von der Pressefreiheit alles verurteilt werden, das den Propheten Mohammed verunglimpfe oder die Empfindlichkeiten der Muslime angreife. Bush forderte alle Regierungen auf, die Gewalt zu stoppen sowie Leben und Eigentum zu schützen. Die Vereinigten Staaten glaubten an eine freie Presse. „Mit der Freiheit kommt aber die Verantwortung, anderen gegenüber fürsorglich zu sein“, sagte Bush.
Mindestens zehn Tote
Bei andauernden Protesten gegen die in Europa veröffentlichten Mohammed-Karikaturen sind in Afghanistan am Mittwoch am dritten Tag in Folge mehrere Menschen ums Leben gekommen.
Bei Ausschreitungen in der südafghanischen Stadt Qalat seien vier Demonstranten getötet worden, sagte Armeegeneral Abdul Razak. Nach Angaben des Innenministeriums eröffneten Polizisten das Feuer, als Randalierer unter den mehr als 300 Demonstranten versuchten, die Polizeizentrale der Stadt zu stürmen. Die Zahl der Toten in Afghanistan bei den seit Montag andauernden Protesten hat sich damit auf mindestens zehn erhöht.
Palästinenser attackieren Beobachter in Hebron
Razak sagte, auch acht Angehörige der Sicherheitskräfte seien verletzt worden. Randalierer hätten vier Tanklastwagen und eine Grundschule angezündet. 40 Menschen seien festgenommen worden. In weiteren Provinzen und in der Hauptstadt Kabul kam es am Mittwoch zu friedlichen Protesten.
Ebenfalls aus Protest gegen die Karikaturen haben Hunderte Palästinenser das Hauptquartier der internationalen Beobachtertruppe in Hebron (TIPH) angegriffen. Die Männer schleuderten am Mittwoch Steine auf das Gebäude und zerstörten mehrere Autos. Die Beobachter haben Hebron daraufhin verlassen. (Siehe: Nach Gewalt: Internationale Beobachtermission verläßt Hebron)
Gemeinsamer Aufruf zur Friedfertigkeit
In einer am Dienstag abend veröffentlichten gemeinsamen Erklärung hatten UN-Generalsekretär Kofi Annan, der Chef der Organisation der Islamischen Konferenz Ekmelettin Ihsanoglu und EU-Chefdiplomat Javier Solana die Regierungen aufgerufen, Botschaften und Ausländer vor Angriffen zu schützen. Die Schmerzen in der muslimischen Welt wegen der Karikaturen würden von all denen geteilt, „die die Empfindlichkeiten tief empfundener religiöser Überzeugungen anerkennen“, hieß es. Die Angriffe auf diplomatische Vertretungen in Damaskus, Beirut und anderswo wurden scharf verurteilt. „Der Angriff auf Leben und Eigentum kann nur das Bild eines friedlichen Islam beschädigen.“ (Siehe auch: Dokumentation: Erklärung von EU, UN und Islamischer Konferenz)
Auch der iranische Botschafter in Wien, Seyed Mohsen Nabavi, verurteilte die gewaltsamen Proteste. Die in europäischen Zeitungen veröffentlichten Darstellungen des Propheten Mohammed rechtfertigten keine brennenden Flaggen und Angriffe auf diplomatische Vertretungen, sagte Nabavi der „Wiener Zeitung“.
Mehrheit der Deutschen lehnt Witze über Religionen ab
Eine Umfrage verrät unterdessen, daß mehr als die Hälfte der Deutschen Witze über Gott und Religion ablehnt. Nach einer am Mittwoch veröffentlichten Forsa-Erhebung für das Magazin „Stern“ sind 62 Prozent der Meinung, daß auf solchen Spott besser verzichtet werden sollte. Vor allem Katholiken sprechen sich demnach gegen jegliche Gotteslästerung aus (67 Prozent gegenüber 62 Prozent bei den Protestanten). Unter den Konfessionslosen lehnen laut der Umfrage 51 Prozent Karikaturen oder Witze auf Kosten einer Religion ab.
Erler verurteilt iranischen Karikaturen-Wettbewerb
Der Staatsminister im Auswärtigen Amt Gernot Erler hat sich besorgt über den Karikaturen-Wettbewerb zum Holocaust geäußert, den Irans auflagenstärkste Zeitung am Dienstag ausgeschrieben hatte. „Es ist ja oft so, daß Geschmacklosigkeit mit Geschmacklosigkeit beantwortet wird“, sagte Erler der „Berliner Zeitung“. „Aber dieser Fall ist ernster, weil die iranische Regierung hier mutwillig einen Konflikt herbeiredet.“
Das geschehe ausgerechnet in einem Land, in dem Antisemitismus überhaupt keine Tradition habe. „Nach der Verneinung des Existenzrechts von Israel und der Leugnung des Holocausts setzt die Gruppe um Präsident Ahmadineschad hier auf Eskalation“, kritisierte Erler. Es müsse uns mit großer Sorge erfüllen, „wenn ein Staat auf diese Weise den Kampf der Kulturen zum Instrument seiner Herrschaftsinteressen macht.“
Der österreichische Bundeskanzler und EU-Ratsvorsitzende Wolfgang Schüssel schloß sich der Verurteilung an und äußerte sich zudem „erschüttert“ über antisemitische Karikaturen, die auf der Internetseite einer in Belgien ansässigen arabischen Organisation verbreitet wurden. „Ich rufe auf, diese Spirale der gegenseitigen Provokationen und Beleidigungen zu beenden“, sagte Schüssel. „Wir wollen keinen Clash of Cultures, sondern den Frieden zwischen den unterschiedlichen Kulturen.“
Französische Zeitung legt nach
Ein französisches Satire-Magazin hat am Mittwoch die umstrittenen dänischen Mohammed-Karikaturen ebenfalls veröffentlicht und das mit der Verteidigung der Meinungsfreiheit begründet. Die Wochenzeitschrift „Charlie-Hebdo“ druckte auf ihrer Titelseite eine weitere Darstellung des Propheten, der darauf sein Gesicht in den Händen vergräbt und sagt: “Es ist schwer, von Narren geliebt zu werden.“ Im Inneren des Heftes sind dann die zwölf ursprünglich in einer dänischen Zeitung veröffentlichen Zeichnungen zu sehen. Zudem befinden auf der Rückseite Karikaturen mit Motiven aus anderen Religionen, darunter Christentum und Judentum.
„Wenn Extremisten Demokratien in Grundsatzfragen Zugeständnisse abringen, ob durch Erpressung oder Terror, sind die Demokratien bald am Ende“, schrieb ein Redakteur in einem Kommentar der Zeitschrift. Französische Muslimgruppen hatten vergeblich versucht, die Veröffentlichung der Karikaturen von einem Gericht verbieten zu lassen. Aus Kreisen der Redaktion verlautete, die Büros und einige der Mitarbeiter stünden unter Polizeischutz.
Diffamierung von Religionen
Bernhard Finge (BernhardFinge)
- 08.02.2006, 14:20 Uhr
Danke für diesen Beitrag
Martin Bauer (Martin.Bauer)
- 09.02.2006, 00:15 Uhr
Bush als Friedensstifter auf dem Ölthron
A. Ro-Nori (Steuerzahler)
- 09.02.2006, 10:27 Uhr