10.09.2008 · Die Startklassen-Einteilung ist der Schlüssel der Paralympics. Sie sorgt für annähernd gleiche Voraussetzungen. Und doch bleibt immer ein bisschen Ungerechtigkeit. Das zeigt sich auch derzeit bei den Spielen in Peking deutlich.
Von Christian Kamp, PekingWie achtlos weggeworfen sehen sie aus, die beiden Beinprothesen neben dem Siegerpodest. Rollstühle stehen hinter vielen der Startblöcke. Einer der Schwimmer kommt gerade aus der Umkleide; auf Knien bewegt er sich vorwärts, er hat nur einen Unterschenkel. Anderen fehlen Teile der Arme, oft sind gleich mehrere Gliedmaßen gelähmt. Wieder andere wirken völlig unversehrt auf dem Weg ins Wasser. Es geht, für den Außenstehenden jedenfalls, heillos durcheinander beim Warmschwimmen im Wasserwürfel von Peking. (Siehe: Paralympics-Teilnehmer: Wie behindert muss man sein?).
Nirgendwo anders bei den Paralympischen Spielen sind die Athleten und ihre Körper den Blicken des Publikums derart schonungslos ausgesetzt wie beim Schwimmen. Nirgendwo anders ist die Nahaufnahme so unmittelbar. Nicht, dass es den Sportlern etwas ausmachte – natürlich sind sie es gewohnt, sich so, wie sie einfach sind, dem Publikum zu zeigen. Und wenn das Rennen beginnt, wenn die Schwimmer erst einmal im Wasser sind, haben die Zuschauer ohnehin nichts anderes mehr im Sinn, als die Spannung, die Atmosphäre des Wettkampfes zu spüren.
Zehn Klassen von S1 bis S10
Der Sprung ins Wasser, das ist der besondere Moment. Dann nämlich sind die Sportler mit einem Mal alle gleich, egal welche Behinderung sie haben. Es mag auch beim Start noch ungerecht aussehen. Wie am Mittwoch bei den 50 Metern Schmetterling der Männer: Drei Athleten starteten wegen ihrer Behinderung aus dem Wasser, fünf von den Blöcken. Einer von ihnen fiel mehr ins Becken, als dass er sprang, und lag gleich mehrere Meter zurück. Im Wasser aber geht das Rennen los. Dann hat plötzlich auch der ohne Arme eine Chance gegen Konkurrenten, die die Kraft von beiden nutzen können. So wie der Chinese Junquan He, der mit dem Kopf anschlagen musste und doch Zweiter wurde.
„Man kann nicht vergleichen: Wie ist einer im Rollstuhl und wie ist er im Wasser“, sagt die querschnittsgelähmte Kirsten Bruhn, die über 100 Meter Rücken ihre zweite Medaille bei diesen Spielen gewann. (Siehe: 4. Tag der Paralympics: Fünf Medaillen und ein Dopingfall). Für das Geheimnis des paralympischen Schwimmens genügt der Blick von außen nicht. Man muss sich einlassen auf das, was hinter der optischen Wahrnehmung steckt. Sonst wird man nicht verstehen, wer gegen wen antritt, warum es trotz ganz unterschiedlicher Behinderungen spannend zugeht – und manchmal doch auch ein bisschen ungerecht. (Siehe: Sieger im Leben: Schicksal in Medaillen umgesetzt).
Wer klassifiziert werden will, muss sich vermessen lassen
Die Einteilung in Startklassen ist der Schlüssel des paralympischen Wettbewerbs. Sie sorgt, so gut es eben geht, für gleiche Voraussetzungen in jeder der 20 Sportarten. Schwimmen ist, neben der Leichathletik, am stärksten ausdifferenziert. Zehn Klassen, von S1, den schwersten Behinderungen, bis S10, den verhältnismäßig leichten, dazu noch drei Spezialklassen für Sehbehinderte. Multipliziert man das mit der Zahl der Strecken, kommt man auf eine kaum zu überschauende Zahl von Entscheidungen. 140 sind es in Peking – von 472 bei den Paralympics insgesamt.
Wer schwimmen will, muss während der Saison klassifiziert werden. Wer klassifiziert werden will, muss sich vermessen lassen. Banktest heißt das bei den Schwimmern. Weil man auf einer Bank liegt, während die Gliedmaßen in Zentimetern erfasst werden. Auch die Winkel, in denen Arme und Beine bewegt werden können, gehören zum Bild. Ein zweiter Test dann im Wasser: Wie ist, über eine bestimmte Strecke, die Maximalgeschwindigkeit.
Ein bisschen Ungerechtigkeit wird immer sein
Erst beides zusammen lässt eine Aussage zu über die Vergleichbarkeit der körperlichen Voraussetzungen. Das Kriterium ist der Vortrieb – die Fähigkeit, sich im Wasser vorwärts zu bewegen. Die ist, je nach Behinderung, unterschiedlich ausgeprägt. Hätte jeder Schwimmer nur eine einzige Behinderung, wäre die Einteilung kein Problem. Weil aber häufig vieles zusammenkommt, muss gemessen und gewichtet werden.
Was nach exakter Wissenschaft klingt, ist aber immer nur Annäherung. Und auch die Grenzen zwischen den Startklassen sind ein Stück weit willkürlich gesetzt. Wann ist einer noch S5 oder schon S4? Von „Borderlinern“ sprechen die Schwimmer, wenn einer sich nahe an so einer Grenze bewegt. Und je näher er an der Obergrenze liegt, desto besser seine körperlichen Voraussetzungen. Um die größere Rumpfstabilität ihrer Konkurrentin Katrina Porter auszugleichen, müsse sie eben mehr trainieren, sagt Kirsten Bruhn. Am Mittwoch hatte sie dennoch keine Chance auf Gold.
Jedes Rennen wird mit Leidenschaft begleitet
Ein bisschen Ungerechtigkeit wird immer sein, aber „das hat man in der Natur auch“, sagt Kirsten Bruhn. An der Klassifizierung wird dennoch weiter geschraubt. Bis 2012, so sieht es der Vertrag zwischen dem Internationalen Olympischen und dem Paralympischen Komitee vor, muss das Programm auch im Schwimmen um ein paar Prozent reduziert werden. Möglicherweise werden Klassen zusammengelegt, um zumindest die Zahl der Disziplinen zu erhalten. Womöglich wird es dadurch noch ein bisschen ungerechter werden.
So oder so: Für die Zuschauer scheint es auf so viel Theorie am Ende gar nicht anzukommen. Bis unters Dach sind die Tribünen des Wasserwürfels gefüllt, jedes der Rennen wird mit Leidenschaft begleitet. Paralympisches Schwimmen funktioniert auch auf den ersten Blick: Wer als erster anschlägt, ist der Sieger. Ganz ohne Rechnen, ganz ohne weitere Gewichtung der Ergebnisse. Und das lässt sich so nicht über jede Sportart bei den Paralympics sagen. (Siehe: FAZ.NET-Sonderseite: Paralympics 2008).