10.02.2006 · Seit den Mohammed-Karikaturen greifen viele islamische Länder hart gegen Medien durch: Doch nicht jede Veröffentlichung der Karikaturen hatte solche Folgen. Ein Beispiel aus Ägypten, Oktober 2005.
Von Hans-Christian Rößler, Rainer HermannDie Mohammed-Karikaturen hielten die beiden für ähnlich abstoßend, wie wohl die meisten Jordanier. Mjihad Momani und Hisham Khalidi wollten jedoch, daß ihre Leser sich selbst einen Eindruck verschaffen können. Weil sie das auch getan haben, sind die beiden Chefredakteure der jordanischen Wochenzeitungen „Shihan“ und „Al Mehwar“ seit fast einer Woche in polizeilichem Gewahrsam.
Ihre Stellen haben sie schon verloren, jetzt drohen ihnen bis zu drei Jahre Haft sowie mit dem Ausschluß aus dem Journalistenverband eine Art Berufsverbot. Hart gehen die Behörden in islamischen Ländern gegen die wenigen Zeitungen und Sender vorgegangen, die eine oder mehrere der Zeichnungen aus der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ nachgedruckt hatten.
Das Tabu gebrochen
Nicht jede Veröffentlichung der Karikaturen in der islamischen Welt hatte jedoch solche Folgen. Keine Reaktion hatte es gegeben, als das enfant terrible der ägyptischen Presse, Adel Hammouda, in seiner Wochenzeitschrift „Al Fagr“ (Die Morgendämmerung) am 17. Oktober die Karikaturen nachgedruckt hatte, also im Fastenmonat Ramadan.
Al Fagr ist dafür bekannt, die Regeln der „politischen Korrektheit“ ständig zu verletzen. Unzählige Male war der streitlustige Hammouda angeklagt. Im vergangenen Herbst war Hammouda der erste, der das Tabu gebrochen hatte, nicht über die Familie des Präsidenten zu schreiben. Er kritisierte den politischen Einfluß der Ehefrau des ägyptischen Präsidenten Mubarak und äußerte sich kritisch über dessen Gesundheitszustand.
„Korruptheit der islamischen Diktaturen“ verstecken
Unmittelbar nachdem ein ägyptischer Blogger herausgefunden hatte, daß Al Fagr die umstrittenen Karikaturen am 17. Oktober auf seiner Titelseite und im Innern des Blatts gedruckt hatte, nahm die Redaktion die Ausgabe Nummer 21 aus ihrem Internetportal. Der Blogger, der sich „Egyptian Sandmonkey“ nennt, stellte jedoch eine gescannte Fassung auf seine Seite, und er fragte seine Leser, ob die Ägypter nun auch ägyptische Produkte boykottieren sollten. Seine jüngste Ausgabe widmet Al Fagr dem Thema „Bilder der Propheten“.
Dazu erstellte sie eine 16 Seiten umfangreiche Beilage, die im Internet indessen nicht einzusehen ist. Hingewiesen wird auf sie mit dem Aufmacher: „Die Christen segnen sie ab, und die Muslime waren Europa in der Darstellung von Mohemmad ja vorausgegangen.“ Erst vor wenigen Tagen hatte Hammouda vermutet, der „muslimische Krieg gegen Dänemark“ sei nur ein Vorwand, um die „Korruptheit der islamischen Diktaturen“ zu verstecken.
Teilweise hysterische Reaktionen
Der liberale ägyptische Intellektuelle Salama Ahmad Salama bedauert, daß als Folge des Konflikts um die Karikaturen die Grenzen zwischen Radikalen und Gemäßigten unscharf geworden sind. Das sei auch bei den Medien der Fall, von denen einige informierten und andere, die nur den Streit anheizten. In Kairo war erst in der vergangene Wochen buchstäblich in der letzten Minute verhindert worden, daß eine der umstrittenen Zeichnungen in der regierungsnahen Zeitung „Al Akhbar“ erschien. „Der Fehler“ sei jedoch kurz nach Andruck bemerkt, korrigiert und die Auflage vernichtet worden, hieß es später. Agenturen berichteten jedoch, daß von der ersten Auflage mehrere zehntausend Exemplare schon ausgeliefert worden seien.
In anderen islamischen Staaten wurde dagegen zum Teil hysterisch reagiert. In Algerien reichte schon eine Filmsequenz von etwa zehn Sekunden im staatlichen Satellitensender „Canal Algerie“, die die Zeitung „France-Soir“ zeigte, die die Zeichnungen publiziert hatte, um einen Sturm der Empörung hervorzurufen; sie führte nach algerischen Medienberichten zu personellen Konsequenzen bei dem Sender. Auch eine algerische Zeitung soll verboten worden sein.
Vorwurf der „Blasphemie“
In Asien bekamen Journalisten ebenfalls harsche Folgen zu spüren. Die malaysische Zeitung „Sarawak Tribune“, die mit dem Abdruck der Zeichnungen ihre Leser informieren wollte, darf nicht mehr erscheinen. Ministerpräsident Badawi nannte das Vorgehen „verantwortungslos und unmenschlich“. Die Zeitung teilte unterdessen mit, der verantwortliche Redakteur habe auf eigene Faust gehandelt und „freiwillig“ gekündigt.
Nach Agenturberichten wurde er auch von der Polizei verhört. In Indonesien wurden zudem 3000 Exemplare der Wochenzeitung „Peta“, die die Karikaturen nachgedruckt hatte, aus dem Handel genommen; die Behörden erwägen, gegen die Redaktion wegen „Blasphemie“ vorzugehen.
Versuche, den Observer „zu erpressen“
Im Jemen mußten gleich zwei Zeitungen ihr Erscheinen einstellen. Im Fall der arabischsprachigen „Al Hurrija al Ahlija“ erging auch ein Haftbefehl, wie das internationale „Committee to Protect Journalists“ in New York mitteilte und sich „alarmiert“ angesichts dieses Eingriffs in die Pressefreiheit zeigte. Bekannter in Deutschland ist dagegen der englischsprachige „Yemen Observer“, dem ebenfalls die Lizenz entzogen wurde. Während der Entführung der Familie Chrobog war dessen Online-Dienst eine wichtige Informationsquelle.
Die Zeitung hatte nach eigener Darstellung auf einer Seite Teile der Karikaturen abgebildet - unter einem großen schwarzen X, „um gegen sie zu protestieren“. Chefredakteur „Mohammed al Asadi versteht daher die Welt nicht mehr: Man sei immer für Dialog und friedliche Koexistenz eingetreten. „Wir sind gegen die Veröffentlichung der Karikaturen. Zugleich sollten wir aber die mehrfachen Entschuldigungen der dänischen Redakteure akzeptieren“, schreibt er auf der Internetseite. Gleichzeitig stellt er den Entzug der Lizenz in Zusammenhang mit Versuchen einer jemenitischen Konkurrenzpublikation, den Observer „zu erpressen“.
„Größtes Bedauern und tiefes Schuldgefühl“
In Jordanien wurden die Wochenzeitungen „Shihan“ und „Al Mehwar“ zwar nicht geschlossen. Ihre beiden Chefredakteure wurden aber entlassen und befinden sich - wegen gesundheitlicher Schwierigkeiten - unter polizeilicher Bewachung im Krankenhaus. Mehrere Anträge, sie auf Kaution ganz freizulassen, lehnte die Generalstaatsanwaltschaft bisher ab - obwohl „Shihan“-Chefredakteur Momani in einer schriftlichen Mitteilung zwar sein „größtes Bedauern und tiefes Schuldgefühl“ ausdrückte.
Der Nachdruck dreier Zeichnungen habe nur „das Ausmaß der Beleidigung“ illustrieren sollen, der dazugehörende „Bericht, machte ganz deutlich, daß wir mit im Schützengraben zur Verteidigung unseres wahren Glaubens und des Propheten Mohammed liegen“. Auch Momanis Kollege Khalidi hatte seine Entscheidung für einen Abdruck aller zwölf Karikaturen ähnlich begründet.
Widerspruch gegen die international übliche Medienfreiheit
In Jordanien empörten die publizierten Karikaturen viele Menschen, die Regierung wie der größte Journalistenverband protestierten dagegen. Menschenrechtler sind besonders darüber besorgt, daß die öffentliche Aufregung zu sehr Einfluß auf den juristischen Umgang mit den beiden Journalisten haben könnte. „Es wäre peinlich, wenn diese Redakteure auf freiem Fuß blieben, während es eine nationale Kampagne mit dem Ziel gibt, die Europäer zu verurteilen, die die Karikaturen veröffentlicht haben, sagt der Anwalt Hisham Qaisi.
Das unabhängige „Zentrum für die Verteidigung der Freiheit von Journalisten“ in Amman ist nicht nur wegen der Politisierung der beiden Fälle besorgt. Vor allem sei man darüber entrüstet, daß Momani und Khalidi weiter in Gewahrsam bleiben. Diese Strafe sei eine Art der Vorverurteilung und widerspreche der international üblichen Medienfreiheit.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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