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Karikaturenstreit Hinter dem Bombengürtel

15.02.2006 ·  Was die Karikatur im „Tagesspiegel“ noch deutlicher als die in „Jyllands-Posten“ zeigt: Es geht nicht um Ehre und Respekt, sondern um den zivilisatorischen Grundvertrag, als dessen erste Verfechter die Karikaturisten erscheinen.

Von Michael Hanfeld
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Man überlegt es sich schon: Sollen wir die Karikatur nun nachdrucken oder lieber nicht? Ende September des vergangenen Jahres, als die „Jyllands-Posten“ ihre Mohammed-Serie auflegte, schien die Abwägung vergleichsweise leicht: Man kann, muß aber nicht dokumentieren, wohl aber erklären, woran sich eine Auseinandersetzung entzündete, die irrwitzige Ausmaße angenommen hat und von einigen Predigern und islamischen Regimes jeden Tag aufs neue befeuert wird, koste der Aufruhr auch Tote sonder Zahl.

Das war im September 2005. Jetzt ergeht es dem „Tagesspiegel“ ähnlich wie der dänischen Zeitung, und man kann dieselben Überlegungen anstellen, dabei hat die Karikatur, die am 10. Februar erschien und seither Iran den Vorwand bietet, sich zu erregen, nicht einmal einen religiösen Hintergrund: Der Zeichner Klaus Stuttmann hat vier iranische Fußballspieler gezeichnet, die Bombengürtel umgeschnallt haben, und daneben vier Bundeswehrsoldaten.

Wohl die passende Begleitmusik

Seine Intention war, wie der „Tagesspiegel“ erklärt, den Einsatz der Bundeswehr bei der Fußballweltmeisterschaft zu karikieren, und nicht, die iranischen Fußballer lächerlich zu machen. Doch will das iranische Regime, das die Bundeskanzlerin zwischenzeitlich mit Hitler verglich - wofür wohl niemand glaubt, sich entschuldigen zu müssen -, solche Erklärungen nicht hören. Zuerst hat die iranische Botschaft protestiert, dann bekam der Zeichner Morddrohungen und mußte abtauchen, und gestern gab es einen Aufmarsch vor der deutschen Botschaft in Teheran.

Studenten, die der paramilitärischen Gruppe Basidsch (Freiwillige) nahestehen, zogen auf, riefen „Tod Deutschland“, „Deutschland, du bist ein Faschist und Diener der Zionisten“ oder „Amerikanisches Deutschland, schäm dich“ und begannen, das Gebäude mit Molotow-Cocktails zu bewerfen. Man darf annehmen, daß die Regierung von Mahmud Ahmadineschad dies als die passende Begleitmusik zum Streit um das iranische Atomprogramm erachtet.

Es geht um den zivilisatorischen Grundvertrag

Daß die Zeichnung des „Tagesspiegel“- Karikaturisten bloß Vorwand für derlei blutige Auftritte ist, ist noch deutlicher zu erkennen als bei der „Jyllands-Posten“. Deren Mohammed-Zeichnungen wurden erst durch die willkürlich mit Absurditäten bestückte Mappe mit 43 Bildern, die dänische Islamisten im Dezember und Januar auf einer Rundreise durch den Nahen Osten vorlegten, zum Auslöser des Aufruhrs. Nicht die Karikaturen, sondern diejenigen, die sie als haßschürendes Kulturkampfinstrument in die Hand nahmen, haben ihn bewirkt. Ihnen sind die Übergriffe und die Toten zuzurechnen.

Es ist eine Machtdemonstration, der es in jedem Fall entgegenzutreten gilt. Wer, wie Günter Grass in „El Pais“, hier nicht eine, sondern zwei „Un-Kulturen“ gleichrangig am Werke sieht und meint, „wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen“, hat seinen demokratischen Kompaß und die Achtung vor der Pressefreiheit verloren. Hier geht es - das zeigt der Fall des „Tagesspiegels“ umso deutlicher - nicht um Geschmacksfragen, nicht um Ehre und Respekt, sondern um den zivilisatorischen Grundvertrag, als dessen erste Verfechter dieser Tage die Karikaturisten erscheinen, wo, wen oder was auch immer sie mit spitzer Feder ins Visier nehmen. Es ist bezeichnend, daß man darauf im Jahr 2006 eigens hinweisen muß.

Harmlos waren nur die Zeichnungen

Und es ist beinahe schon erschütternd, daß die Chefredaktion des „Tagesspiegels“ sich damit erklären muß, daß ihre Karikatur „sich innerhalb dessen“ bewegt, „was in diesem Land von der Presse- und Meinungsfreiheit gedeckt ist“. Sie tut nicht nur das, wir hätten sie sogar vergleichsweise harmlos genannt. Doch war das, bevor den Zeichner die Morddrohungen erreichten.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan muß Karikaturen, die ihn in Tiergestalt zeigen, übrigens ertragen. Ein Gericht in Ankara hat seine gegen das türkische Satiremagazin „Penguen“ gerichtete Klage abgewiesen. Erdogan hatte Schmerzensgeld von 40.000 Lira (25.000 Euro) gefordert, weil ihn die Zeitschrift als Elefanten, Giraffe, Affe, Kamel, Frosch, Schlange, Esel und Ente gezeigt hatte.

Quelle: F.A.Z., 15.02.2006, Nr. 39 / Seite 42
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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