08.09.2008 · Zwischen Starkult und Zukunftsfrage: Athleten wie Oscar Pistorius - der „schnellste Mann ohne Beine“ - setzen neue Maßstäbe. Viele stören sich daran nicht. Doch wohin steuert der Behindertensport in Olympias Schatten?
Von Christian Kamp, PekingDer große Star ist noch unsichtbar. Zwar ist Oscar Pistorius schon vor einigen Tagen ins paralympische Dorf von Peking eingezogen, doch einen öffentlichen Auftritt hat es bislang nicht gegeben. Auch in der großen chinesischen Medienshow, mit der die Bevölkerung in den vergangenen Tagen auf die Spiele eingestimmt worden ist, hat Pistorius keine exponierte Rolle gespielt.
Der Behindertensport kennt, anders als sein olympisches Pendant, noch keinen echten Starkult. Bei Pistorius allerdings ist das eigentlich anders. In der Geschichte der Paralympischen Spiele hat es noch keinen Athleten gegeben, der mit einer solchen Wucht ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt ist wie der 21 Jahre alte Leichtathlet aus Südafrika.
Hat ein Athlet auf zwei Carbonprothesen einen Vorteil?
Dabei ist die Geschichte des, wie er sich selbst bezeichnet, „schnellsten Mannes ohne Beine“ vor allem die eines Nicht-Starts: Seinen großen sportlichen Traum, die Teilnahme an den Olympischen Spielen, musste Pistorius – zumindest in diesem Sommer – aus einem ganz profanen Grund begraben: weil er die Qualifikationsnorm über 400 Meter nicht erreichte. Wie er aber zuvor gegen alle Widerstände um seine Teilnahmechance gekämpft hatte, bewegte nicht nur Kollegen, Funktionäre und Gerichte, sondern ein weltweites Publikum über die Grenzen des Sports hinaus.
Hat ein Athlet, der auf zwei Carbonprothesen läuft, einen Vorteil gegenüber nichtbehinderten Sportlern? Das ist die Frage, auf die sich der Fall Pistorius an der Oberfläche reduzieren lässt. Für den Sport aber ist es insgesamt eine Zukunftsfrage. Denn es geht auch darum, ob mit Figuren wie Pistorius oder seiner Teamkollegin Natalie du Toit, die trotz eines fehlenden Unterschenkels am olympischen Zehn-Kilometer-Schwimmen teilnahm, ein Ausbruch aus der paralympischen Welt begonnen hat. Ob man künftig die Kriterien dessen, was „normal“ und was eine Behinderung ist, neu überdenken muss. Ob die Grenze zwischen olympischem und paralympischem Sport irgendwann sogar ganz verschwimmt.
Die Liste der Behinderten mit Olympia-Start ist lang
Natürlich gibt es in diesen Pekinger Tagen kaum einen Athleten, der nicht um seine Meinung zum Fall Pistorius gebeten wird. Auch der oberste Paralympier, Sir Philip Craven, wurde damit konfrontiert: Nicht nur, ob es einen neuen Trend gebe, lautete die Frage, sondern auch gleich, ob mit Pistorius die Integration der paralympischen in die olympischen Spiele eingeleitet worden sei. Sir Philip antwortete irgendwo zwischen diplomatisch und genervt. Darum gehe es überhaupt nicht, sagte der Brite, es gehe allein um die Sportler. Pistorius sei „ein großartiger Athlet“, aber es gebe bei den Paralympics auch „3999 andere großartige Athleten“.
Es ist auch weniger die Tatsache an sich, dass Sportler mit Behinderung ihr Glück bei Olympia suchen, als die plötzliche Aufmerksamkeit dafür. Denn die Liste derer, die trotz Handicaps unter den fünf Ringen antraten, ist nicht einmal so kurz. Sie beginnt schon 1904 mit dem amerikanischen Turner George Eyser, der trotz eines Holzbeines sechs Medaillen gewann. Auch in der Leichtathletik, im Schwimmen und im Wasserball, im Schießen oder beim Dressurreiten haben es Sportler mit Behinderungen zu Olympia geschafft – allerdings nicht mit Hilfsmitteln, die den Leistungskern ihrer Disziplin betrafen, sondern - wie die Schwimmerin du Toit, die keinerlei Hilfestellung in Anspruch nehmen darf – einfach trotz eines körperlichen Defizits.
„Die Medaillen sind aus demselben Material“
Für Natalie du Toit ist klar, dass Pistorius' und ihr Fall „nicht zu vergleichen“ seien. Nicht einmal unterhalten hätten sie sich über ihre neue, gemeinsame Popularität. „Ich habe vielleicht dreimal mit ihm gesprochen, davon haben wir zweimal nur hallo gesagt.“ Die 24 Jahre alte du Toit ist eine sympathische Person mit gewinnender Ausstrahlung. „Traum“ und „Leidenschaft“ sind die häufigsten Vokabeln, wenn sie über den Sport spricht. Nur darum, um die persönlichen Ziele, gehe es – gleich, ob man nun bei Olympischen oder Paralympischen Spiele antrete. „In meiner Achtung sind sie beide gleich hoch“, sagt sie. „Die Medaillen sind aus demselben Material.“
Auch der deutsche Leichtathlet Wojtek Czyz, der 2004 dreimal Paralympics-Gold gewann, kann nichts Schlechtes an Pistorius’ olympischen Ambitionen finden. Athleten wie er hätten „viel dazu beigetragen“, dass der Behindertensport immer mehr Zuschauer finde. Den Gedanken, dass diejenigen, die es nicht zu Olympia schaffen, abgehängt werden, hält er für abwegig – zumal solche Fälle „absolut die Ausnahme bleiben werden“.
Leichtathletik und Schwimmen - Pistorius und du Toit?
Es gibt allerdings auch skeptische Töne, vor allem aus den Sportarten, die ohnehin eher im Schatten stehen. Die deutsche Schützin Manuela Schmermund etwa, auch sie eine Goldmedaillengewinnerin von Athen, zieht Pistorius’ Ausnahmestellung zumindest in Zweifel. „Wenn er einen Vorteil hat, wie ein Gutachten das sagt, dann frage ich mich: Ist er wirklich so ein guter Sportler?“ In dieser Woche wird man sich in Peking ein Bild davon machen können.
Am Montag startet Pistorius zum ersten Mal, im Vorlauf über 100 Meter. Auch über 200 und 400 Meter tritt er an. Zu Spektakeln werden seine Rennen in jedem Fall: Für die Leichtathletik-Wettbewerbe wird nun auch der dritte Tribünenrang im Vogelnest geöffnet. Überhaupt konzentriert sich die Aufmerksamkeit in Peking sehr auf Leichtathletik und Schwimmen. Auch im Wasserwürfel sind alle Wettkämpfe ausverkauft. Leichtathletik und Schwimmen – Pistorius und du Toit? Die Chinesen werden jedenfalls nicht nur die großartige Architektur bewundern wollen.
z.B. Turner ohne Beine ?
Paul Rabe (heidelpaul)
- 08.09.2008, 16:26 Uhr