Home
http://www.faz.net/-g88-rz7q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Indonesien Alte Spieler und neue Zweifler

16.02.2006 ·  Der Karikaturenstreit in Indonesien: Selbst liberale Muslime können sich antiwestlichen Gefühlen nicht entziehen. F.A.Z.-Korrespondent Jochen Buchsteiner berichtet aus Jakarta.

Von Jochen Buchsteiner, Jakarta
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Als am Samstag morgen um acht ein paar Dutzend weiß gewandete Muslime auf der Plaza Indonesia „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) skandierten, wollte der Anwalt Mohammed Ganie gerade zum Frühsport. Er stoppte seinen Wagen und beobachtete das kleine Anti-Karikaturen-Spektakel in Jakartas Stadtmitte. „Es war kurios: Der Redner begann ganz leise und berauschte sich dann so sehr an seiner eigenen Empörung, daß er praktisch eine Stunde lang brüllte.“

Es sind nicht nur Muslime und Christen, die dieser Tage befremdet voreinander stehen. Auch innerhalb der islamischen Gemeinschaft fördert der Karikaturenstreit Differenzen zutage. Zwar findet sich in der größten muslimischen Nation der Welt niemand - nicht einmal ein säkularisierter Muslim wie Ganie -, der den Abdruck von Mohammed-Karikaturen verteidigen würde. Aber die Verdauung des Mißfallens könnte unterschiedlicher nicht ausfallen.

Gewalttätige Wutausbrüche im Westen

Im Westen machte Indonesien in den vergangenen Wochen Schlagzeilen mit gewalttätigen Wutausbrüchen. In Surabaya versuchten radikale Muslime, das dänische Konsulat zu stürmen, und wurden erst von Warnschüssen auseinandergetrieben. In Jakarta gelang es Demonstranten, den Eingangsbereich der Botschaft zu demolieren; Fahnen brannten, Haßparolen wurden abgefilmt. Am vergangenen Wochenende gab Kopenhagen dann den Abzug des Botschaftspersonals aus Jakarta bekannt. „Glaubhafte Sicherheitsbedrohungen“ hätten dem dänischen Außenministerium keine andere Wahl gelassen, hieß es.

Ganie kann über solche Eskalationen nur den Kopf schütteln: „Da sprengt etwas jedes Maß.“ In seinem Fitness-Studio, das die Elite der Stadt (inklusive dänischer Diplomaten) anzieht, hat die Affäre die Gemüter nur wenig erhitzt. Es herrsche Einigkeit darüber, daß sich einige europäische Zeitungen eine „Geschmacklosigkeit“ geleistet hätten, aber das reichte nicht einmal für ausreichend Diskussionsstoff in der Sauna.

Zwischen Aufgebrachtheit und Nonchalance

Die lautstarke Aufgebrachtheit von der Plaza Indonesia und die abgeklärte Nonchalance im Fitnessclub markieren die Pole der indonesischen Karikaturendebatte. Dazwischen bewegt sich die Mehrheit der über 200 Millionen indonesischen Muslime, die sich, sofern sie Anteil am Weltgeschehen nimmt, ihre eigenen Gedanken macht und ihrem Weltbild in aller Stille eine weitere antiwestliche Facette zufügt.

Keine der beiden großen traditionellen Muslimorganisationen rief zu Demonstrationen auf. Die Muhammadiyah verurteilte die Ausschreitungen vor den Auslandsvertretungen sogar als „der islamischen Lehre zuwiderlaufend“. Ähnlich äußerte sich die Nahdlatul Ulama (NU). „Unsere Politik ist: kritisieren, aber nicht mobilisieren“, sagt Maszkuri Abdillah, der als NU-Vorstandsmitglied für 30 Millionen Gläubige spricht.

„Die meisten Muslime behalten ihre Gefühle für sich...“,

... sagt Azyumardi Azra, der als Rektor der staatlichen Islamuniversität im Ruf steht, wie kein zweiter die Schichtungen der innermuslimischen Debatte zu kennen und ihre Wirkung einschätzen zu können. In sein Büro pilgern alle, die den indonesischen Islam verstehen wollen, ausländische Wissenschaftler, Botschafter, Politiker. Selbst der amerikanische Präsident Bush wollte ihn sprechen, als er in Bali zu Besuch war. Azrar hatte aber nur eine Frage an ihn: „Wie, Herr Präsident, soll ich den Muslimen hier die Vorzüge der Demokratie predigen, wenn die führende Demokratie der Welt im Irak das Gesetz in die eigene Hand nimmt?“

Azrar gehört zu den liberalen Muslimen im Land, zu denen, die unermüdlich den Dialog der Religionen und gegenseitiges Verstehen predigen. Aber die Skepsis gegenüber dem Westen hat sich auch seiner bemächtigt - und mit den Karikaturen nicht abgenommen. Verächtlich äußert er sich über die radikalen Demonstranten in seinem Land. Diesen „alten Spielern“ komme alles gelegen, was ihnen einen Vorwand liefere, auf die Straße zu gehen. Mit Verständnis aber spricht er über jene, die sich „angewidert“ von den Mohamed-Karikaturen abwenden. Und hier habe es Europa an „Sensibilität“ fehlen lassen. Aus Überzeugung trete er für die Pressefreiheit ein, sagt Azrar, aber wenn sie dazu diene, religiöse Gefühle zu verletzen, könne er sie nicht verteidigen: „Die Karikaturen machen es nicht leichter, hier für die freie Rede zu werben.“

Karikaturenstreit als Rückschlag

Gerade unter den aufgeklärten Muslimen, die das Land seit dem Sturz Suhartos demokratisch reformieren, wird der Karikaturenstreit als Rückschlag empfunden. Die Flaggschiffe der neu errungenen Pressefreiheit, das Magazin „Tempo“ oder die „Jakarta Post“, begleiten die Debatte auffallend europakritisch. In keinem redaktionellen Beitrag wurde dem Westen das Recht zugesprochen, die Grenzen der Pressefreiheit nach eigenen Maßstäben zu vermessen. Der Chefredakteur der „Jakarta Post“, Endy Bajuni, beendete eine leidenschaftliche Polemik mit den Worten: „Laßt uns die Pressefreiheit verteidigen, aber laßt uns dabei nicht aufs Glatteis geraten und in ihrem Namen blind einen schlechten Journalismus verteidigen.“

Der Cartoon-Streit spiele jenen in die Hände, die die errungene Pressefreiheit in Indonesien mit Argwohn betrachteten, meint Bambang Harymurti, der Chefredakteur von „Tempo“. Mit einer klaren Verteidigung der Karikaturen tut er sich aber auch deswegen schwer, „weil die Bigotterie auf beiden Seiten zu Hause ist“. So unbestreitbar es sei, daß interessierte Muslime das Thema hochgezogen hätten, so wahr sei eben auch, daß europäische Zeitungen mit dem Nachdrucken der Cartoons bewußt Öl ins Feuer gegossen hätten.

Westen wird immer kritischer gesehen

Die Auseinandersetzung über die Karikaturen spiegelt einen grundlegenden Wandel im Denken der Indonesier wider. Der Westen wird kritischer gesehen als noch vor einigen Jahren. Zugleich wächst die Besinnung auf die eigenen religiösen Wurzeln. Anwalt Ganie hat diese Entwicklung im eigenen Büro beobachtet. Als er in den achtziger Jahren in die Kanzlei eintrat, wollte ihn niemand zum Freitagsgebet begleiten. So gewöhnte er es sich ab. Inzwischen ist er einer der letzten, der am Freitag noch Einladungen zu ausgedehnten Mittagessen annimmt. Ähnlich entwickelte sich das Aussehen seiner Sekretärinnen. Innerhalb weniger Jahre verwandelten sich die Kopftuchträgerinnen von einer Minderheit in eine Mehrheit.

Vereinheitlicht haben sich auch die Schablonen, in denen über Politik gesprochen wird. Die Auffassung, daß sich der Westen selbstgerecht über die islamische Welt erhebe und ein Stereotyp pflege, hat inzwischen selbst Eingang in liberale Kreise gefunden. Viele Indonesier fühlen sich vom Westen ungerecht beurteilt, weil jeder kleine Gewaltausbruch in den Medien als nationale Kundgebung dargestellt werde. Daß umgekehrt viele Muslime dazu neigen, ein paar Zeitungen in Dänemark, Frankreich und Deutschland mit Europa zu identifizieren und die Folterskandale in Abu Ghraib mit ganz Amerika, wird dagegen verschwiegen.

Klage über „westliche Doppelmoral“

Kaum ein politisches Gespräch vergeht, ohne daß die „westliche Doppelmoral“ beklagt wird. Die Gleichungen, die dabei aufgemacht werden, klingen in europäischen Ohren zum Teil befremdlich. Während Teheran das Recht auf eine nukleare Option abgesprochen werde, frage niemand nach Israels Atombomben, heißt es. Die westliche Politik fordere demokratische Standards in der islamischen Welt, aber wenn die Palästinenser sich in freien Wahlen für die Hamas entscheiden, werde die neue Regierung isoliert, lautet ein anderer Vorwurf. Und nun die Karikaturen: Westliche Zeitungen druckten „anti-muslimische“ Zeichnungen, während antisemitische Witze verboten seien.

Einige dieser Vorwürfe wurden am Wochenende öffentlich vorgetragen - auf einer Konferenz, die eigentlich dem interkulturellen Dialog gewidmet war. Religiöse Führer aus 17 asiatischen Staaten waren nach Jakarta angereist, um sich auszutauschen. Einigkeit, behauptet jedenfalls der Teilnehmer Anwar Abbas vom Indonesischen Muslimrat MUI, habe man in der Kritik am Westen gefunden.

Daß Doppelmoral auch im Indonesischen kein Fremdwort ist, ließ sich während der Flurgespräche studieren, in denen die Grenzen der Pressefreiheit in Gestalt eines anderen Themas diskutiert wurden: der ersten Ausgabe der indonesischen Ausgabe des „Playboy“. Bei einem Kaffee erläuterte Awwar Abbas Delegierten die Unterstützung seiner Organisation für ein neues „Anti-Pornographie-Gesetz“, das vorschriftsmäßige Damenbekleidung nicht nur für Abbildungen verlangt, sondern auch im Alltag. Er begründete die Initiative mit den Worten: „Nackte oder halbnackte Frauen gehören nicht in den öffentlichen Raum. Die schaut man auf der Toilette an.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

Jüngste Beiträge