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Paralympics Die Versuchungen werden größer

11.09.2008 ·  „Techno-Doping“ ist ein Reizwort im paralympischen Kosmos. „Boosting“, bei dem Sportler ihren Blutdruck durch Eigengewalt erhöhen, ein zweites. Und es gab weitere Versuche, auf zynische Art den Erfolg bei den Paralympics zu suchen.

Von Christian Kamp, Peking
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Es dauerte nur wenige Tage, bis der Wunsch von Sir Philip Craven von der Wirklichkeit überholt wurde. Auf „völlig saubere“ Spiele hatte der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) vor Beginn der Wettkämpfe gehofft. Dann, am vergangenen Dienstag, wurde der erste positive Doping-Test bekannt, ein pakistanischer Gewichtheber.

Am Donnerstag folgten zwei weitere Fälle in derselben Sportart: eine Ukrainerin und ein Athlet aus Mali. Und dazwischen musste auch der Deutsche Behindertensport-Verband (DBS) kleinlaut von einer positiven Probe in den eigenen Reihen berichten – auch wenn der Rollstuhlbasketballspieler Ahmet Coskun offiziell nicht als Paralympics-Fall gilt, weil der Test schon vor der Abreise nach Peking durchgeführt wurde.

Vor allem Gewichtheben ist das Problem

Es sind dennoch etwas viele schlechte Nachrichten in kurzer Zeit für die Paralympics, die ja bei ihrem Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung ungleich mehr auf positive Schlagzeilen angewiesen sind als ihr olympisches Pendant. Natürlich machen drei positive Tests noch kein grundsätzliches Problem. Und natürlich ist es offensichtlich, dass vor allem das Gewichtheben ein Problemfall ist: 15 der insgesamt 18 positiven Proben bei den vergangenen beiden Spielen kamen aus dieser Disziplin. Noch kann Sir Craven also sagen, dass „unsere Bilanz insgesamt sehr, sehr gut“ sei. Aber es bedarf auch keiner allzu großen Phantasie, um sich vorzustellen, dass mit der Professionalisierung der Paralympics auch die Versuchungen für die Sportler größer werden.

In Peking werden erstmals bei paralympischen Sommerspielen neben Urin- auch Blutproben genommen und unter anderem auf Wachstumshormone kontrolliert. Insgesamt 1100 Tests bei 4200 Sportlern führt das Organisationskomitee Bocog unter Aufsicht der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und des IPC während der Spiele durch, 70 Prozent mehr als in Athen. Olympische Dimensionen sind das noch nicht; da gab es zuletzt die Rekordzahl von 4770 Tests bei rund 11.000 Sportlern. Man kann aber auch nicht sagen, dass das IPC die Herausforderung nicht annehmen würde.

Quade: „Wir haben aufgeklärt. Mehr können wir nicht tun“

Und doch stoßen die Fahnder mit ihren Möglichkeiten mehr noch als bei Olympia an Grenzen. Das betrifft zum einen die finanziellen Mittel und die Infrastruktur des IPC. So kann man sich die Aufbewahrung der Proben nur für fünf Monate leisten – bei Olympia sind es acht Jahre. Vor allem aber fehlt der Zugriff auf die Zeit außerhalb der Spiele. In den Teilnehmerländern, das ist kein Geheimnis, ist die Kontrolldichte sehr unterschiedlich ausgeprägt. „Alle auf das gleiche Niveau zu heben ist eine große Herausforderung“, sagt Peter van de Vliet, der medizinische Direktor des IPC.

„Deutschland“, sagt er, „führt ein sehr striktes und umfangreiches Testprogramm durch.“ Auch die Athleten des DBS sind im nationalen Testpool der Nada und unterliegen damit den gleichen Bestimmungen wie die olympischen Kollegen auch. Unangekündigte Trainingskontrollen, Abmeldepflicht – es ist das übliche Programm. Zum ersten Mal hat der DBS auch einen Anti-Doping-Beauftragten mit zu den Paralympics genommen, der die Sportler aufklären und ihnen Ansprechpartner sein soll. „Wir haben die Rahmenbedingungen geschaffen. Wir haben aufgeklärt. Mehr können wir nicht tun“, sagt der deutsche Chef de Mission, Karl Quade. Umso mehr ärgerte er sich über die Dummheit (oder Dreistigkeit) Coskuns, der mit einem maskierenden Wirkstoff (Finasterid) aus einem Haarwuchsmittel erwischt wurde.

„Techno-Doping“ ist ein Reizwort

Für manche behinderte Athleten sind die Anti-Doping-Regeln eine große Last. Die Zwänge seien groß, sagt Quade. Diejenigen, deren Mobilität ohnehin schon eingeschränkt sei, müssten zum Teil einen enormen Aufwand betreiben, um die Vorgaben zu erfüllen. Das Adams-System der Wada, eine Internet-basierte Datenbank, sei „nicht barrierefrei“, weil es „für blinde Sportler überhaupt nicht zugänglich“ sei.

Leistungssteigernde Mittel – das ist das eine. Aber wie verhält es sich mit Leistungssteigerung durch technische Hilfe? „Techno-Doping“ ist ein Reizwort im paralympischen Kosmos. Keiner der Athleten hört es gerne, wenn mit dem Verweis auf vermeintliches Hightech-Material indirekt auch seine eigene Leistung in Frage gestellt wird. „Da muss man die Kirche ein bisschen im Dorf lassen“, sagt der Leichtathlet Wojtek Czyz. Seit 2002 springe und laufe er schon mit der gleichen Prothese. „Das ist keine Hightechschlacht, wie das zum Teil dargestellt wird. Wir haben die gleichen Voraussetzungen.“

Ohne konkurrenzfähiges Material keine Medaille

Die IPC-Regeln sind für jede Sportart klar definiert. Dass Sportler und Hersteller aber dennoch versuchen, bis an die Grenzen zu gehen – und manchmal auch darüber –, liegt nahe. Eines ist klar: „Ohne konkurrenzfähiges Material kann man keine Medaille gewinnen“, wie Karl Quade sagt. Und das ist vor allem eine Frage des Geldes. Zwischen 15.000 und 20.000 Euro kostet eine Prothese, wie Heinrich Popow sie trägt. Eine utopische Summe für Sportler aus ärmeren oder schlechter versorgten Ländern.

Medikamente oder vermeintliches Techno-Doping einmal beiseite: Es sind andere, abscheulichere Versuche der Leistungssteigerung, die den Verantwortlichen im IPC Sorgen bereiten. Beim sogenannten „Boosting“ versuchen die Sportler, ihren Blutdruck durch Gewalteinwirkung zu erhöhen und sich in eine Art Adrenalinrausch zu versetzen: Von Schlägen auf den eigenen Körper, über das Hineinsetzen in spitze Gegenstände bis hin zum Abbinden oder Einklemmen der eigenen Blase reichen die Methoden – vor allem bei denjenigen, die durch einen Nervenschaden keinen Schmerz empfinden. Um bis zu 25 Prozent könne die Leistungsfähigkeit damit gesteigert werden, heißt es. Das Risiko aber ist schwer zu kalkulieren. „Es sind schon Sportler daran gestorben“, sagt Peter van de Vliet.

Und es wäre nicht einmal der erste Versuch, auf zynische Art und Weise den Erfolg bei den Paralympics zu suchen. Den letzten großen Skandal gab es vor acht Jahren in Sydney. Dort, so stellte sich heraus, hatten einige der spanischen Sportler, darunter auch Medaillengewinner, geistige Behinderung nur vorgetäuscht. Geistig Behinderte sind seitdem bei den Paralympics nicht mehr dabei, aber bis ins letzte Detail hineinschauen kann man auch in den Körper nicht.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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