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Dänische Imame Mit gespaltener Zunge

06.02.2006 ·  Der Karikaturenstreit nahm seinen Ausgang unter dänischen Muslimen. Ausgerechnet diese könnten jetzt zu einem Ende der Gewalt beitragen. Am Wochenende gründeten sie bereits ein Netzwerk gemäßigter Muslime.

Von Robert von Lucius, Kopenhagen
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Der Streit über die Mohammed-Karikaturen hat längst Asien erreicht. Seinen Ausgang nahm er unter dänischen Muslimen. Sie informierten über informelle Netze, das Internet und auf einer Reise durch die islamische Welt ihre Glaubensbrüder im Nahen Osten und in Südasien über die Karikaturen in einer Zeitung, deren Namen bis dahin kaum jemand außerhalb Dänemarks kannte. Zu den Demonstrationen in fernen Ländern wie Indonesien kamen dann mehr Demonstranten, als die Zeitung „Jyllands-Posten“ Leser hat.

Zu einem Ende der Gewalt könnten jetzt die 180.000 bis 200.000 dänischen Muslime beitragen. Daher bemühen sich Regierung, Politiker und christliche Kirchen wie nie zuvor um diese Minderheit. Auch Muslime selbst sind sich der Verantwortung bewußt. Am Wochenende gründeten sie in Kopenhagen ein Netzwerk gemäßigter Muslime.

Kompromißloses Eintreten für Pressefreiheit

Auch wenn viele Dänen kritisieren, daß die Regierung unter Ministerpräsident Rasmussen in der Frühphase der Auseinandersetzung Fehler gemacht habe, stehen jetzt nicht nur die Parteien, sondern auch die meisten Dänen hinter dessen Vorgehen. Das gilt besonders für sein kompromißloses Eintreten für die Pressefreiheit. Geändert aber hat sich die Haltung den Sprechern der Muslime gegenüber, vor allem den Imamen. Sie würden nach dem Ende des Konflikts die Folgen spüren, sagen selbst linksliberale Dänen.

Ein Gesetzesvorschlag, jene Imame, die den Streit vermeintlich oder wirklich geschürt haben, auszuweisen, findet offenbar nicht nur im Parlament, sondern auch in der Bevölkerung breite Zustimmung. Die rechtspopulistische Dänische Volkspartei hatte das vorgeschlagen. Unterstützung kommt von den beiden Regierungsparteien - der rechtsliberalen Venstre und den Konservativen - sowie von Teilen der oppositionellen Sozialdemokraten.

„Informationsreise“ durch Nahen Osten

Immer wieder heißt es, dänische Imame hätten mit gespaltener Zunge gesprochen, sanft und versöhnlich, wenn sie auf dänisch in Dänemark redeten, aufhetzend aber auf arabisch, wenn sie mit arabischen Rundfunksendern redeten oder mit Partnern in arabischen Ländern auf einer „Informationsreise“ durch den Nahen Osten, auf der sie auf die zwölf Karikaturen aus „Jyllands-Posten“ aufmerksam machten, aber auch auf „Karikaturen“, die nie in Dänemark erschienen waren oder schlichte Fälschungen gewesen sein sollen.

Auch Rasmussen wirft ihnen gezielte Falschinformationen vor. Stets wird dabei auf Imam Abu Laban hingewiesen, das Oberhaupt der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Dabei geht es offenbar auch ihnen, wie den radikalen Gruppen in Palästina, dem Libanon und Iran, darum, schwindenden Rückhalt zurückzugewinnen und sich als Sprecher der vielfach gespaltenen Gruppe muslimischer Dänen zu zeigen.

Fünftel der „dänischen“ Muslime „aktive“ Gläubige

Etwa ein Viertel der dänischen Muslime kommt aus der Türkei, andere aus dem früheren Jugoslawien, dem Libanon und Pakistan. In ganz Dänemark gelten zwischen 25.000 und 40.000 Muslime, also ein Fünftel, als „aktive“ Gläubige; nur 3.000 Muslime kommen regelmäßig zu den Freitagsgebeten in den drei Moscheen. Etwa vier Fünftel der dänischen Muslime praktizieren ihren Glauben nicht.

Nach Ansicht von Religionswissenschaftlern fällt in der Öffentlichkeit deshalb vor allem die winzige radikale Minderheit auf, die mit Glaubenseifer und gelegentlich mit Gewaltbereitschaft in Verbindung gebracht wird. Mit etwa zehn Prozent bilden die Traditionalisten (Islamische Glaubensgemeinschaft) die größte Gruppe. Hinzu kommen die Modernisten (Alternatives Netzwerk der Muslime, Forum für Kritische Muslime, Muslime im Dialog) mit fünf Prozent und die Fundamentalisten (Hizb ut-Tahrir und salafitische Gruppen) mit weniger als fünf Prozent.

Verschiedene Flügel innerhalb der Gruppe

Der Islamischen Glaubensgemeinschaft um Laban, die die Informationsreise in den Nahen Osten organisiert hatte, ohne die der Streit vermutlich nicht seine internationalen Ausmaße bekommen hätte, hat nur etwa tausend Mitglieder in Kopenhagen; sie hat Wurzeln in der ägyptischen Muslimbruderschaft. Hizb ut-Tahrir sieht den Islam hauptsächlich als politische Ideologie und strebt ein Kalifat an. Zusätzlich gibt es in Dänemark mehrere kleine salafitische Gruppen, die den Islam buchstabengetreu deuten und sich gegen westlichen Lebensstil und den Westen als solchen wenden.

Auch innerhalb dieser Gruppen gibt es verschiedene Flügel. In der Islamischen Glaubensgemeinschaft Labans geben sich die einen unversöhnlich im Streit um die Mohammed-Zeichnungen, etwa der junge Imam von Ärhus sowie vermutlich Laban selbst; andere akzeptieren die Entschuldigung der Zeitung und rufen zur Mäßigung auf. Diese Gruppen informieren und beeinflussen nicht nur Muslime in der übrigen Welt mit ihrer Haltung, sondern lassen sich selbst wiederum von außen leiten, etwa vom libanesischen Scheich Fadlallah und von dessen Sprecher.

„Europäischer“ oder gar „dänischer“ Islam

Auch wenn Imam Laban vom politischen Kopenhagen wie auch von der dänischen Bevölkerung kritisiert wird, dürfte seine „Glaubensgemeinschaft“ aus diesem Konflikt gestärkt hervorgehen und damit ihr Ziel erreicht haben, Sprecherin der dänischen Muslime zu werden. Ob das aber für Laban gilt oder für einen der mit ihm um die Rolle als „tonangebend“ rivalisierenden Imame - etwa jenen von Odense, Abu Bashar, der die „Informations“-Delegation nach Kairo geleitet hatte -, muß sich erst noch zeigen.

Den glaubensstarken traditionellen Gruppen stehen die organisierten weltlichen Muslime gegenüber, etwa die „Muslime im Dialog“, deren erste Loyalität eher Dänemark gilt als dem Islam; meist sind sie in Dänemark geboren. Sie unterscheiden zwischen Religion und Kultur und vertreten den „europäischen“ oder gar den „dänischen“ Islam. Erfreut sind auch sie nicht über die Karikaturen, sie akzeptieren aber, daß ihr Gastland die Regeln des Zusammenlebens bestimmt. Auch das Forum für Kritische Muslime versucht, zwischen ihrem Glauben und den europäischen Traditionen zu vermitteln.

„Netzwerk“ für Trennung von Staat und Kirche

Neben diesen wurde am Wochenende vom Schriftsteller und Politiker Naser Khader und etwa 200 gemäßigten Muslimen ein neues „Netzwerk“ gegründet, das Gegengewicht sein will zur Radikalität der Imame. Es setzt sich für Trennung von Staat und Kirche, Meinungsfreiheit, Bürgerrechte und Demokratie ein. Ein Abgeordneter der linksliberalen Partei „Radikale“ hat in den vergangenen Wochen seine Rolle als bekanntester Sprecher der dänischen „weltlichen“ Muslime gefestigt - Ministerpräsident Rasmussen, Vorsitzender der Rechtsliberalen, suchte bei ihm Rat, wie er in der Krise vorgehen solle.

Nicht nur die Muslime sind uneins, auch das Verhältnis zur dänischen Bevölkerung ist schwierig. Das wird am Vorschlag eines angesehenen früheren Journalisten deutlich, christliche Kirchen und Dänen sollten als Zeichen der Versöhnung für den Bau einer zentralen Moschee in Kopenhagen Geld sammeln.

Mahnende Stimmen „von innen“

Das Vorhaben scheitert seit zwei Jahrzehnten nicht nur am fehlenden Geld, sondern auch am Widerstand örtlicher Baubehörden. Mehrere Geistliche griffen diese Idee in den vergangenen Tagen begeistert auf. Andere wandten sich dagegen: Dänemark sei ein lutherisches Land mit einer Staatskirche und sollte nicht „fremde“ Glaubensrichtungen fördern, sagten sie. Daneben gab es auch „von innen“ mahnende Stimmen. Die einen sprechen vom denkbar schlechtesten Zeitpunkt für eine solche Idee, weil das nur als Kniefall oder Bußgabe gedeutet werde.

Andere Religionswissenschaftler warnen, daß eine Hauptmoschee in Kopenhagen „nicht möglich“ sei, weil der dänische Islam zu zersplittert sei und die Muslime sich nicht in einer Moschee versammeln könnten. Wer aber sollte Anspruch auf eine solche zentrale Moschee aller dänischen Muslime erheben können?

Quelle: F.A.Z., 07.02.2006, Nr. 32 / Seite 3
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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