04.04.2006 · Das Pariser Auktionshaus Piasa führt demnächst für den französischen Auktionsmarkt revolutionäre Neuerungen ein: Zum einen eine Preisgarantie in Höhe von maximal achtzig Prozent des unteren Schätzwerts eines Objekts oder einer geschlossenen Sammlung, zum anderen einen Vorschuß auf den Auktionserlös in Höhe von maximal fünfzig Prozent des unteren Schätzwerts.
Von Angelika HeinickBis zur Reform im Jahr 2001 erlaubte das Gesetz den französischen Auktionshäusern nicht, eine Garantie oder einen Vorschuß auf den Versteigerungserlös zu geben. Diese neue legale Möglichkeit, immerhin ein nicht unerhebliches Mittel zur Kundenwerbung, wurde vor der Reform zwar heftig diskutiert, ist aber mit ihrem Inkrafttreten scheinbar in Vergessenheit geraten; denn keines der französischen Auktionshäuser hat bisher davon Gebrauch gemacht.
Nun bricht ausgerechnet das Pariser Auktionshaus Piasa, dessen gediegenes Image eher für Traditionsbewußtsein als für medienwirksame Coups steht, den Bann und bietet seiner Privatkundschaft demnächst ganz offiziell zwei neue Dienstleistungen an: Zum einen eine Preisgarantie in Höhe von maximal achtzig Prozent des unteren Schätzwerts eines Objekts oder einer geschlossenen Sammlung, zum anderen einen Vorschuß auf den Auktionserlös in Höhe von maximal fünfzig Prozent des unteren Schätzwerts.
Ein „Plus“ für die Kundschaft
Hinter dieser für den französischen Auktionsmarkt revolutionären Neuerung stehen François Pinault und seine Holding „Artemis“, seit der Reform hundertprozentige Aktionärin von Piasa. Man wolle bei Piasa „neuartige Produkte“ einführen, die für die Kundschaft ein „Plus“ darstellen, erklärt Jacques Babonneau, Generaldirektor von Piasa und zugleich Repräsentant von „Artemis“.
Für François Pinault, seit 1998 Eigentümer von Christie's, stellt Piasa ein solides Standbein auf dem französischen Markt dar. Das 1996 aus dem Zusammenschluß der Auktionatoren Jean-Louis Picard, Lucien Solanet, Pierre-Emmanuel Audap und Alexis Velliet hervorgegangene Auktionshaus verfügt über weitverzweigte Kontakte zum Großbürgertum und über ein dichtes Netz von Notaren in ganz Frankreich, die ihre Klienten an Piasa empfehlen - ein Vorteil, der dem Haus zum Beispiel 1998 den Nachlaß von Dora Maar zugespielt hat.
Investition statt Trennung
Doch ein erstklassiger Ruf und vergangene Erfolge genügen nicht mehr, um dem sich zusehends verschärfenden Konkurrenzdruck standzuhalten: Mit dem altersbedingten Ausscheiden von Picard und Solanet ist der Jahresumsatz 2005 um mehr als fünfzehn Prozent auf 32,8 Millionen Euro gesunken. Pinault reagierte nicht mit Trennung, sondern er investiert.
Nach Umbau- und Renovierungsarbeiten bezieht Piasa in diesem Frühjahr drei Etagen in der Rue Drouot und geht mit der Einrichtung zwei neuer Abteilungen für Fotografie und zeitgenössische Kunst in die Offensive. Preisgarantie und Vorschuß auf Auktionserlöse - auf dem amerikanischen Markt ein übliches Mittel beim Einwerben hochkarätiger Sammlungen - sind in Frankreich gesetzlich geregelt: Für jede Preisgarantie muß das Auktionshaus eine entsprechende Bankgarantie vorweisen. Für die Gewährung von Vorschüssen muß das Haus nachweisen, daß es über die nötigen Mittel verfügt - „Artemis“ habe diese Mittel, versichert Jacques Babonneau lächelnd.