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Die Paralympics in China Hoffnung auf die Spiele

03.09.2008 ·  Dreiundachtzig Millionen Chinesen sind behindert: Die Paralympics, die am Samstag beginnen, machen für die Volksrepublik die Frage unausweichlich, auf welcher Grundlage die Gesellschaft prosperieren will.

Von Mark Siemons, Peking
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Kaum war die olympische Schlussfeier vorüber, setzte in den chinesischen Medien die Kampagne für Behinderte ein. Kein Zweifel soll aufkommen, dass der Staat die am Samstag beginnenden Paralympics mit nicht geringerer Perfektion ausrichten will: „Zwei Spiele, ein Glanz“ lautet das Motto. Doch offensichtlich gehen die Absichten Pekings über pure Pflichterfüllung hinaus. Demonstrativ besuchte Staatspräsident Hu Jintao noch während der Olympischen Spiele die chinesische Behinderten-Equipe.

Über eine historische und eine moderne Route ziehen derzeit gleich zwei Fackelläufe durchs Land; die Flamme wurde am Himmelstempel entzündet, was die Regierungsmedien, die neuerdings auch gern Begriffe wie „spirituelle Bereicherung“ verwenden, als Symbol für die Integration von Mensch und Natur interpretieren. Im Fernsehen ist so viel von Behinderten zu sehen wie nie zuvor, über ihre Nöte ebenso wie über ihren Sportsgeist. Anscheinend will Peking die Paralympics nutzen, um einen kulturellen Wandel im Umgang mit Behinderten zu befördern – in einem Umgang, der bisher nicht nur durch den Mangel an behindertengerechten U-Bahnhöfen und Verwaltungsgebäuden gekennzeichnet ist, sondern vor allem durch eine weite Bevölkerungskreise erfassende mentale Ausgrenzung.

Fixierung auf Gesundheit, Schönheit, Talent und Stärke

Dies ist freilich ein widersprüchliches Unterfangen. Die Politik der letzten Jahrzehnte hat die chinesische Gesellschaft mit einer ganz anderen Kultur imprägniert. Die laut offiziellen Angaben 83 Millionen chinesischen Behinderten sind in der Öffentlichkeit kaum sichtbar, weil sie weithin als sozialer Schaden empfunden werden und sich oft selbst so sehen. Das hat auch damit zu tun, dass viele von ihnen den chinesischen Generationenvertrag nicht erfüllen und nicht für ihre Eltern im Alter sorgen können. Die meisten der früheren „Behindertenfabriken“ haben im Konkurrenzkampf zugemacht, und heute weigern sich trotz aktualisierten „Antidiskriminierungsgesetzes“ nicht bloß Unternehmen, sondern sogar Schulen, Behinderte als Mitarbeiter aufzunehmen.

Dies ist das Ergebnis einer in den letzten Jahren immer stärker gewordenen gesellschaftlichen Fixierung auf Gesundheit, Schönheit, Talent und Stärke, bei der ökonomische und politische Motive eng ineinander verwoben sind. Der kapitalistische survival of the fittest kommt zusammen mit einer staatlichen Bevölkerungspolitik, die Paare mit genetischen Erbbelastungen von Heirat abhält oder zu Sterilisierung und Abtreibung verpflichtet. Die Anerkennung und der Respekt, die der Staat nunmehr gegenüber Behinderten einfordert, wird von seiner gleichzeitig sanktionierten Anthropologie also ständig unterlaufen. Das Ausmaß der Paradoxie zeigte sich schon Ende der achtziger Jahre, als der chinesische Behindertenverband, der unter seinem Vorsitzenden Deng Pufang (einem Sohn Deng Xiaopings) viele praktische Verbesserungen für seine Klientel erreicht hat, ein Gesetz zur Vermeidung missgebildeter Geburten forderte.

Nur ein bedingter Beleg für chinesisches Kollektivdenken

Der Sinologe Frank Dikötter hat in seiner Studie „Imperfect Conceptions, Medical Knowledge, Birth Defects, and Eugenics in China“ gezeigt, wie aktuelle eugenische Ideen in China Bezug nehmen auf traditionelle Vorstellungen der Eingebundenheit des Einzelnen in den sozialen und physischen Kosmos. Doch erst durch Marktkonkurrenz und westliche Wissenschaft entwickelte sich aus dem „Tao“, dem Prinzip der allseitigen Natur-Eingebundenheit, der Imperativ, die Natur zu optimieren (einhergehend mit der Verachtung der nichtoptimierten Natur). Traditionell konnte dieses „Tao“ nämlich durchaus auch eine Form annehmen, die von der vermeintlichen Norm abwich, etwa bei dem Lob der Unbrauchbarkeit, das schon vor zweitausenddreihundert Jahren Zhuangzi aussprach.

Durch die Jahrhunderte finden sich in China Zeugnisse sowohl für die Stigmatisierung wie die Integration von Behinderten. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts begrüßten chinesische Intellektuelle dann die eugenischen Ideen, die aus Europa herüberschwappten, als eine weitere Möglichkeit, zugleich Anschluss ans wissenschaftliche Weltniveau zu finden und China wieder stark zu machen. Im Zuge der marktwirtschaftlichen Reformpolitik nahm die Kommunistische Partei diese Argumentationslinie in den achtziger Jahren dann wieder auf.

Der fatale Zwischenzustand der Behinderten in China taugt also nur bedingt als Beleg für die geläufige Vorstellung eines chinesischen Kollektivdenkens, dessen Defiziten durch westliches Denken abgeholfen werden müsse. Vielmehr ist die jetzige Lage gerade auch durch westliche Einflüsse entstanden, die die chinesische Kultur in eine Gleichgewichtsstörung versetzt haben. Die Behinderten machen jedenfalls auch für China die Frage unausweichlich, auf welcher Grundlage die Gesellschaft ihre Prosperität überhaupt anstreben will. Eine eindeutige, ihr Gegenteil ausschließende Antwort wird China jetzt wohl so wenig wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen geben; es ist schon einiges, dass es mit seiner paralympischen Kampagne die eigenen Widersprüche zuspitzt.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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