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Paralympics-Teilnehmer Wie behindert muss man sein?

09.09.2008 ·  In Peking haben 23 Athleten Startverbot erhalten, weil sie nach den Regeln des Internationalen Paralympischen Komitees nicht als behindert gelten. Die Diskussion über die komplizierte Gewichtung der Behinderungen ist so alt wie die Paralympics selbst.

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Die australische Leichtathletin Jessica Gallagher wollte bei den XIII. Paralympics in fünf Disziplinen starten, doch eine letzte Untersuchung nach der Ankunft in Peking ergab, dass sie nicht blind genug ist. Der 19 Jahre alte Schweizer Simon Vögeli lebte den Traum von seinen ersten Paralympics. Nach der Ankunft in China war die Geschichte ausgeträumt.

Dem Sprinter fehlt die linke Hand, doch weil sein noch vorhandenes Gelenk nicht steif und der minimale Handansatz beweglich ist, gilt er sportlich plötzlich als nicht behindert, die komplette 4x100-Meter-Staffel der Schweiz wurde gestrichen. Insgesamt wurde 23 Athleten das Startrecht verweigert, bei zwölf von ihnen läuft noch ein Protest. Die Diskussion über die komplizierte Einstufung der Behinderten ist freilich so alt wie die Paralympics selbst.

Das Reglement ist ein Buch mit sieben Siegeln

Sie reicht bis weit in die Veranstaltung hinein - und wird im schlimmsten Fall sogar zu Nachspielen führen. „Das ist kein Zustand, dass Athleten nach Peking fliegen und nicht wissen, ob sie starten dürfen“, sagt der deutsche Chef de Mission Karl Quade: „Man muss ein einheitliches System schaffen, damit vor Beginn der Spiele allen klar ist, ob und unter welchen Voraussetzungen sie dabei sind.“ Quade weiß, dass das ausgesprochen schwer ist: „Das Reglement ist an manchen Stellen ein Buch mit sieben Siegeln.“

Paralympics-Teilnehmer: Wie behindert muss man sein?

Quade hat seine eigenen Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht. 1992 reiste der an einer Fußbehinderung leidende Leichtathlet nach Barcelona, um vor Ort zu erfahren, dass seine Klasse nicht ausgetragen wird. Solche organisatorischen Pannen dürften der Vergangenheit angehören, doch bei den noch heute existierenden Problemen sind dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) die Hände gebunden.

Geistig Behinderte sind nicht zugelassen

Durch die steigende Präsenz der Paralympics in den Medien und die verbesserten Verdienstmöglichkeiten ist auch die Verlockung für Trickser gewachsen. 2000 in Sydney gewann Spanien im Basketball mehrheitlich mit Sportlern, die keinerlei körperliche Behinderung aufwiesen. Deshalb sind geistig Behinderte seit 2004 nicht mehr zugelassen. Außerdem werden verschiedene Leistungsklassen zusammengelegt und mit Faktoren gewertet, um das Programm nicht ausufern zu lassen. Schon jetzt umfasst das paralympische Programm mit 472 Entscheidungen in den 20 Sportarten ein Drittel mehr als Olympia.

Die Wettkampfklassen unterteilen sich in vier große Gruppen: Sehgeschädigte, Körperbehinderte (stehend), Rollstuhlfahrer und Zerebralparetiker (Spastisch Gelähmte). Unmittelbar vor Beginn der Spiele werden die Handicaps der Sportler überprüft und notfalls neue Einstufungen vorgenommen. Sind nicht genug Teilnehmer vorhanden, werden einzelne Wettbewerbe gestrichen.

Kritisch beäugt, weil sie zwei Beine hat

Doch wie sind einzelne Behinderungen zu gewichten? Die durch ein Messer-Attentat verletzte Radsportlerin Natalie Simanowski wird von den Kolleginnen oft kritisch beäugt, weil sie zwei Beine hat, viele ihrer Gegnerinnen aber nur eines. „Dafür haben die einen Unterschenkel, den sie einsetzen können. Meine Unterschenkel sind beide taub“, hält die Ausgburgerin dagegen.

Die japanische Schwimmerin Mayumi Narita gewann von Atlanta 1996 bis Athen 2004 insgesamt 15 Mal Gold im Schwimmen. Im vergangenen Jahr wurde sie an der Hüfte operiert, deshalb neu klassifiziert und in ihrer Paradedisziplin 100 m Freistil prompt nur Fünfte. Knapp 60 der 171 deutschen Athleten mussten sich in China einer Nachuntersuchung unterziehen, insgesamt waren es 898 von etwa 4200. Sie gehören nicht zur Kategorie der „permanent Behinderten“, sondern den neu zu überprüfenden „neuen Behinderten“.

Für zwei deutsche Leichtathleten haben sich die Klassen geändert: Der sehbehinderte Matthias Schröder (Berlin) wird nun in der Klasse T12 statt T13 geführt, für ihn ein kleiner Vorteil. Neuling Ali Garhooni (Haldensleben) wurde sogar mit dem komplett neuen Status CRS belegt, der bedeutet, dass er sogar nach dem Wettkampf noch einmal überprüft wird. Sollte Garhooni eine Medaille gewinnen, dürfte er also nur unter Vorbehalt jubeln - und könnte durchaus noch nach den Spielen aus dem Traum erwachen.

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