02.02.2006 · Einen Tag nach dem Abdruck der umstrittenen Mohammad-Karikaturen im Pariser „France Soir“ ist dessen Chefredakteur vom ägyptischen Besitzer der Zeitung entlassen worden.
Unter der Schlagzeile „Voltaire hilf, sie sind verrückt geworden!“ beschäftigt sich „France Soir“ am Donnerstag mit der feindlichen Reaktion aus der muslimischen Welt auf seinen Nachdruck der umstrittenen dänischen Mohammed-Karikaturen.
Das Pariser Boulevardblatt ging nicht darauf ein, daß sein ägyptischer Verleger Raymond Lakah den „France Soir“-Chef Jacques Lefranc wegen der Veröffentlichungen entlassen hat. Lakah habe Lefranc ohne Angaben von Gründen aufgefordert, seinen Chefposten zu räumen, teilten Redaktionsmitglieder am Donnerstag mit. „France Soir“ hatte die Ende September in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ erschienenen Karikaturen, die unter anderem den Propheten Mohammed mit einem Bombenturban zeigen, am Mittwoch nachgedruckt.
„Wo bliebe die Gedankenfreiheit?“
Auf der Titelseite hieß es dazu: „Ja, wir haben das Recht, Gott zu karikieren.“ Im Innenteil des Blattes hieß es dann: „Kein religiöses Dogma kann einer demokratischen und säkularen Gesellschaft auferlegt werden, 'France Soir' druckt deshalb die kritisierten Karikaturen.“ Das Erscheinen der zwölf Zeichnungen in der dänischen Presse hat zum Teil gewaltsame Proteste in der muslimischen Welt ausgelöst, weil dort die bildliche Darstellung Allahs und seines Propheten verboten ist.
„Könnte man sich eine Gesellschaft vorstellen, die sich an die Verbote aller Kulte hielt?“, schreibt „France Soir“ am Donnerstag. „Wo bliebe die Gedankenfreiheit, die Freiheit der Rede oder auch nur des Kommens und Gehens? Solche Gesellschaften kennen wir zur Genüge. Zum Beispiel der Iran der Mullahs. Gestern war es das Frankreich der Inquisition, der Bücherverbrennungen und der Bartholomäusnacht. Zusammenleben heißt akzeptieren, daß der andere unsere philosophischen, spirituellen, religiösen oder politischen Ansichten nicht immer wohlwollend betrachtet. Ja, wir können schockiert und empört sein. Das ist der Preis der Freiheit, der jedem erlaubt, seine religiöse oder philosophische Überzeugung auszudrücken. Man kann heute Muslim in Frankreich sein, weil man das gleiche Recht hat, Jude, Katholik, Buddhist oder Atheist zu sein. Der Fanatismus nährt sich nur aus der Kapitulation der Republikaner und Laizisten. Man weiß, zu welchen Niederlagen solch ein Geist von München führt.“
Werbeboom in Saudi-Arabien
Während dänische Firmen wegen des Streits um die Mohammed-Karikaturen Verluste machen, spült die Kontroverse der Werbebranche in Saudi-Arabien viel Geld in die Kassen. Die saudi-arabische Zeitung „Arab News“ berichtete am Donnerstag, die Werbeagenturen des islamischen Königreichs plazierten inzwischen täglich Dutzende großformatiger Anzeigen in den Zeitungen, in denen sie entweder erklärten, daß die Produkte ihrer Kunden nicht aus Dänemark stammten oder daß sich diese Firmen dem Boykott dänischer Produkte angeschlossen hätten.
Das gleiche Blatt schrieb am Donnerstag, die französische Supermarktkette Carrefour habe den Import dänischer Produkte nach Saudi-Arabien eingestellt und alle bereits eingeführten Waren aus Dänemark aus den Regalen genommen. „Es ist unbekannt, ob Carrefour nun auch französische und deutsche Waren entfernen wird, nachdem Zeitungen in diesen Ländern die Karikaturen ebenfalls abgedruckt haben“, hieß es.
In Saudi-Arabiens armem Nachbarland Jemen sollen die einheimischen Importeure dänischer Produkte bis zum vergangenen Dienstag Verluste in Höhe von einer Milliarde Rial (rund 4,23 Mio Euro) erlitten haben. Das geht aus einer Umfrage der Zeitung „Al-Thawra“ hervor. Im Sudan hatte der Rat der Muslimischen Religionsgelehrten am Mittwoch abend als Reaktion auf die Karikaturen eine Kampagne gegen die „Feinde des Islam“ angekündigt. Sie forderten die Regierung auf, die diplomatischen Beziehungen zu Dänemark und Norwegen abzubrechen. Norwegen gehört zu den Nationen, die den Friedensprozeß zwischen Khartum und der Rebellenführung im Südsudan hinter den Kulissen maßgeblich unterstützt hatten. Auch ein norwegisches Blatt hatte die Karikaturen nachgedruckt.
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