06.03.2007 · Der Artist Pension Trust organisiert eine Mischung aus Altersvorsorge und Marketing. Statt Geld fließt Kunst. Ein Teil des Kulturbetriebs läuft Sturm, doch viele Künstler nutzen das Angebot.
Von Stefan RuhkampAndreas Diefenbach kann sich seine Rente malen. Zumindest einen Teil davon. Wie jeder andere deutsche Künstler zahlt der Frankfurter Maler zwar einen Teil seiner Honorare in die staatliche Künstlersozialkasse ein. Darüber hinaus erwirbt er aber auch Ansprüche im Artist Pension Trust. Diefenbach übergibt dem privaten Pensionsfonds regelmäßig Werke, damit in einigen Jahren viel Geld zurückfließt. "Ich produziere ständig. Da gebe ich lieber Bilder als monatlich 200 Euro für eine Rentenversicherung", sagt der 34-jährige Diefenbach.
Von der Altersvorsorge nach dem Motto "Malen statt Zahlen" hält Michael Lingner dagegen wenig. "Die Rendite ist bei jeder Lebensversicherung höher", sagt Lingner, Professor an der Hamburger Hochschule der Künste. Tatsächlich wird sich erst in vielen Jahren herausstellen, wie ertragsstark der Artist Pension Trust ist.
Und so funktioniert das System, an dem sich weltweit bisher einige hundert Künstler beteiligen, davon rund 100 in Deutschland: Sie liefern innerhalb von 20 Jahren 20 Kunstwerke, die zuvor von einem Kuratorium begutachtet und gutgeheißen werden müssen. Dafür erhalten sie zweierlei Ansprüche. Werden die Werke eines Tages verkauft - frühestens nach fünf Jahren ist das möglich -, gehen nach Abzug von nicht detailliert definierten Transaktionskosten wie Steuern und Zöllen 40 Prozent an den Künstler. 32 Prozent fließen in einen Pool, an dem die Künstler kollektive Ansprüche haben. Die restlichen 28 Prozent des Betrages stehen den Initiatoren und Geldgebern des Artist Pension Trust zu, die bislang rund 12 Millionen Dollar an Kapital bereitgestellt haben.
Rentenpunkte für jedes Werk
Der Pensionspool ist das - allerdings etwas untergeordnete - Versicherungselement des Artist Pensions Trust. Für jedes eingereichte Werk erhält der Künstler Rentenpunkte. Für das erste Werk einen, für das zwanzigste Werk sechs Punkte, insgesamt bis zu hundert. Je mehr Punkte er hat, desto höher sind die Ansprüche des Künstlers gegenüber dem Pool, egal wie viel die Verkaufserlöse seiner Werke zum Gesamtertrag beigetragen haben. Wegen der Beteiligung der Geldgeber könnte nach Abzug der Kosten tatsächlich eine nur magere Rendite übrigbleiben. Zwar werden die Marktwerte für Werke von besonders gefragten Künstlern, wie sie der Artist Pension Trust aus eigenem Interesse bevorzugt, in der Zukunft voraussichtlich steigen. Doch diesen Ertrag könnten die Künstler auch selbst erzielen, wenn sie ihre Werke behalten, auf eigene Kosten lagern und in einigen Jahren verkaufen.
Der Renditefrage stehen allerdings einige gewichtige Faktoren gegenüber. Zunächst lockt die Möglichkeit, zu investieren, ohne Geld verlieren zu können. "Ich bin schlecht im Geldverwalten. Gebe ich Bilder, kann nicht viel passieren", sagt zum Beispiel Maler Diefenbach, der jährlich etwa 50 Werke schafft. Ein weiterer Vorteil ist die Risikostreuung über den Pensionsfonds. Kein Künstler kennt seinen Werdegang und den künftigen Marktpreis seiner Werke. Deshalb gibt der Ausgleich über die große Zahl eine gewisse Sicherheit. Bis zu 250 Künstler werden in einen Trust aufgenommen. Darunter wird vielleicht ein neuer Picasso sein, zumindest dürfen das die weniger Erfolgreichen hoffen. Noch wichtiger dürfte der Netzwerkeffekt sein. Der Artist Pension Trust hat ein Interesse daran, dass der Wert der eingezahlten Kunstwerke steigt. Deshalb sollen Ausstellungen organisiert und Kataloge gedruckt werden. Den Künstlern wirkt so ein höherer Bekanntheitsgrad, was sich auf den Wert aller ihrer Werke auswirken kann.
Knebelvertrag für Künstler?
Kunstprofessor Lingner stellt diese Vorzüge auch gar nicht in Abrede. Er kritisiert aber, dass die Künstler in einem "Knebelvertrag" auf wichtige Rechte verzichten, dass Kunst zum Objekt der Spekulation wird und dass es zu Interessenkonflikten im Kunstbetrieb kommt. Die Kuratoren, die beim Artist Pension Trust über die Aufnahme von Künstlern und die Annahme von Kunstwerken als gültige Einzahlung entscheiden, sind zugleich Mitglieder in Kuratorien von Museen. Da diese Kuratoren am Geschäftserfolg des Artist Pension Trusts beteiligt seien, handele es sich um ein "Kartell, mit dem eine weitestgehende Marktkontrolle angestrebt wird", schreibt Lingner in einem Zeitungsartikel.
Susanne Prinz, Geschäftsführerin des Artist Pension Trust in Berlin, weist diese Vorwürfe zurück. Der gesamte Kunstbetrieb sei nicht frei von Interessenkonflikten und könne es auch nicht sein. Im Artist Pension Trust seien sie aber auf ein Minimum reduziert. Denn nur solche Kuratoren seien beauftragt, die andernorts ausschließlich für die Organisation von Ausstellungen, nicht aber für den Ankauf von Kunst verantwortlich sind.
Auch den Vorwurf, es handele sich um einen "Knebelvertrag", hält sie für unbegründet. Der Trust kann zwar einzelne Kunstwerke ablehnen und auch den Künstler ausschließen. Dann werden ihm entweder die schon eingereichten Werke zurückgegeben, oder der Trust behält die Werke und der Künstler die bereits erworbenen Ansprüche. Das Kündigungsrecht sei aber nicht einseitig, sagt Prinz. Jedes Mitglied könne einfach damit aufhören, Kunstwerke einzureichen. Das komme einem Kündigungsrecht gleich. Zudem bleiben die Werke Eigentum der Künstler.
Von Berlin bis Mumbai
Entstanden ist der Artist Pension Trust vor fünf Jahren in New York. Der Legende nach erkannte der Risikokapitalgeber Moti Sniberg im Gespräch mit einer befreundeten Künstlerin, wie wenig sich Künstler um ihre finanzielle Zukunft kümmern. Inzwischen gibt es sieben Trusts, unter anderem in Berlin, New York, Mumbai, Mexiko und London. Eine Massenbewegung für notleidende Künstler - angeblich schlagen sich bildende Künstler in Berlin mit durchschnittlich 750 Euro im Monat durch - wird daraus allerdings nicht werden. Denn die Kapitalgeber sind auf der Suche nach Künstlern, die ihren Marktwert schon bewiesen haben. Wer keinen Galeristen hat, hat kaum Chancen, dem Kuratorium zur Aufnahme vorgeschlagen zu werden. Aber es gibt Ausnahmen, sagt Geschäftsführerin Prinz: "Wir haben auch eine Handvoll Mitglieder, die mit einer Initiativbewerbung zu uns gekommen sind."