Keine Demütigung der Konkurrenz, keine Geste der Überlegenheit: Es war eine angenehm zurückhaltende Freude, die Oscar Pistorius im Ziel des 100-Meter-Finals ausstrahlte. Wärmer und menschlicher ging es zu an diesem Dienstagabend im Nationalstadion von Peking als noch vor gut vier Wochen bei den Olympischen Spielen, als Usain Bolt seinen unglaublichen Lauf zu Gold auf beinahe anstößige Art und Weise zelebriert hatte. Pistorius, der auch über 200 und 400 Meter an den Start geht, fand sogar noch die Zeit, den gestürzten Titelverteidiger Marlon Shirley zu trösten, bevor er sich zaghaft den vollbesetzten Tribünen näherte.
Zuvor hatte er ein paar mächtige letzte Schritte mit seinen Carbonprothesen benötigt, um ein fast schon verlorenes Rennen noch zu einem goldenen Ende zu bringen. „Ich hatte einen schrecklichen Start“, sagte er später. Die Siegerzeit, 11,17 Sekunden, war dennoch sehr gut. Aber sie war ohne große Bedeutung an diesem Abend. Es ging vor allem darum, wie sich der 21 Jahre alte Pistorius zurechtfinden würde in der paralympischen Welt, nachdem er über ein halbes Jahr lang – und letztlich vergeblich – um einen Start bei Olympia gekämpft hatte.
„Ich freue mich auf London 2012“
Mit dem Streit um seine Teilnahmechance, der bis vor den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) ging, ist der Südafrikaner Pistorius nicht nur zu einer Symbolfigur des Behindertensports geworden. Er hat Werbeverträge mit Weltfirmen wie Nike, Oakley oder Volvo. Er gehört laut „Time Magazine“ zu den hundert einflussreichsten Menschen des Jahres 2008.
Kann das hier also wirklich noch seine Veranstaltung sein? Natürlich betont Pistorius, dass er die Paralympics „nie für eine zweitklassige Veranstaltung halten würde“. Aber einmal unter den fünf Ringen anzutreten, das bleibt sein großes Ziel, seit er erkannt hat, dass er mit Hilfe der Carbonfedern an Stelle seiner amputierten Unterschenkel die Grenze zur olympischen Welt überschreiten kann. „Ich freue mich auf London 2012“, sagte Pistorius am Dienstag. Man konnte sicher sein, dass er nicht die Paralympics meinte.
Der Kampf mit Paragraphen hat Kraft gekostet
Vielleicht hätte er den großen Schritt schon in diesem Sommer geschafft, wenn ihn nicht der Kampf mit Paragraphen mehr Kraft gekostet hätte, als der Sport es eigentlich zuließ. Die eigentliche Geschichte beginnt im vergangenen Jahr: Pistorius hatte gerade seine ersten internationalen Rennen mit Nichtbehinderten bestritten, da ergänzte der Leichtathletik-Weltverband IAAF seine Regeln um einen Passus, der technische Hilfsmittel wie Räder oder Federn verbietet, sofern sie einem Athleten einen Vorteil verschaffen; offensichtlich eine „Lex Pistorius“.
Im Januar 2008 beschloss der Verband explizit, dass Pistorius mit seinen Federn keine Rennen unter IAAF-Regeln mehr bestreiten dürfe. Techno-Doping lautete das Schlagwort seiner Gegner. Pistorius aber zog vor den Internationalen Sportgerichtshof und bekam recht. Es sei nicht erwiesen, dass Pistorius einen Vorteil besitze, stellte der Cas im Mai fest.
„Dem Behindertensport für die Zukunft eine Tür geöffnet“
Vorsprung durch Technik – oder doch nicht. Genau das ist auch die Frage, die seinen Fall unterscheidet von solchen wie dem seiner Teamkollegin Natalie du Toit, einer beinamputierten Schwimmerin, die sowohl bei Olympia als auch bei Paralympia startete – ohne Prothese. Ein Gutachten hier, ein Gutachten dort. Zu oft saß Pistorius im Flugzeug oder bei Sportwissenschaftlern, anstatt selbst zu trainieren. „Die Reisen haben viel Trainingszeit gekostet“, sagt er. Am Ende schaffte er die Norm über 400 Meter nicht.
Der Kampf aber, sagt Pistorius, habe sich dennoch gelohnt. „Es hat dem Behindertensport für die Zukunft eine Tür geöffnet, und allein das war ein großer Erfolg.“ Für die Athleten ist Pistorius deshalb zu einem Symbol geworden. Aber auch in der Sache erhält er Unterstützung. „Man setzt sich auch nicht einfach in einen Ferrari und wird gleich Weltmeister“, sagt der deutsche Sprinter Heinrich Popow in Anspielung auf den vermeintlichen Technikvorteil. Man müsse lernen, mit der Prothese umzugehen, sie einzustellen, ein Gefühl zu entwickeln. „Die Feder gibt es seit acht Jahren“, sagt Popow, „aber Oscar ist der Erste, der es hingekriegt hat, damit zu laufen.“
„Es gibt keinen Zweifel, dass ich schneller und schneller werde“
Wojtek Czyz, dreimaliger Gold-Gewinner von 2004, sagt, er habe sich über die Cas-Entscheidung „sehr gefreut“. Der Cas habe im Gegensatz zum IAAF-Gutachten, das der Kölner Sportmediziner Gert-Peter Brüggemann erstellte, die „Gesamtheit gesehen“, also Vor- und Nachteile abgewogen. Unbestritten hat Pistorius auf gerader Strecke Vorteile durch die unmittelbare Kraftübertragung. Beim Start, in den Kurven oder bei schlechtem Wetter aber sieht das schon anders aus. Das Wichtigste, sagt Wojtek Czyz, sei aber ohnehin, dass das Urteil von den nichtbehinderten Athleten akzeptiert worden sei. „Damit sollte sich die Diskussion dann erübrigen.“
Ob das allerdings auch noch so wäre, wenn Pistorius den besten nichtbehinderten Läufer eine echte Gefahr würde? Selbst wenn er sich für Olympia qualifiziert hätte – die Laufwelt hätte er dort nicht aus den Angeln gehoben. Mit seiner Bestzeit über 400 Meter, 46,25 Sekunden, hätte er keine Chance gehabt, die Vorläufe zu überstehen. „Es gibt keinen Zweifel, dass ich schneller und schneller werde“, sagt er jetzt. Angesichts von gerade einmal 21 Jahren ist das keine vermessene Prognose.
Und dann? Noch immer spaltet der Fall Pistorius die Leichtathletikwelt. Es mag ein pragmatisches Argument sein, dass die Abwägung – Vorteil oder nicht – nicht für jeden Einzelfall zu treffen ist. Die nachvollziehbare Sorge um einen Kontrollverlust beim Einsatz technischer Hilfen nimmt aber bisweilen auch ideologische Züge an. Was würde geschehen, fragte Helmut Digel, Mitglied im IAAF-Council, kürzlich, „wenn gesunde Sportler sich von beiden Beinen trennen würden“, um an einem spektakulären Wettkampf teilzunehmen? Das wäre ein Argument gegen jede Art von Spitzensport, egal ob olympisch oder paralympisch.
