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Rollstuhltennis Die Unschlagbare

12.09.2008 ·  Sie wirkt selbstbewusst, aber nicht überheblich. Auch im Alltag will sie „alles so gut wie möglich machen“. Auf dem Tennisplatz gelingt ihr das: Seit Februar 2003 hat die Niederländerin Esther Vergeer kein Spiel mehr verloren!

Von Christian Kamp, Peking
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Man sollte nicht trödeln, wenn man Esther Vergeer auf dem Tennisplatz erleben will. 14 gespielte Minuten zeigt die Uhr auf dem Centre Court in Peking an - der erste Satz ist da schon vorbei, ein glattes 6:0. Es ist das Halbfinale des paralympischen Turniers, Gegnerin der 27 Jahre alten Niederländerin ist eine Teamkollegin, Jiske Griffioen, immerhin die Nummer vier der Setzliste. Aber was soll man machen, wenn man auf die Frau trifft, die seit Oktober 1999 ununterbrochen die Nummer eins der Weltrangliste ist und seit fünfeinhalb Jahren kein Einzel mehr verloren hat: 347 Siege in Serie. Im ersten Satz gelingen Jiske Griffioen am Freitag nur zwei Punkte gegen sie. Zahl der Unforced Errors von Esther Vergeer: null.

Was treibt einen an, immer weiter zu spielen, immer weiter zu siegen, wenn man doch weiß, dass die Konkurrenz keine ist? Die querschnittsgelähmte Esther Vergeer erinnert sich noch genau an ihre letzte Niederlage, ein Erstrunden-Match im Februar 2003 in Sydney. „Nicht einmal knapp“ sei es gewesen. Aber um das Ergebnis geht es nicht. Es geht darum, dass sie damals „von Anfang an das Gefühl hatte, nicht richtig vorbereitet zu sein“. Und das habe sie, die „auch im Alltag alles so gut wie möglich machen“ wolle, einfach nicht losgelassen.

Keine Kompromisse bei der Vorbereitung

Sie wirkt selbstbewusst, aber nicht überheblich, wenn sie das erzählt. Ehrgeizig, aber nicht verbissen. Man könne nicht sagen, dass sie einfach beschlossen hätte, nur noch zu gewinnen. Aber sie schwor sich, dass sie bei der Vorbereitung keine Kompromisse mehr machen werde. „Mir war klar, dass ich nur noch spiele, wenn ich perfekt vorbereitet bin - oder es ganz lasse.“ Rollstuhltennis ist im Vergleich zu manch anderem Paralympics-Sport nicht allzu weit vom Vorbild entfernt. Der Rollstuhl, natürlich, außerdem darf der Ball vor dem Schlag ein zweites Mal aufkommen - das ist es schon. Nicht einmal nach der Art der Behinderung wird unterschieden.

„Siebzig Prozent des Spiels sind Mobilität“, sagt Esther Vergeer. „Wenn man nicht in die Nähe des Balles kommt, nutzt der beste Schlag nichts.“ Es ist offensichtlich, dass Antizipation und Vororientierung fast noch wichtiger sind als auf zwei Beinen, denn eine Position lässt sich viel schwerer korrigieren. Esther Vergeer ist auch an diesem Tag flinker unterwegs als ihre Gegnerin. Im zweiten Satz unterlaufen ihr zwar ein paar unnötige Fehler. Dann steht es doch wieder 5:0.

Kostenlose Sport-Rollstühle in den Niederlanden

In der zweiten Runde der Paralympics hatte sich ihr Weg mit Katharina Krüger gekreuzt, der einzigen deutschen Spielerin im Turnier. Es war ebenfalls eine kurze Begegnung. 1:6, 0:6. „Ich habe vorher gewusst, dass ich schon verloren habe“, sagt die 18 Jahre alte Berlinerin. Ausgemacht hat es ihr nichts. Immerhin konnte die Weltranglistenfünfzehnte, anders als in ihren ersten beiden Partien gegen Esther Vergeer, ein Spiel gewinnen. An mehr war nicht zu denken. „Es ist immer noch das gleiche dominante Tennis“, sagt Katharina Krüger, „aber sie hat sich noch einmal ganz besonders vorbereitet.“ Wo vorher noch „ein bisschen Babyspeck“ gewesen sei, gebe es jetzt vor allem eines: noch mehr Muskeln. „Sie ist schon unschlagbar.“

Esther Vergeer, die im Alter von acht Jahren - nach einer komplizierten Operation an der Wirbelsäule, die zur Lähmung führte - mit dem Rollstuhltennis begann, mag eine Ausnahmeerscheinung sein. Sie ist aber zugleich auch in guter Gesellschaft: Die niederländischen Athleten dominieren das Rollstuhltennis bei den Männern wie bei den Frauen. „Man macht es Behinderten bei uns sehr leicht“, sagte Esther Vergeer. Wer Sport treiben wolle, bekomme kostenlos einen Sport-Rollstuhl, auch die Trainingsanlagen seien in aller Regel behindertengerecht gebaut. Und Rollstuhltennis ist unter dem Dach des nationalen Tennisverbands organisiert - auch das helfe (siehe: Sieger im Leben: Schicksal in Medaillen umgesetzt).

Ein paar Augenblicke Schwäche auf dem Weg ins Finale

In Deutschland, erzählt Katharina Krüger, ist es so weit noch nicht. Zwar habe sie das Glück, in Berlin einen Klub zu haben, der Rollstuhltennis unterstützt. Eine Anbindung an den Deutschen Tennis-Bund bestehe aber bislang nicht. 50 Spielerinnen und Spieler gebe es in Deutschland - in den Niederlanden seien es fünf Mal so viele. Auch sie setzt auf holländisches Knowhow: Der Nationaltrainer habe sie „unter die Fittiche genommen“ und ihr für die Zukunft Mut gemacht. Er trainiert auch Esther Vergeer. „Irgendwann will ich sie schlagen“, sagt Katharina Krüger.

Zweimal hat die schier Unbezwingbare schon die Paralympics gewonnen. Diesmal zeigt Esther Vergeer auf dem Weg ins Finale für ein paar Augenblicke Schwäche. Gleich fünf Matchbälle nacheinander vergibt sie, Jiske Griffioen gewinnt ihr erstes Spiel. Dabei aber bleibt es. 6:0, 6:1 steht am Ende auf der Tafel. Und: 46 Minuten.

Esther Vergeer hat im Finale am Sonntag in einem niederländischen Duell die an Nummer 2 gesetzte Korie Homan nach 2 Stunden und einer Minute knapp mit 6:2, 4:6 und 7:6 (7:5) geschlagen. (Siehe: FAZ.NET-Sonderseite: Paralympics 2008).

Quelle: F.A.Z.
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