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Deutsche Bilanz bei den Paralympics „Nichts, null, nada“

17.09.2008 ·  Die Paralympics gehen zu Ende - und im deutschen Team enden sie mit Dissonanzen. Die Erfolgsbilanz von Athen konnte nicht erreicht werden und Leichtathletik-Teamchef Otto wirft dem Deutschen Behindertensportverband Unprofessionalität vor.

Von Christian Kamp, Peking
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Am Ende konnten einem schon die Ohren klingeln. Nicht so sehr von dem ungeheuren Getöse, das die Zuschauer im Nationalstadion oder im Wasserwürfel von Peking Abend für Abend veranstalteten. Dafür umso mehr von der chinesischen Hymne, die an manchen Tagen alle paar Minuten aus den Lautsprechern zu dröhnen schien. Die Melodie jedenfalls dürfte auch den deutschen Sportlern und Funktionären in Erinnerung bleiben, wenn sie nach der Schlussfeier am Mittwoch wieder von den Paralympics nach Hause reisen.

89 Mal Gold für China, 211 Medaillen insgesamt - bei 472 Entscheidungen. Dagegen nimmt sich die deutsche Bilanz von 14 goldenen, 25 silbernen und 20 bronzenen doch recht bescheiden aus. Vor allem, weil mit Rang elf in der Nationenwertung auch das Ziel, eine Verbesserung gegenüber Platz acht in Athen 2004, verfehlt wurde. Nicht, dass es wirklich sinnvoll wäre, Medaillen einfach zusammenzuzählen bei den Paralympics, die so vieles zusammenbringen wollen, was sich nur schwer miteinander vergleichen lässt.

Was tun, wenn klar ist, dass sich am finanziellen Rahmen nichts ändert?

Die Tendenz hinter den Zahlen aber ist offensichtlich. Während China nach dem olympischen auch im paralympischen Sport der große Sprung gelungen ist, tritt Deutschland auf der Stelle - bestenfalls. „Da kommen wir im Moment nicht mit“, lautete das ernüchterte Fazit von Karl Quade, dem deutschen Chef de Mission. Und er meinte damit nicht einmal nur den Gastgeber China (siehe: Paralympics: China feiert seine Behindertensportler ), den er „sogar noch stärker erwartet hatte“.

Auch im Vergleich mit Großbritannien, dessen Sportler sich dank der reichlichen Förderung durch Lottogelder als Vollprofis auf die Spiele 2012 in London vorbereiten könnten, läuft der deutsche Behindertensport bis auf weiteres aussichtslos hinterher. Was aber tun, wenn doch klar ist, dass sich am eigenen finanziellen Rahmen nichts wesentliches ändern wird?

Es bleibt die Politik der kleinen Schritte

Zwar werden die beiden Hauptsponsoren des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), Allianz und Telekom, ihr Engagement wohl fortsetzen, und auch mit der Delegation des Bundestagssportausschusses seien in Peking „gute Gespräche“ geführt worden. Aber eine spürbare Steigerung gegenüber den 4,5 Millionen Euro, die in diesem Haushaltsjahr für das Projekt Paralympics zur Verfügung standen, ist jenseits des Vorstellbaren.

Was bleibt, ist eine Politik der kleinen Schritte - und der Versuch, durch strukturelle Veränderungen etwas zu bewegen: An einer stärkeren Vernetzung von Behinderten- und Nichtbehindertensport, das ist die wichtigste Lehre aus Peking, führt kein Weg vorbei. Die Spiele, so Quade, hätten gezeigt, dass die Leistungen der weltbesten Geringbehinderten inzwischen „fast nationale deutsche Spitze“ seien - es braucht nicht einmal mehr einen Oscar Pistorius dazu. Also müsse auch in den Wettkämpfen mehr als bisher der Vergleich gesucht werden.

Die nichtbehinderten Schwimmer sollen zukünftig die Gegner sein

Quade will deshalb verstärkt mit den Fachverbänden sprechen, einer der ersten Kandidaten ist der Deutschen Schwimm-Verband (DSV). „Die Gegner unserer Schwimmer“, sagt er, „sind nicht mehr bei uns in den Reihen, sondern beim DSV.“ Dessen Regeln jedoch machen es Behinderten bislang fast unmöglich, an Wettkämpfen teilzunehmen. Der DBS hofft nun auch auf das verbindende Wirken seiner neuen Bundestrainerin. Ute Schinkitz, die zum 1. August die erste hauptamtliche Stelle dieser Art überhaupt beim DBS angetreten hat, war zuvor beim DSV unter Vertrag.

Einen neuen hauptamtlichen Bundestrainer gibt es demnächst auch im anderen paralympischen Kernbereich, der Leichtathletik. Dort beginnt am 1. Oktober Willi Gernemann die Arbeit. Der bisherige Teamchef, Ralf Otto, sieht allerdings schwere Zeiten auf die deutschen Leichtathleten zukommen. Fünf Mal Gold holten seine Sportler in Peking (siehe: Paralympics: Der neue alte Star Czyz). Schon in vier Jahren in London aber, fürchtet Otto, könne man „hinter Länder wie Tunesien und Marokko“ zurückfallen.

Otto hält die Arbeit des DBS für unprofessionell

Auch er plädiert für eine stärkere Anbindung an den Nichtbehindertensport. Bislang fehle den Athleten vor allem die Möglichkeit, sich regelmäßig extremen Drucksituationen zu stellen. „Wenn man plötzlich vor 80.000 Zuschauern antritt, macht das manchen schon nervös“, sagt er. Weil es in Deutschland noch die Ausnahme sei, dass behinderte Sportler bei Meetings antreten, könne man diese Erfahrungen nur im Ausland holen - und das kostet Geld, das die meisten nicht haben.

Der Verband, sagt Otto, kümmere sich darum bislang überhaupt nicht. Die Arbeit des DBS hält er für „unprofessionell“, dem Vizepräsidenten Quade attestiert er „ein Leistungssport-Verständnis von vor 20 Jahren“. Den persönlichen Konflikt mit Quade hält er für den Grund, warum er nach 14 Jahren als Teamchef nicht für den Posten des Bundestrainers berücksichtigt wurde.

„Nichts, null, nada“

Weil sich aber die Sportler vehement für einen Verbleib Ottos beim Team - in welcher Funktion auch immer - einsetzten, sollte in Peking noch einmal über die Zukunft gesprochen werden. Passiert aber ist „nichts, null, nada“, wie Otto sagt. Die DBS-Führung habe ihn während der drei Wochen komplett ignoriert. Er will nicht mehr lange auf ein Signal warten. Und wenn keines mehr kommt? „Dann war's das.“ Das Unternehmen Peking endete für das deutsche Team nicht nur mit einem chinesischen Ohrwurm, sondern auch noch mit Dissonanzen in den eigenen Reihen.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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